Japanisches Wochenbuch
Von Jan Decker
1
In der Zeit, die ich aus Deutschland mitgenommen habe, gibt es eine fotografische Reise um die Welt in 80 Bildern. Auf der einen Hälfte der Doppelseite sieht man die Hausfassade eines Tokioter Ausgehviertels. Auf der anderen Hälfte bunt gestapelte Getränkekisten in einem Hinterhof in Osaka. Wen wundert es, dass unser Japanbild oft so monoton ist? Man könnte auch den Frankfurter Flughafen aus der Luft fotografieren. Ihn neben gestreckte Nudeln in einer Suppe setzen. Ein Bild will ein Teil sein, der für ein Ganzes steht. Doch wenn das Ganze ganz anders ist?
Wenig bekannt ist das wilde Japan. In der Mitte der Insel hat die Natur sich ein Refugium geschaffen. Der größte Teil Japans ist schon lange ein unbezähmtes Ostfriesland, dicht bewachsen mit spitzen Bergen und engen Tälern. Hier trifft man keine Menschen. Tatsächlich wird dieses Japan von seinen Bewohnern stark romantisiert. Und bitter gebraucht. Das japanische Ostfriesland ist ein heiliger Bezirk, der der Superdichte der Küstenlandschaft trotzt.
Diese Einteilung in Superdichte und heiligen Bezirk ist von der Natur vorgegeben. Wie radikal sie umgesetzt ist, das erschreckt den Europäer. Deshalb klammert er sich an sein Japanbild. Er lobt die Metropolen der alten Welt als grüne Oasen. Eine Flatterhaftigkeit, die Japaner haben sie längst abgestreift. Ihr Leben ist ein Schalter mit zwei Stellungen. Eins: Beton und Glas. Null: der schneebedeckte Gipfel des Fuji. Beliebig oft lässt sich der Schalter bewegen.
Es zu begreifen, kostet nicht viel. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum: Ein dichtes Geflecht gleich gezogener Straßenbündel. Nerven. Schalter. Kein Entkommen. Beton und Glas. So weit das Auge reicht. Der Fuji ist nicht in Sicht. Also rein ins Gebäude. Hier kann man sich verlieren. Es ist wie wilde Natur, nur künstlich. Eine Stadt in der Stadt an der großen Küste aus Beton und Glas. Ein sanft getönter Klotz im milden, weichen japanischen Licht.
Mein Einkaufswagen rollt die Rolltreppe hoch. Sacht ist er eingerastet. Mir kann nichts passieren. Kein Erdbeben dieser Welt kann mich hier erwischen. Das will mir Superdichte sagen. Und die Kassen strecken sich zu einer öffnenden Bucht. Sie empfangen mich ohne Warten. Ich zahle wie im Flug. Dann verlaufe ich mich. Auf dem Dach des Klotzes ist ein Parkdeck. Ich hole Luft und suche das nächste freie Stück Natur. Jetzt kommt er wieder, der dämliche Wunsch. Vor ein paar Wochen in Tokio hatte ich ihn zum ersten Mal.
Karl Marx wollte ich aus der Gruft holen. Ihn ein kleines Stück mit mir durch Superdichte führen. Hier auf dem Parkdeck wollte ich stehen und ihm Japans heiliges Dach zeigen, den Fuji. »Siehst du, Karl. Alles nicht so schlimm.« Auch an diesem Feiertag, dem Tag des Sports, an dem mehrere Hundert Menschen unter uns arbeiten, würde er schweigen. Aber keiner beklagt sich. »Karl, was hast du? Keiner beklagt sich.«
Jetzt schweigt er wirklich. Ich lasse den alten Mann auf dem Dach des Tempels stehen, dessen Religion er eintreten wollte. Leider hatte er den Schalter vergessen. Den japanischen Schalter. Oder war seine Theorie ein deutscher romantischer Traum? Ich fahre zu unserer Wohnung. Die Ampeln surren ihr grünes Licht. Autofahrer verbeugen sich höflich. Es ist Alltag in Superdichte. Die Vorstadt träumt den lautlosen Traum vom paradiesischen Kapitalismus. Er ist so nah und so unantastbar. Wie das weiße Dach des Fuji. Wer denkt schon an die Zurückgelassenen?
2
Abendspaziergang in Superdichte. Die Grillen zirpen. Kein Laut sonst. Ein Auto mit Hybridantrieb fährt vorbei. Es flüstert und will die Stille nicht stören. Am Ende der Straße leuchtet ein Getränkeautomat. Für ein paar Momente ist man der einzige Mensch in der vollgestopften Bucht. Die Geschäfte haben geschlossen. Auch unser Friseur macht den Laden zu. Es ist ein kleines Wunder, dass wir an ihn geraten sind. Zuerst hatte sich das anders dargestellt. Nein, der Laden sei nicht mehr offen. Etwas an unserer Erscheinung gefiel ihm nicht. Aber dann siegte sein Ehrgeiz. Mit Händen und Füßen hatten wir ihm erklärt, was es zu tun gibt. Sehr amateurhafte Bewegungen, die den Friseur offensichtlich beruhigten.
Wir spielten verzweifelt Pantomime. Hielten eine Schere aus Luft über unsere Köpfe und ließen den Rasierer mit einem kehligen Brummen im Nacken kreisen. Der Friseur lachte verschmitzt. Er verstand nicht, was wir wollten. Also rief er einen Freund an. Dem sagten wir auf Englisch: links noch mehr. Kürzer. Wegnehmen. Es reicht. Dann bedankten wir uns durch die Leitung bei unserem Friseur.
Hinter der Kasse hatte er eine Reihe goldener Pokale stehen. Waren das die japanischen Meisterzertifikate? Nein, wie wir bald erfuhren. Er war ein vielfach ausgezeichneter Friseur. Vor zehn Jahren hatte er sich den Titel des japanischen Landesmeisters erkämpft. Wir waren beruhigt. So eine Scherenkunst musste die Sprachbarriere überwinden können. Und ein paar Minuten später kam der Dolmetscher zur Tür herein. Er stellte sich neben die Friseurstühle und assistierte dem Landesmeister, der nun ganz in seinem Element war. Zum Abschied traten der Friseur und sein Dolmetscher auf die Straße. Wir verbeugten uns höflich vor der Kunst des japanischen Figaro. Ein seliges Paar! Ich musste bei der Treue des Freundes nicht zufällig an Hachiko denken.
Um Japan zu verstehen, muss man von Hachiko erzählen. Dieser Hund gilt als ein Ausbund an Treue und Aufopferungswillen. Eine Statue vor der Shibuya-Station in Tokio zeigt ihn in Stahl geformt. Er schaut still und tapfer auf die größte Kreuzung der Welt. Ein Gedenktag erinnert an Hachiko. Für viele Kinder und Jugendliche soll er ein Vorbild sein. Die Kids ziehen in trendigen Klamotten an dem Vierbeiner vorbei. Manche nutzen ihn als Treffpunkt für ihre Dates. Was haben die Japaner an dem Hund gefressen?
Hachiko war ein Waisenhund, als ihn Dr. Eisaburo Ueno aufnahm. Der Professor hatte einen festen Tagesablauf. Von seinem Haus ging er zur Shibuya-Station und nahm die Bahn zur Tokioter Universität. Hachiko begleitete ihn jeden Tag, verabschiedete Ueno und trottete zurück. Am Abend wiederholte sich das Ritual. Hachiko wartete vor der Station auf Ueno und ging mit ihm nach Hause. Doch am 21. April 1925 kam sein Herr nicht von der Universität zurück. Professor Ueno war während der Arbeit an Herzversagen gestorben. Nachdem Hachiko ein paar Stunden auf ihn gewartet hatte, machte er sich schweren Herzens allein auf den Heimweg.
Der treue Akita-Hund ging weiterhin jeden Abend zur Shibuya-Station. Er wartete einige Zeit auf seinen Herrn und trottete allein zurück. Bald fiel er den Passanten auf. Sie waren die ersten, die den Kult um Hachiko beförderten. Ein Zeitungsartikel, der über den anhänglichen Vierbeiner berichtete, ging um die Welt. So wurde er zum berühmtesten Hund der 20er Jahre. Und bis zu seinem Tod im März 1934 wartete er vergeblich auf die Ankunft Uenos in Shibuya.
3
Die japanische Vorstadt ist ein riesiger Schlafsaal. Morgens fahren die Menschen zur Arbeit. Wenn die Sonne gesunken ist, kehren sie zurück. Sie fallen erschöpft in ihre Häuser, die große Betten sind. Narkotisierte Straßenzüge strecken sich durch das Land. Hier muss man keine Angst vor Dieben haben. Die Vorstadt ist ein Schlummerparadies. Sie sichert den Menschen vor allem Ruhe. Auf sie wartet die Beschleunigung. Der nächste Morgen ist nicht fern.
Um etwas anderes zu erleben, geht man in das Zentrum einer Großstadt. Am besten sucht man die Stadtviertel mit einem jugendlichen Lifestyle. Harajuku liegt zwischen Tokios wüster Masse aus Einfamilienhäusern und Wolkenkratzern. Die Megastores findet man überall in den anderen Gegenden der Stadt. Hier öffnen sich die Straßen. Große Bäume stehen vor bunten Hausfassaden. Kleine Cafés laden ein. Es ist die Stunde der europäischen Seelenmassage.
Die japanischen Jugendlichen fühlen sich pudelwohl auf den mondänen Boulevards. Viele sind fashionverrückt. Im Oktober wird die Skisaison eröffnet. An warmen Tagen tragen die Kids Skimützen und Moonboots. Japanische Punkrocker sehen blendend aus. Versace hätte sie nicht viel schlechter eingekleidet. So will es vermutlich die Shinto-Religion.
Auf der Straße ist man im Antlitz der Sonnengöttin Amaterasu. Sie hat nach dem Glauben der Japaner die Welt erschaffen. Für die modischen Codes der Jugendlichen gibt es eine Beschränkung nach oben. Um sich abzusetzen, muss man die Flucht nach innen antreten. Man geht aus der Gesellschaft. Man verlässt die japanische Sonne. Etwa eine Million Jugendliche sind Hikikomori. Sie gehen nicht mehr aus ihren Zimmern. Bei zugezogenen Gardinen harren sie aus. Die meisten Hikikomori sind dem Leistungsdruck der Schulen erlegen. Sie finden bei Lehrern keinen Rückhalt. Ihre Mitschüler haben sie als Verlierer abgestempelt. Und die Eltern fordern sie zu Bestnoten auf. So bleiben sie nach einer verpatzten Prüfung einfach zu Hause.
Die Hikikomori sind oft gewaltsam gegen ihre Eltern, mit denen sie auf engstem Raum in einer trostlosen Vorstadt leben. Die Eltern setzen ihre Kinder nicht auf die Straße. Manche kapitulieren und räumen das Haus vor ihren abgeschotteten Söhnen. Denn die Hikikomori sind fast immer junge Männer. Sie zeigen sich nicht mehr der Sonnengöttin. Sie fliehen vor der japanischen Gesellschaft in eine bedrohliche Isolation. Bis jetzt stehen ihnen die Politiker ratlos gegenüber. Dabei sind sie einer jungen Generation von Japanern drängende Antworten schuldig geblieben.
Vieles hat sich verändert. Nach den Wirtschaftskrisen in den 1990er und 2000er Jahren ist eine Beschäftigung plötzlich nicht mehr garantiert. Die Teilzeitjobs haben den Arbeitsmarkt Japans stark verändert. Sie bieten keine soziale Sicherung. Junge Menschen fallen erstmals durch das soziale Netz. Ihre Talente werden nicht abgefragt. Anstatt sich wie alle Japaner vor ihnen in die Gesellschaft einzugliedern, treten sie in den Widerstand.
Immer mehr junge Frauen gehen in den offenen Gebärstreik. Sie setzen auf Konsum und Spaß statt auf die alten Werte. Die jungen Männer sind skrupulöser. Sie ziehen sich aus dem Leben zurück. Man nennt sie dann Hikikomori. Frührentner. Bleiche Mondanbeter, die ins Schneckenhaus ihrer Seele kriechen. Vielleicht ist die Skikleidung ihrer Altersgenossen in den angesagten Vierteln wie Harajuku ein Schutz gegen diese Kälte.
4
Über die kleinen Dinge wollte ich schreiben. Den Notizkartenstapel, an der Seite mit einem Metallring zusammengefasst. Oben ein japanischer Sinnspruch: Dieser Stapel gibt Schülern eine verlässliche und effiziente Qualität. Ja, ungefähr so. Über den Perfektionismus aller Japaner wollte ich schreiben. Die sprechenden Getränkeautomaten. Die immerdichten Schwimmbrillen. Die pünktlichen Züge. Erzählen, warum es die Banco do Brasil in Nagoya gibt. Portugiesische Baderegeln am Biwasee. Dann kam mir eine unerwartete Begegnung dazwischen.
Ich war auf dem Weg ins Miho-Museum. Ein teurer Kunsttempel in den Bergen. Unweit von Kyoto. Mitten in einer ursprünglichen Natur. Es ist die Wiege des Landes. Altjapan. Doch mein Latein war vor der Abfahrt zu Ende. Am Ticketschalter half mir ein Japaner. Die übliche Frage. Ob ich Amerikaner bin. Nein, Deutscher. Wir verlieren uns aus den Augen.
Nagoya Station. Der Shinkansen nach Osaka fährt ein. Nächster Halt ist Kyoto. Wie immer keine Minute Verspätung. Auf dem Bahnsteig sehen wir uns wieder. Der Dolmetscher. Seine Jacke fällt mir auf. Eine blaue Uniform. Goldene Stickerei auf der linken Brusttasche. »Toyota Staff«. In einem Abteil mit Businessmen ist ein Doppelsitz frei. Lautlos fährt der Shinkansen an. Vierzig Minuten bis Kyoto. Eine Stewardess kommt in das Abteil. Ja, eine Stewardess. Sie verbeugt sich am Eingang. Dann ist sie bei uns. Mit meiner Karte stimmt etwas nicht. Der Dolmetscher löst die Situation. Er gibt der Stewardess 3.000 Yen. Wir sitzen in der ersten Klasse. Ich frage ihn, ob er das Geld haben will. Nein, es ist sein Fehler. Dann reden wir. »Was machen Sie bei Toyota?« »Ich leite das Unternehmen.«
Stummes Auflachen. Es kann nur ein Witz sein. Doch der Dolmetscher ist sich sicher. Er kommt gerade aus Indien. In Bangalore hat er Firmen. Auch in Polen und der Türkei. Viele Jahre hat er in den USA gearbeitet. Dort haben sie mehr gelacht als in Japan. Wenn er vor der Firma etwas gesagt hat. Dass er Golf spielt. Dann haben die Amerikaner geklatscht. Die Japaner würden stumm bleiben. Auch seine Mitarbeiter in Dresden. Japaner und Deutsche gleichen sich in Pünktlichkeit und Effizienz, sagt er. Doch seien die Lohnkosten in Europa zu hoch. Überall. Auch in den BRIC-Staaten, die vor Jahren stark boomten. BRIC. Das sind Brasilien, Russland, Indien und China. Dort steigen die Lohnkosten jedes Jahr um 30 Prozent. Die Gewerkschaft in Shanghai kämpft hart für höhere Löhne. Ich frage ihn nach den aktuellen Boomländern. Seine Formel lautet einfach. VIST. Vietnam, Indonesien, Südafrika, Thailand. Im Sog unseres Talks werde ich zum Wirtschaftsexperten. Eher Taube als Falke. Erzähle von der Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland. Von der starken Dosis an Kritik im europäischen Denken. Und dass zu viel Kritik schädlich ist, wenn sie das Wachstum behindert. Er nickt bedächtig. Fast wie ein katholischer Geistlicher, der das unsichere Heil seiner Schafe immer vor Augen hat.
Der Dolmetscher sucht nach einer romantischen Stadt. Sie liegt südlich von Frankfurt am Main. Dort war er schon. Ich frage ihn, ob es Heidelberg ist. Es ist natürlich Heidelberg. Hauptstadt der Japaner in Deutschland. Was er dort gemacht hat? Seine Antwort ist verblüffend. So einfach wie VIST. BASF wollte ihn sprechen. Sie haben ein Abendessen im Heidelberger Schloss gegeben. Ich glaube nicht mehr an einen Witz. Kyoto taucht aus der Superdichte auf. Der Dolmetscher gibt mir seine Visitenkarte. Jetzt vergeht mir das Lachen. Generaldirektor. Mitglied des Vorstands. Sein Großvater zog von Osaka nach Toyota. Die ganze Familie arbeitet beim Autobauer. Lässt arbeiten. Nein, den Witz hätte er nicht verstanden.
5
Der Besuch in der Toyota-Fabrik war eine Ehrensache. Schließlich hatte ihn mir der Senior Managing Director während der Zugfahrt nach Kyoto vorgeschlagen. »Kommen Sie und sehen Sie sich meine Fabriken an.« Ich hielt es für angebracht, mich brieflich bei Toyota anzumelden. Wenige Tage später schrieb mir Junichi Hashimoto eine E-Mail. Er stellte sich als ein Mitarbeiter der Personalabteilung vor. Unser Besuch wurde von einem Empfang beim Senior Managing Director eingeleitet, wie es der genaue Zeitplan vermerkte. Dann sollten wir mit dem Auto vom Hauptquartier zu einer Produktionsstätte gebracht werden. Anschließend war ein sehr überraschender Brunch vorgesehen. Junichi Hashimoto wollte mit uns zum Chinesen gehen. Kulinarisch verbündete man sich also mit dem Löwen unter Japans Konkurrenten auf dem Weltmarkt.
Ich hatte schon vom Toyota-Weg gehört. Die Managementphilosophie hatte Toyota zum Tiger unter den Autofirmen werden lassen. Sie sah vor, auf ein Lager zu verzichten. Autos wurden erst gebaut, wenn der Auftrag ins Haus flatterte. Just in time: Unter diesem Schlagwort ist der Toyota-Weg weltweit kopiert worden. Dabei fing alles mit Webstühlen an. Diese baute der alte Sakichi Toyoda zu Maschinen um und verkaufte sie nach England. Der Erlös war das Startkapital für die Automobilproduktion, die 1934 aufgenommen wurde. 1936 wurde der Name der Firma geändert. Es war eine kleine Veränderung, die das »t« betraf. Immer noch liefert Toyota seine Webmaschinen. Man produziert neben Autos auch Klimaanlagen und Leuchtdisplays. Toyota ist der weltgrößte Hersteller von Gabelstaplern und ein mächtiger Immobilienbesitzer in der Gegend um die Stadt Toyota.
Die Empfangsdame schickt uns in das erste Stockwerk. Dort wartet eine zweite Empfangsdame, die uns in einen Konferenzraum bittet. Wir sind die schweren Sessel nicht gewöhnt. Zum Glück lässt der Director nicht lange auf sich warten. Er hat Hashimoto und einen zweiten Mann mit in den Konferenzraum gebracht. Die beiden Männer geben uns ihre Karten. Wir halten einen kurzen Plausch, der in keiner Weise verbindlich ist. Es dauert nicht lange, und der zweite Mann schaut auf die Uhr. Jetzt fängt die Besichtigung an. Erst zeigt uns Hashimoto die alten Webmaschinen und erklärt, dass er selbst keine Ahnung von ihnen hat. Dann fahren wir in das Gabelstaplerwerk, genau nach dem vorgegebenen Besuchsplan. Wir setzen Toyota-Kappen auf und gehen durch die großen Hallen, die von einem öligen Geruch erfüllt sind. Am Fließband fahren die großen Rahmen an den Arbeitern vorbei. Wenn sie die Werkstraße durchfahren haben, sind die Rahmen auf einmal fertige Gabelstapler. Die Fabrik hat viele Signalelemente. Farbleisten auf dem Boden markieren Straßen für automatische Fahrzeuge. Es gibt Displays an der Decke, die immer den aktuellen Stand der Produktion anzeigen, daneben das Tagessoll. Auch erschallt überall eine Nintendo-Melodie, sobald ein Arbeiter irgend etwas steckt oder bewegt.
Im Grunde ist es verantwortungslos, dass in diesem technischen Wunderland noch Menschen arbeiten. Sie sind der riesigen Last einer maschinellen Existenz nicht gewachsen. Wohin soll man mit dem Denken, wenn man bei Toyota am Fließband arbeitet? Ich muss an Watanabe Kanji denken. Eine Figur aus Kurosawas Film »Ikiru«, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Shimura Takashi spielt den alten und bis zum Ende seines Lebens wie eine Uhr laufenden Beamten Watanabe. Seiner Arbeit kommt er mit der Präzision einer Maschine nach. Doch ihm fehlt etwas. Erst als er von einer schweren Krankheit erfährt, wagt er, diesen abgesteckten Rahmen zu verlassen. »Einmal wirklich leben«, heißt der Film auf Deutsch. Hashimoto ist uns nicht böse, dass wir einen anderen Film über die Gabelstaplerproduktion auslassen. Wir gehen direkt zum Chinesen. Nach dem Essen gibt er uns zwei Spielzeuggabelstapler mit.
Jan Decker, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet als Schriftsteller, Essayist und Literaturwissenschaftler in Wien. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle am 15./16. Juni 2024 die Erzählung »Über die Kunst aufzuhören«.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
- 10.10.2012
Boykott gegen japanische Autos
Regio:
Mehr aus: Wochenendbeilage
-
»Sahrauis sind die Palästinenser Spaniens«
vom 22.11.2025 -
Treiben Tiere Handel?
vom 22.11.2025 -
Schwarzer Kanal
vom 22.11.2025 -
Das Wunder China
vom 22.11.2025 -
Selleriekäseschnitzel mit Kartoffelstroh
vom 22.11.2025 -
Kreuzworträtsel
vom 22.11.2025