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Comic

Es geht immer noch schlimmer

Melanie Carolin Wiggers einfühlsames Comicdebüt »Vincent – eine Geschichte über Freundschaft und Demenz«

Foto: Melanie Carolin Wigger/Avant Verlag
Wenn aus der Ahnung Gewissheit wird

Eigentlich ist es ein Riesenthema, ein Komplex von Themen. Im Jahr 2025 waren in Deutschland nach Schätzungen von WHO und Statistischem Bundesamt 1,8 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. 5,7 Millionen Menschen waren pflegebedürftig, 800.000 oder 14 Prozent davon in vollstationärer Pflege. Auf der Suche nach einem Pflegeplatz kann man ein paar Tage am Telefon verbringen, wenn es das Wunschheim im Viertel der Angehörigen sein soll, dauert es ein paar Monate. Der demografische Wandel macht, dass immer weniger Menschen immer mehr Menschen pflegen oder teuer pflegen lassen, der soziale und gesellschaftliche Wandel bedeutet, dass immer weniger pflegen wollen oder Pflege bezahlen können. Pflegenotstand und -migration sind die Folge, Pflegeversicherung und -reform keine Abhilfe.

Privat verdrängen die meisten das Thema aber, solange es geht. Vom Ende seiner Tage macht man sich nicht gerne Vorstellungen, und wenn, dann meist falsche. Dem Partner sagt man, »wenn einer von uns beiden stirbt, suche ich mir eine kleinere Wohnung«, und geht wie selbstverständlich davon aus, dass es den anderen zuerst trifft, die Tochter erinnert man, »wenn ich mal tot umfalle, weißt du, wo der Ordner mit den Unterlagen ist«. Ungern zieht man in Betracht, dass man nicht urplötzlich, sondern über Jahre dahinsterben und nur zu bald nicht mehr in der Lage sein könnte, alleine zu wohnen. Und wenn es so kommt, wollen viele es nicht einsehen. Pfleger, Ärztinnen, soziale Dienste in den Krankenhäusern haben große Mühe, alte Menschen von der Notwendigkeit eines Umzugs in eine betreute Wohnform zu überzeugen. Häufige Stürze und wachsende Verwahrlosung sind für eine Zwangseinweisung nicht hinreichend, die Hürden für eine Entmündigung hoch.

Melanie Carolin Wigger erzählt in ihrem Comicdebüt »Vincent« eine »Geschichte über Freundschaft und Demenz«. Der Titelheld ist seit der Kindheit mit dem Ich-Erzähler Robert befreundet. Gemeinsam hörten sie Rock ’n’ Roll, als der noch der verpönte heiße Scheiß der jungen Leute war, dann betrieben sie einen Mofaladen, der später pleiteging, aber ihnen eine Zeitlang den Aufbau einer Schallplattensammlung und echte Jeanskleidung finanzierte. Die nächsten Jahrzehnte werden in der Rückblende nur gestreift: Vincent hat irgendwann Leni geheiratet, sie haben Evi bekommen, dann haben sie sich im Guten getrennt. Es ist ja keine Geschichte von Arbeit oder Familie, sondern von Freundschaft und Demenz. Heute ist Leni tot, Evi hat einen Sohn, Vincent also einen Enkel – und Alzheimer.

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»Am Anfang war es nur eine vage Ahnung, dass es sich dieses Mal nicht um eine seiner Launen handelte«, sagt Robert. Da kam Vincent immer öfter nicht zum Kartenspielen. »Beim ersten Mal schob ich es auf das ungewöhnlich regnerische Sommerwetter. Beim zweiten Mal war ich schon etwas verärgert. Er hätte wenigstens etwas sagen können, statt mich einfach zu versetzen.« Als er das dritte Mal fehlt, beginnt Robert, ihn abzuholen. Das geht ein Weilchen gut, aber Vincent wird langsam wunderlich, vergisst, wo die Toilette ist, setzt sich an den falschen Tisch, pinkelt in die Geranien vor der Kneipe. Bei ihm zuhause wächst die Unordnung. Robert benachrichtigt Evi, die sich fortan ein bisschen kümmert, indem sie aufräumt und wichtige Telefonnummern gut lesbar aufhängt. Aber als Vincent einmal leicht bekleidet bei Nacht und Regen auf Mofatour geht und ein paar Tage später, wohl im Wahn, eingeschlossen zu sein, die Wohnungstür zertrümmert, kommt er ins Pflegeheim. Dort schläft er viel, und wenn er wach ist, will er nach Hause. Seine Tochter, sein Enkel und Robert besuchen ihn, die Kneipenkumpane vom Karten-Mittwoch wollen mit Pflegeheimen nichts zu tun haben. Demenz ist nicht heilbar, Besserung ist immer nur kurzfristig, auf Dauer wird alles immer nur noch schlimmer. Vincents Gemüt hellt sich auf, als Evi ihm seine Gitarre bringt, ein paar Wochen später schlägt er sie kaputt. Später erkennt er seine Verwandten nicht mehr wieder, sitzt vor einer Leselampe und bewundert den »Sonnenuntergang«.

Andere Autoren haben vor Wigger das Thema für sich entdeckt. Im Netz findet man »Vorlesegeschichten für Senioren mit Demenz«, »Demenz-Anekdoten und Cartoons zum Schmunzeln«, »Das liebevolle Demenz-Rätselbuch« und dergleichen Gutgemeintes mehr. Die Deutsche Gesellschaft für Geria­trie und die Uni Göttingen geben je eine kostenlose Comicbroschüre zum Thema heraus. Sehr schön ist die Zusammenarbeit des Mediziners Thomas Klie mit dem so produktiven wie erfolgreichen Cartoonisten Peter Gaymann unter dem Namen »Demensch«, Beispiel: »Weißt du noch früher?« – »Weiß ich nicht. War aber alles besser« oder »Wir werden ständig überwacht. Unsere Pfleger wissen ganz genau, wo wir sind.« – »Aber das Tolle ist doch, dass wir es nicht wissen!« Die studierte Illustratorin und Spieleentwicklerin Melanie Carolin Wigger versteht sich als »Geschichtenerzählerin«, und so ist »Vincent« weder Lach- noch Sachbuch, sondern eine etwas aufdringlich getuschte und dadurch nicht mühelos lesbare, aber einfühlsame und recht traurige Geschichte vom langsamen Verlust eines besten Freundes an eine beschissene Krankheit.

→ Melanie Carolin Wigger: Vincent – eine Geschichte über Freundschaft und Demenz. Avant-Verlag, Berlin 2026, 260 Seiten, 26 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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