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Nachfrage im Wandel

Polens neue Volkswagen?

Im Nachbarland werden zunehmend mehr Autos aus China verkauft – zu Lasten der dominierenden Gebrauchtwagenimporte aus der EU

Foto: IMAGO/NurPhoto
Chinas Autobranche auch in Polen im Aufwind: Verkaufsstelle des Herstellers BYD in Warschau

Reklamen für Werkstätten, die Tachos »rekalibrieren« – im Klartext: heruntermanipulieren – sieht man in Polen alle paar Kilometer. Das Auto auf den Straßen des Landes ist im Mittel 15 Jahre alt, etwa doppelt so abgefahren wie in Deutschland. Der Durchschnittswert in Polen könnte sich jetzt etwas reduzieren. Denn Verbände der einheimischen Kfz-Händler haben eine neue Tendenz festgestellt: den Trend zum Neuwagen, und zwar einem aus China. Wie mehrere polnische Medien vergangene Woche meldeten, schlagen die Neuzulassungen von Fahrzeugen aus dem Reich der Mitte in diesem Jahr zumindest in relativen Zahlen alle Rekorde.

Noch vor drei Jahren, so im Juli die Tageszeitung Gazeta Wybor­cza, hätten chinesische Hersteller in Polen nur etwas mehr als 100 Autos verkauft. Im ersten Halbjahr 2026 indes konnten sie ihren Marktanteil auf immerhin 14,8 Prozent der Neuzulassungen erhöhen, 130 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2025. Für das Gesamtjahr 2026 schließt die Branche nicht aus, dass die chinesischen Autobauer bis Jahresende ihren Marktanteil an den Neuzulassungen auf 20 Prozent erhöht haben werden. Der Anteil chinesischer Autos am Gesamtmarkt liegt in Polen inzwischen bei acht Prozent, etwa doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt. Man fängt an, das im Straßenverkehr zu bemerken – und sieht immer mehr Autos, deren Design man so noch nie wahrgenommen hat.

In relativen Zahlen ist die Dynamik beeindruckend, die absoluten zeigen jedoch, dass es bis zu einer »Eroberung« des Automarkts in der Rzecz­pospolita Polska durch chinesische Fahrzeuge noch weit hin ist. Entsprechende Warnungen aus der Branche dürften wohl eher antichinesische Stimmungsmache sein. 2025 wurden landesweit etwa 250.000 Gebrauchtwagen verkauft, ganz überwiegend solche aus Westeuropa. Im Vergleich dazu sind 8.800 oder, aufs Jahr hochgerechnet, vielleicht 20.000 chinesische Neuwagen nach wie vor ein Tropfen auf den heißen Stein.

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Aber der Markterfolg der asiatischen Anbieter in Polen – es sind inzwischen allein aus China etwa 20 verschiedene Marken am Start – hat seine Gründe. Einen hat das Marktforschungsinstitut »Semar« gegenüber der Tageszeitung Rzecz­pospolita vom Freitag genannt: Wer könne, der lege ein paar tausend Złoty drauf (1.000 Złoty entsprechen aktuell 232 Euro) und bekomme anstelle eines Gebrauchtwagens mit oft unbekannter Geschichte – zu der fast immer verschwiegene Unfallschäden gehören – ein neues Auto, dazu nicht schlecht ausgestattet und mit langen Garantiefristen lockend.

Denn auf dem Gebrauchtwagenmarkt dominieren die angejahrten Fahrzeuge. Relativ neue Gebrauchte seien kaum im Angebot, sagen die Marktbeobachter. Denn die Institution »Jahreswagen« (ist dieser Personalrabatt im übrigen nicht auch eine Subvention, wie die EU sie China vorwirft?) gibt es in Polen nicht. Daher auch der immer noch verbreitete Direktimport von Gebrauchtwagen etwa aus Deutschland durch polnische Privatkunden. An dieser Stelle überschneiden sich die Sphären der etwas begüterteren Gebrauchtwagenkunden mit dem chinesischen Neuwagenangebot.

Dabei sind die chinesischen Hersteller nach EU-Angaben auf dem polnischen Markt eher mit Verbrennern als mit E-Autos präsent. Der Grund: Die Chinesen selbst kaufen immer weniger Benziner und steigen verstärkt auf E-Autos um. Diese werden die Anbieter also auch auf ihrem Inlandsmarkt los, obwohl der im Moment kaum noch wächst, sondern sich eher in Richtung E-Auto umschichtet. Zudem verteuert die EU angeblich staatlich subventionierte Elektroautos aus China durch Strafzölle zwischen 18 und 35 Prozent – je nach Marke. Für Verbrenner gelten diese Zölle nicht. Kunststück im übrigen: Wenn die großen Hersteller in der EU – vor allem die in Süddeutschland angesiedelten – ihre dicken Verbrenner überhaupt noch in China verkaufen wollen, kann es sich Brüssel schlicht nicht leisten, die kleineren Fahrzeuge mit Benzinmotor aus China vom eigenen Markt fernzuhalten. Es wäre im Ergebnis wieder ein Eigentor, dies zu versuchen. Der geopolitische Machtverlust der EU kommt auf leisen Sohlen – und wird manchmal über individuelle Kaufentscheidungen von Privatleuten vermittelt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.08.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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