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Afghanistan

Erreichen die Hilfsgelder die Menschen in Not?

Fünf Jahre Talibanherrschaft: In Afghanistan leiden 14 Millionen Einwohner Hunger, sagt Jaclyn Dolski

Foto: Sayed Hassib/Reuters
Auch afghanische Kinder leiden an Unterernährung (Kabul, 7.1.2026)

Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban hungern in Afghanistan Millionen Menschen. Wie ist die Lage vor Ort?

Die humanitäre Krise in Afghanistan hat nicht vor fünf Jahren begonnen. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Konflikte und politischer Instabilität. Neue Probleme treffen eine bereits stark geschwächte Bevölkerung, die kaum über Ressourcen und Strukturen verfügt, um weitere Belastungen aufzufangen. Derzeit leiden 14 Millionen Menschen in Afghanistan akut Hunger. Das Problem ist nicht nur der Mangel an Nahrungsmitteln, sondern auch der fehlende Zugang: Viele Menschen haben kein regelmäßiges Einkommen und können sich Nahrung oder Medikamente nicht leisten. Fehlende Arbeitsmöglichkeiten zwingen sie täglich zu schwierigen Entscheidungen, die den weiteren Lebensweg eines Kindes oder einer ganzen Familie grundlegend verändern können.

Sie weisen in einer Mitteilung darauf hin, dass zugleich die finanzielle Unterstützung für das Land zurückgeht. Wie kann angesichts der Unterdrückung von Frauen Entwicklungszusammenarbeit vor Ort geleistet werden?

Afghanische Frauen und Mädchen nehmen die Einschränkungen nicht passiv hin, sondern setzen sich weiterhin für ihre Rechte und die ihrer Familien ein. Für unsere Arbeit sind sie unverzichtbar, weil sie weitere Frauen und Mädchen erreichen, zu denen männliche Kollegen keinen Zugang haben. Die internationale Gemeinschaft hat Bildung, Arbeit und grundlegende Rechte für Frauen jahrelang zur Priorität erklärt. Jetzt darf sie ihr Engagement nicht zurückfahren. Die entscheidende Frage ist: Wird sie an dieser Verantwortung festhalten?

Inwiefern hängen die Frauenunterdrückung und die wirtschaftliche Not miteinander zusammen?

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Wenn Frauen und Mädchen von Bildung und Arbeit ausgeschlossen werden, kann Afghanistan die Hälfte seines Potentials nicht nutzen. Familien verlieren Einkommen, dem Arbeitsmarkt fehlen Kompetenzen und Talente; die Wirtschaft wird geschwächt. Dabei leisten Frauen einen wichtigen wirtschaftlichen Beitrag, etwa in der Landwirtschaft, durch selbständige Tätigkeiten und durch Sorgearbeit. Vieles davon bleibt jedoch informell, bietet kaum Einkommen oder Entwicklungschancen. Frauen Zugang zu Bildung und Arbeit zu ermöglichen, ist daher nicht nur eine Frage der Menschenrechte, sondern eine Investition in die Zukunft des Landes.

Erreichen staatliche Hilfsgelder und Spenden tatsächlich die Menschen in Not, oder kommen sie der Taliban-Regierung zugute?

Wie in vielen fragilen Kontexten erfordert die Arbeit in Afghanistan ein gewisses Maß an Abstimmung mit den Behörden, um den Zugang zu den Gemeinden und die Umsetzung unserer Programme sicherzustellen. Unsere Arbeit basiert jedoch auf den humanitären Prinzipien. Das bedeutet, dass wir unabhängig darüber entscheiden, wen wir unterstützen und wie wir diese Unterstützung leisten. Wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst und stellen sicher, dass unsere Unterstützung und Dienstleistungen diejenigen Menschen erreichen, für die sie bestimmt sind: die Zivilisten.

Die Folgen der Klimakrise verschärfen den Hunger in Afghanistan zusätzlich. Wie beurteilen Sie dieses Problem?

Afghanistan erlebt einige der schlimmsten Folgen der Klimakrise, obwohl das Land wenig zu den globalen Emissionen beiträgt. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt im ländlichen Raum. Ihre Lebensgrundlagen und ihre Ernährungssicherheit sind besonders durch Naturkatastrophen sowie durch immer unvorhersehbarere Erntemengen bedroht. Für Landwirtinnen und Landwirte sind klimatische Belastungen bereits heute allgegenwärtige Realität. Klimabedingte Schocks haben inzwischen Konflikte als Hauptursache neuer Vertreibungen innerhalb Afghanistans abgelöst.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gab 2022 rund 187 Millionen Euro für Afghanistan, 2025 nur noch knapp 50 Millionen. Wie werten Sie es, wenn die Bundesregierung argumentiert, den Menschen helfen zu wollen, ohne dabei die Taliban zu unterstützen?

Anhaltende Unterstützung Deutschlands ist von grundlegender Bedeutung dafür, dass wir unsere wichtige Arbeit fortsetzen können, gerade in einer Zeit, in der die internationale Finanzierung zurückgeht. Wir leisten Nothilfe nach Katastrophen, unterstützen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffene Familien und arbeiten gemeinsam mit Frauen und Männern daran, sicherere und nachhaltigere Lebensgrundlagen aufzubauen. Deutschland blickt auf eine lange Geschichte mit Afghanistan zurück. Es gibt eine gemeinsame Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, die mit dem militärischen Abzug nicht endete. Die Menschen in Afghanistan können es sich nicht leisten, auf eine politische Lösung oder eine stabilere Zukunft zu warten. Unterstützung wird jetzt benötigt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.08.2026, Seite 2, Ausland

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