Sich ehrlich machen
Vor fünf Jahren ging ein imperialistisches Projekt zu Ende, dessen Begründung von Anfang an unaufrichtig, dessen Ziel diffus und dessen Durchführung katastrophal war. Der Abzug westlicher Militärs aus Afghanistan geriet zur Flucht vor den herannahenden Taliban, und die Bilder, die um die Welt gingen, vermittelten den Eindruck, dass hier jemand, der die Welt zu kontrollieren beanspruchte, die Kontrolle verloren hatte. Der Menschenrechtsimperialismus entlarvte sich spätestens jetzt als vollkommen haltlos, und der Zweck der ganzen Angelegenheit verlor sich hinter einem moralischen Bombast, dessen Verlogenheit sich an der Geschwindigkeit des Abzugs und am Umgang mit den Helfern im Land erwies.
Bei De Volkskrant aus Amsterdam hat man nichts zu beschönigen: »Fünf Jahre nach dem Fall Kabuls und dem schmachvollen Abzug der westlichen Truppen erscheint die gesamte zwanzigjährige Intervention des Westens in Afghanistan unter Führung der NATO im Rückblick von Historikern wie ein tragisches Mahnmal für strategische Torheit, politische Selbsttäuschung, moralisches Versagen und militärische Unfähigkeit.« Aus dem harschen Urteil spricht allerdings die Enttäuschung über die »lobenswerten Absichten« des Afghanistan-Einsatzes, die indes »in keinem Verhältnis zur Realität und zu den zur Verfügung gestellten militärischen Mitteln« standen. Mehr Geld und mehr Soldaten, und die Sache hätte noch klappen können. Hier hat der Menschenrechtsimperialismus noch echte Fans.
Andere konstatieren ein Desinteresse des Westens beziehungsweise der Bundesrepublik. Die Taz bemerkt: »Afghanistan war für Union und SPD ein Verliererthema, nur mit Abschiebungen und Entwicklungshilfe hoffte man noch auf ein paar Pünktchen. Ansonsten sollten die Ministerien und die Soldaten den Einsatz doch bitteschön einfach abwickeln.«
Die Neue Zürcher Zeitung schreibt: »Kurz gab es eine Diskussion, wie dieses Experiment in ›Nation building‹ so kläglich scheitern konnte. Doch dann beeilte man sich, das leidvolle Kapitel rasch zu schließen. (…) Der Westen hat wenig Lust, sich erneut am Hindukusch zu engagieren.«
Der Kriegseinsatz vorgeblich um der Menschenrechte willen, das wirkt irgendwie vorgestrig. Und die gegenwärtige Zurückhaltung mindestens gestrig. Auf der Höhe befindet sich hingegen die FAZ. Afghanistan »einfach als leeren Fleck auf der Landkarte behandeln«? Das wäre außenpolitisch nicht sinnvoll. »Das rohstoffreiche Land liegt in einer strategisch bedeutenden Nachbarschaft. Russland, China, Iran und Indien nutzen das Vakuum in Afghanistan, um ihren Einfluss auszubauen. Auch wenn Deutschland in der Region kein relevanter Akteur ist, sollte es nicht ganz blind für diese Entwicklungen sein.« Für Äußerungen dieser Qualität musste ein Bundespräsident vor zehn Jahren seinen Hut nehmen. (brat)
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
