Gegen die Regeln
Von Ronald Kohl
Von außen betrachtet führt Suzanne (Hiam Abbass) kein schlechtes Leben. Ihr Mann ist seit etlichen Jahren tot (Pluspunkt), und die beiden Kinder sind aus dem Haus (Doppelpluspunkt). Sie kann sich als alleinstehende Witwe eine geräumige Wohnung in Beirut leisten, und der Job in dem kleinen Textilgeschäft um die Ecke verlangt ihr auch nicht allzu viel ab. Eines Abends auf dem Heimweg wird sie Zeugin eines Überfalls. Ein junger Mann, offensichtlich ein Gastarbeiter, wird von mehreren Libanesen umringt, ausgeraubt und mit einem Messer verletzt, zum Glück nur eine ungefährliche Schnittwunde am Oberarm. Als alles vorüber ist, hilft Suzanne dem armen Kerl wieder auf die Beine und bietet ihm schließlich an, ihn in ihrer Wohnung zu verarzten. Den Besuch der Notaufnahme hat Osmane (Amine Benrachid) abgelehnt; er ist mittellos und ohne Papiere.
In Suzannes Wohnung nimmt Osmane ihre Aufforderung an, zum Abendessen zu bleiben. Lediglich das angebotene Bier schlägt er aus, weil er niemals Alkohol trinkt.
Die beiden einsamen Seelen kommen einander schnell näher. Osmane stammt aus dem Sudan und Suzanne hat palästinensische Wurzeln. Einer interessiert sich für das Schicksal des anderen, und in der Glotze läuft ohnehin nichts Gescheites, immer nur Horrornachrichten. Osmane bleibt bis zum Frühstück. Neugierige Nachbarn, vor allem Nachbarinnen, sehen ihn, als er morgens das Haus verlässt.
»Only Rebels Win« ist nicht der erste Film, der das Schicksal eines Liebespaares erzählt, das sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzt. »Was der Himmel erlaubt« machte 1955 den Anfang, mit Jane Wyman und Rock Hudson in den Hauptrollen. Die Charaktere gehörten in diesem Gesellschaftsdrama zwar unterschiedlichen Schichten an, doch war der Mann nur wenige Jahre jünger als die Frau.
Suzanne ist, als sie Osmane kennenlernt, 64, er Mitte 20. Lustig wird es, als sie heiraten wollen. Für sie als Christin, das kleine Kreuz an ihrer Kette trägt sie stets sichtbar, kommt nur eine kirchliche Trauung in Frage. Deshalb spricht sie beim Kirchenoberhaupt von Beirut vor und legt sofort die Karten auf den Tisch: »Er ist 40 Jahre jünger. Und er ist schwarz. Und Muslim. Und er hat auch keinen Passport.« – »Haben Sie vielleicht noch irgend etwas vergessen?«
Da sich das Rebellische im Titel vornehmlich auf Suzanne bezieht, sind es nicht so sehr die Anfeindungen aus deren Umfeld, also Arbeit, Wohnhaus, Familie, die die wilde Ehe belasten; als Flüchtlingskind hat Suzanne es gelernt, sich zur Wehr zu setzen. Außerdem gibt es in ihrem Viertel auch eine kleine nonkonformistische Gemeinschaft, die für die beiden ein alternatives Hochzeitsfest organisiert.
Sie haben also sich, und sie haben Freunde. Ihre Mesalliance hätte gewiss eine Chance, wäre da nicht Osmanes ausweglose ökonomische Situation. Er findet nur mit Mühe einen Job als Putzkraft in einer Spielhölle. Die Betreiber sind zwielichtige Gestalten, die ihm Drinks aufnötigen. Auch wenn er Suzanne liebt, schätzt er seine Zukunftsaussichten in Beirut realistisch ein. Zudem verlässt Suzannes Tochter während dieser ohnehin schwierigen Zeit ihren Mann, um mit dem Baby bei Suzanne unterzukommen.
Das ist ein freudiges Ereignis für das Publikum, denn Shaden Fakih ist in der Rolle der Tochter ein Ereignis. Als Stand-up-Comedian hatte sie sich 2024 in ihrer libanesischen Heimat den Vorwurf der Blasphemie eingehandelt, woraufhin sie von einer Tournee im Ausland nicht in den Libanon zurückkehrte. Auch Regisseurin Danielle Arbid, die in Frankreich lebt, bedauert es zutiefst, dass sie einen Film wie diesen nicht im Land selbst drehen konnte. Bezüglich ihrer von Neid und Hass zerfressenen Charaktere sagte sie im Interview mit Variety: »Dieselben Menschen, die das Land in einen Bürgerkrieg gestürzt haben, stellen sich hin, um zu richten.«
»Alles Schweine!«, hat Brigitte Mira als Emmi in »Angst essen Seele auf« die genannt. Das war vor einem halben Jahrhundert. Immer und überall die gleiche Scheiße.
Ob Regisseurin Danielle Arbid den Film von Fassbinder kennt, habe ich nicht herausfinden können. In einem ihrer letzten Interviews erzählte Brigitte Mira von ihrem triumphalen Auftritt damals in Cannes: »Ich gehe diese Treppe runter, mit rotem Samt gedingst, oder Plüsch oder was das ist, weiß es nicht; mit Stoffen kenne ich mich nicht so aus.« – Das Geschäft, in dem Suzanne arbeitet, verkauft nur Stoffe.
»Only Rebels Win«, Regie: Danielle Arbid, Frankreich/Libanon/Vereinigte Arabische Emirate, 98 Min., Panorama, 13., 14., 17., 19., 21.2.
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