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Literatur

Überkommene Männerphantasien

Gescheiterter Versuch, sich in Frauen hineinzuversetzen: Najem Walis Roman »Ein Ort namens Kumait«

Foto: Star-Media/IMAGO
Najem Wali auf der Frankfurter Buchmesse 2015

Er kennt sich aus mit Intrigen, Korruption, Machtmissbrauch und politischer Verfolgung im Irak Anfang der 1980er Jahre. Dort geboren, lebt Najem Wali heute im Exil in Deutschland. Wali ist nicht nur Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragter der Schriftstellervereinigung PEN Deutschland, sondern auch ein begnadeter Geschichtenerzähler. In seinem Buch »Ein Ort namens Kumait« dreht sich alles um politische Identität und deren Verlust. Der Roman handelt vom widerständigen 30jährigen Poeten Salih, der sich aus der irakischen Hauptstadt Bagdad als Geschichtslehrer in die miefige Kleinstadt Kumait begibt, um dem Knast zu entgehen. Wovon sich Salih eine Atempause verspricht, wird zu einem Alptraum.

Wali schildert die autoritären Maßnahmen eines tyrannischen Machtapparats. Für Salih scheint es nahezu unmöglich, sich der Verfolgung durch Geheimdienste und provinzielle Herrschercharaktere in Kumait zu entziehen. Am liebsten, sagt er sich, hätte er dem Beamten im zuständigen Amt mitgeteilt: »Mein Lieber, ich habe genug von mir selbst. Ich möchte meinen Namen ändern«. Aber wie kann er sicher sein, dann tatsächlich »keine Vergangenheit« mehr zu besitzen? Der Schuldirektor des Provinzkaffs erinnert den Geschichtslehrer an eine von ihm unterzeichnete Verpflichtungserklärung: »Halten Sie einfach keine Vorträge über Politik oder Geschichte.«

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Salih erhält Einladungen, die man nicht ausschlagen kann: eine Bordelleröffnung, wegen der ein Militärregiment in die Region kommt. Er erfährt politische Gewalt in Form von Lügen, Demütigung, Kontrolle, Überwachung. Repression und Verfolgung durch den Staat lassen sich auch in der Provinz nicht ausknipsen.. Es geht um Barbierbesuche, bei denen alle (Männer freilich) am liebsten über Politik reden; um Geschichtsbücher, über die Salih denkt, dass sie wohl im Rausch geschrieben sein müssten; um Schüler, die nicht an Gott glauben würden, wenn es ihn gäbe. So weit, so spannend.

Versucht der Autor aber, sich in weibliche Figuren hineinzuversetzen, wird es schräg. Die dem Roman aufgepfropfte Liebesgeschichte kommt als schwülstige Konkurrenzgeschichte um die Teenagerin Majda daher. Salih verliebt sich in seine mehr als zehn Jahre jüngere Schülerin, zugleich will aber auch der Oberpatriarch des Provinzstädtchens Majda für sich beanspruchen. Ob revolutionärer Antiheld oder mafiöser Vertreter eines Folterstaats: Die Vorstellung, dass ältere Männer gern junge Frauen erobern, ist im Intrigantenstadl von Walis Roman fest verwoben. Majda sieht den reichen Macho als »Herausforderung« an und nimmt dessen Vergewaltigung en passant hin. Vom sensiblen, resignierten Widerstandskämpfer lässt sie sich mit einer Buchempfehlung von Dostojewskis Novelle »Weiße Nächte« intellektuell beglücken. Aber muss sie sich deshalb in ihren Lehrer verlieben? Dass junge Mädchen grundsätzlich davon träumen, mit älteren Männern Sex zu haben, ist eine überkommene Männerphantasie. Das ellenlange Fabulieren über das ach so bedeutungsvolle Jungfernhäutchen und Ähnliches: In Zeiten von »MeToo« und Gisèle Pelicots Ausspruch »Die Scham muss die Seite wechseln«, wirken solch vermeintliche Liebesdramen antiquiert und abgestanden. Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Lehrer und Schülerin passt nicht zur Revolutionsromantik, die Wali aufkommen lassen will. Die Unterdrückung der Frau wird im Buch dargestellt, als handle es sich um ein Naturgesetz. »Ein Ort namens Kumait« lässt einen mit Erkenntnissen und Fragen zurück. Die maßgebliche ist: Wie kann selbst in fortschrittlichen Kreisen ein solches Frauenbild noch (oder wieder) bestehen?

Najem Wali: Ein Ort namens Kumait. Secession-Verlag, Berlin 2026, 166 Seiten, 25 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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