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DDR

Charakter und Charisma

Vor 100 Jahren wurde Generaloberst Fritz Streletz geboren

Foto: Sabine Gudath/IMAGO
Realistischer Internationalist: Fritz Streletz (28.9.1926–24.3.2025)

Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre er zur jW-Protestwache »No War on Cuba« gekommen, wie er in der Vergangenheit stets an Veranstaltungen teilnahm, auf denen die Solidarität mit Kuba demonstrativ bekundet wurde. Er war mit den Kubanern auch emotional verbunden. Als Internationalist und einstiger Stellvertreter des Verteidigungsministers war er nach dem Ende der DDR von seinem Waffenbruder Raúl Cas­tro regelmäßig auf die Insel eingeladen worden. Zur Erholung, wie es hieß. Meist im Frühjahr, wo er sich stets mit Margot Honecker traf, die aus Chile zur Kur herüberkam. Die Erholung hatte Fritz Streletz auch bitter nötig: Er war nach 28 Monaten Untersuchungshaft zu fünfeinhalb Jahren »wegen Anstiftung zum Totschlag« verurteilt worden. Den größten Teil davon saß er auch ab.

So dankte ihm das heuchlerische System, das über uns gekommen war. Verlogen und heuchlerisch deshalb, weil es einerseits die »friedliche Revolution« bejubelte und andererseits jene, die maßgeblich dafür gesorgt hatten, dass in der Konterrevolution kein Blut geflossen war, mit Haftstrafen, Berufsverboten, Strafrenten und anderen Demütigungen überzog. In seiner Funktion als Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates, die er in der Nachfolge Erich Honeckers seit 1971 ausübte, war Generaloberst Fritz Streletz im Herbst ’89 der wohl wichtigste Militär hinter Egon Krenz. Er formulierte die zentralen Befehle zur Verhinderung von Gewalt, er hielt den Kontakt zur sowjetischen Militärführung in Wünsdorf, er trug seinen Teil dazu bei, dass die Waffen in den Kammern blieben. Ein Blutbad wäre die Alternative gewesen. Selbst in der Stunde seiner Niederlage zeigte der sozialistische Staat DDR sein hohes zivilisatorisches Niveau, von dem andere Staaten heute Lichtjahre entfernt sind. Krieg und Bürgerkrieg waren hierzulande keine Option.

Im Übrigen: Streletz war auch Realist. Seit 1979 Stellvertreter des Oberkommandierenden der Streitkräfte des Warschauer Vertrages kannte er seine sowjetischen Waffenbrüder. Insofern konnte er nüchtern beurteilen, wie in der zweiten Hälfte der 80er Jahre der Rückhalt bei der Führungsmacht schwand. Diese verfolgte eigene Pläne und empfand den deutschen Bundesgenossen zunehmend als Ballast. Mit dieser Realität musste man umgehen. Und das tat der schlesische Bergmannssohn, der im letzten Kriegsjahr mit 18 zur Wehrmacht und dafür dreieinhalb Jahre in sowjetische Kriegsgefangenschaft gekommen war. Dort, in Antifaschulen, wurden ihm die Augen geöffnet. Er begriff, wer Kriege führte und zu welchem Zweck, und dass der auf Wachstum und Expansion getrimmte Imperialismus sowohl Menschen als auch die Erde bedrohte. Das lag in dessen Natur. Woraus zwangsläufig sich die Frage nach einem Systemwechsel ergab. Und dass dort, wo der Wechsel des Systems bereits erfolgt war, alles unternommen werden musste, damit dieser nicht wieder rückgängig gemacht werden konnte. Politisch, ökonomisch und militärisch. Der Frieden muss bewaffnet sein, lautete die Losung. Streletz schloss sich nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion der Deutschen Volkspolizei und der SED an und brachte es bis 1956 bei der Kasernierten Volkspolizei bis zum Oberst. Später studierte er an der Generalstabsakademie der UdSSR und diente der DDR in verschiedenen Funktionen, auch militärpolitischen. Bis hin zu jener Schlüsselfunktion im Herbst 1989.

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Statt ihn dafür zu ehren, steckte man ihn und andere in den Knast. Der Klassenfeind hatte nicht einmal Kreide gefressen. Er war noch immer der Feind. Generaloberst Fritz Streletz blieb sich ebenfalls treu. »Er verteidigte die gewaltsame Abgrenzung der DDR gegenüber dem Westen noch bis ins hohe Alter«, empört sich Wikipedia. Damit ist sein Buch gemeint, das Streletz 2011 gemeinsam mit seinem ehemaligen Chef, dem Verteidigungsminister Heinz Keßler, verfasst hatte: »Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben« (Edition Ost). Das war und ist die historisch präzise Analyse der Hintergründe des sogenannten Mauerbaus im August 1961, gegeben von zwei exklusiven Zeitzeugen und hochrangigen Militärs, wie es keine vergleichbare Darstellung gibt. Ich erinnere mich an die Vorstellung dieses einzigartigen Buches in einem Ladenlokal in der Weitlingstraße, bei der sich die Journalisten und Zuschauer bis hinaus auf die Straße drängten. Unter den ungeladenen Gästen war auch einer mit einem Ghettoblaster, der mit dem Geläut der »Freiheitsglocke« vom Schöneberger Rathaus die Zusammenkunft stören wollte. Die beiden Autoren ließen sich von dieser Provokation nicht aus der Ruhe bringen. Bewundernswert.

Es sollte das einzige Buch von Fritz Streletz bleiben. Mit gleicher Hartnäckigkeit und Ausdauer entzog er sich meinem Verlegerwunsch, seine Autobiographie zu Papier zu bringen. Er werde 100, winkte er lächelnd stets ab, es bliebe also noch viel Zeit. Am heutigen 28. September wäre er 100 geworden. Er hat es nicht geschafft, die Memoiren blieben ungeschrieben: Fritz Streletz verstarb am 24. März 2025. Es bleibt die Erinnerung an einen sozialistischen Militär, an eine ungewöhnliche Persönlichkeit mit Charakter und Charisma.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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