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Kino

Blutige Emanzipation

Abgehackte Köpfe, lesbischer Sex und ein Killer mit einer Deckenhaube als Maske: Jane Schoenbruns Film »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« ist wild und brillant

Von David Siegmund-Schultze
Foto: Mubi
Gillian Anderson (l.) und Hannah Einbinder haben keine Angst vor Flüssigkeiten

Dieser Blick hat sie nie losgelassen: Billy Presley (Gillian Anderson) sieht den untoten Killer namens »Der kleine Tod« (Jack Haven) über sich und hat einen Orgasmus. Kris (Hannah Einbinder) wiederum hat diese Szene aus dem ersten Teil der (fiktiven) Splasherreihe »Camp Miasma« als Achtjährige gesehen, und dieser Moment, in dem die Kamera die Furcht und das Begehren in den Augen der damals jungen Schauspielerin Billy einfängt, begleitet sie bis heute.

Die Ausgangslage in »Teenage Sex and Death at Camp Miasma«, dem neuen Film von Jane Schoenbrun, ist vertrackt: Die »Camp Miasma«-Reihe – die Verweise auf »Freitag, der 13.« (Sean S. Cunningham, 1980) samt Fortsetzungen sind unübersehbar – soll nach langer Pause fortgeführt werden. Dafür wird Jungregisseurin und »Camp Miasma«-Fangirl Kris engagiert. In den 80ern war der Slasher ein großer Erfolg, etliche Sequels wurden gedreht, Der-kleine-Tod-Figuren, Brettspiele und sonstige Merch-Artikel verkauft, wie man bereits im Vorspann erfährt. Doch dem Kultfilm im Film wurde in der Zwischenzeit Transphobie und Frauenfeindlichkeit vorgeworfen, es braucht also die queere Kris, um das Sequel mit wokem Anstrich wieder vermarktbar zu machen.

Was Schoenbrun später auf die Spitze treibt, wird schon früh angedeutet: Die Grenze zwischen Film und Realität verschwimmt. Wenn Kris Billy am damaligen Drehort der »Camp Miasma«-Reihe besucht, wo die gealterte Schauspielerin mittlerweile zurückgezogen lebt, wirkt das Bergpanorama im Hintergrund wie eine extra aufgestellte Kulisse. Kris will Billy davon überzeugen, bei der Neuauflage des Slashers mitzuwirken, und sofort besteht da eine erotische Anziehung zwischen den beiden. Sie sehen sich gemeinsam das Original an, und schnell wird klar, dass für beide die Schlüsselszene – Billys Entjungferung und Ermordung – eine jeweils besondere Bedeutung hat.

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Billy hat das Drehen der Szene zugleich als Ekstase und Trauma in Erinnerung, erzählt sie Kris. Sie stimmte dem Dreh nur zu, weil es von ihr erwartet worden war. Für den männlichen Darsteller empfand sie nur Ekel und löste sich von ihrem Körper ab. Von außen, aus der Perspektive des Killers, blickte sie auf sich. In dieser Dissoziation, der gleichzeitigen Identifikation mit dem »Kleinen Tod« und ihrem Ausgeliefertsein, konnte sie sich ihrer Lust hingeben. Kris wiederum sind ihr Körper und ihr sexuelles Begehren fremd. Sie hatte noch nie einen Orgasmus gehabt. Lediglich in ihrer fetischistischen Fixierung auf den damaligen Blick von Billy in der Filmszene deutet sich ein Zugang zu ihrer Lust an. Auch sie sehnt sich danach, ein ausgeliefertes Opfer zu sein. »Eine Schlampe« möchte sie sein, beichtet sie Billy beschämt, auch wenn sie weiß, wie frauenfeindlich ihre Gedanken sind.

Kris – mittlerweile vollständig in Billys Bann gezogen – wirft ihr Filmkonzept um. Zum Missfallen des Studios will sie die inzwischen unbekannte, gealterte Schauspielerin wieder zur Hauptdarstellerin machen und den Originalfilm auf den Kopf stellen. Ihre Agentin möchte Kris wieder zur Vernunft bringen, doch es ist bereits zu spät. Längst ist sie in dem Projekt versunken, die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit löst sich endgültig auf – der Film wird Realität. Und Kris ist auf der Suche nach ihrer Lust. Der kleine Tod erwacht.

Schoenbrun hat einen ambitionierten Film über die Kraft des Kinos, die Wirkung der Bilder und ihrer Rezeption geschaffen und knüpft damit an den Vorgänger »I Saw the TV Glow« (2024) an. Als Kind wurde ihre Protagonistin Kris vom Filmbild gleichsam eingesogen und gibt sich als Erwachsene wieder dem Film hin – und wir mit ihr. Der Film im Film übernimmt die Macht über die Figuren. Verschiedene Perspektiven, Realität und Fiktion greifen ineinander. Dass dabei nicht alles aufgehen kann, ist zu verschmerzen. Denn Schoenbruns Ambition zahlt sich aus. Der nächste Film werde wie eine Mischung aus »Porträt einer jungen Frau in Flammen« (Céline Sciamma, 2019) und einem Sequel von »Freitag, der 13.« sein, sagte Schoenbrun 2024. Das Versprechen wird eingehalten.

Denn »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« erzählt vor allem die Geschichte einer sexuellen Befreiung, einer Selbstfindung. Dabei wird die patriarchale Sexualität nicht durch die Abwehr dessen, wie uns ihre filmische Darstellung geprägt, unser Begehren geformt hat, überwunden, sondern in gewisser Weise durch ihre verfremdete Wiederholung, ihre Parodie. Und so erwacht Kris aus dem Spiel von Tod und Orgasmus blutüberströmt und gleichzeitig voller Gelassenheit wie aus einem Reinigungsbad – erlöst von den jahrhundertealten Bildern des sündhaften, abnormalen, gefährlichen Begehrens.

»Teenage Sex and Death at Camp Miasma«, Regie: Jane Schoenbrun, Kanada/UK/USA 2026, 112 Min., Kinostart: bereits angelaufen

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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