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Vogelkunde

Seltener Besuch

Beeindruckendes Schauspiel: Hierzulande als ausgerottet geltende Gänsegeier erkunden Deutschland

Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Findet er keine Kadaver, muss er lebende Tiere fressen. Ein Gänsegeier in einem Storchennest nahe Hannover

Ein seltenes Naturereignis war im Allgäu und in anderen Regionen Bayerns und Baden-Württembergs diesen Sommer zu sehen: Gänsegeier. Die großen Vögel gelten hierzulande als ausgerottet. In Bayern meldete der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) nun aber Sichtungen an mehreren Stellen: bei Bayreuth, im Oberallgäu, im Landkreis Fürstenfeldbruck, am Ammersee und im Karwendelgebirge bei Mittenwald. Ein Gänsegeier, der mit einem Sender ausgestattet war, flog sogar bis nach Mittelfranken, ehe er wieder in die Alpen zurückkehrte. Auch aus Stuttgart, vom hessischen Edersee, aus Sachsen, Thüringen und sogar aus Brandenburg liefen bei den Naturschutzverbänden Meldungen ein. Inzwischen gab es laut Naturschutzbund NABU mehr als ein Dutzend Sichtungen von Gruppen von Gänsegeiern, nachdem im April und Mai zunächst nur einzelne Exemplare des Gyps fulvus gesichtet worden waren.

Besonders eindrucksvoll war es im Allgäu: Am Nebelhorn nahe Oberstdorf beobachteten Wanderer gleich eine ganze Gruppe von über zwanzig Gänsegeiern. Sie zogen über die Allgäuer Hochalpen. Am Himmel kreisend sind die Aasfresser am beeindruckendsten. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,70 Metern und einem Gewicht von bis zu elf Kilogramm sind Gänsegeier deutlich größer als See- und Steinadler und fast doppelt so groß wie der heimische Mäusebussard. Schon ein einzelnes Exemplar lässt sich kaum übersehen und ist auch für Laien aufgrund seiner enormen Flügel gut von anderen Großvögeln zu unterscheiden.

Woher kommt der plötzliche Besuch? Nach Einschätzung der Fachleute handelt es sich vor allem um junge, noch nicht brütende Gänsegeier aus Südeuropa, vor allem aus Südostfrankreich oder aus Spanien. Da die Vögel erst mit fünf bis sechs Jahren brüten, bleibt ihnen vorher reichlich Zeit für Erkundungstouren. Geiereltern müssen im Sommer ihren jüngsten Nachwuchs versorgen, da bleibt für die »Halbwüchsigen« wenig übrig. Wer als Jungvogel am Kadaver ohnehin nur die Reste abbekommt, zieht eben weiter – notfalls bis nach Bayern. Die Entfernungen spielen keine Rolle. Pro Tag legen die Vögel bis zu 400 Kilometer zurück; ohne Nahrung kommen sie sogar drei bis vier Wochen aus. Für solche Meisterleistung im Flug nutzen die Tiere warme Aufwinde. Ohne einen einzigen Flügelschlag, einzig von der Thermik angetrieben, steigen sie in großen Kreisen hoch in den Himmel hinauf und gleiten dann oftmals ohne weitere Flügelschläge kilometerweit. Dabei suchen sie das Gebiet nach verendeten Tieren ab: nach Gemsen, Rehen, Füchsen, Murmeltieren sowie Weidevieh wie Kühen, Schafen oder Ziegen.

Das europäische Kernvorkommen liegt in Spanien, wo mittlerweile rund 20.000 bis 30.000 Brutpaare leben – mehr als 90 Prozent des Bestands auf dem Kontinent. Frankreich folgt mit rund 2.500 Paaren, vor allem in den Pyrenäen und im Zentralmassiv, wo die Art einst gezielt wiederangesiedelt wurde. In Deutschland dagegen ist der Gänsegeier seit rund 150 Jahren als Brutvogel ausgerottet. Tendenziell suchen die sommerlichen Gäste hierzulande also eher Nahrung und keine neuen Reviere.

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Gänsegeier sind Aasfresser, und tote Tiere werden in Deutschland aus Seuchenschutzgründen zügig weggeschafft. Anders in Spanien oder Frankreich, wo verendete Tiere liegengelassen werden und ein reichhaltiges Angebot für die Großvögel bieten. Erspähen Gänsegeier in Deutschland doch mal einen Kadaver, kann dieser schnell zur tödlichen Falle werden. Von Jägern geschossenes und zurückgelassenes Wild ist oftmals mit Blei vergiftet. Eine andere Gefahr sind Windräder. Im Juni kollidierte ein Gänsegeier bei Mindelheim im Unterallgäu mit einer Windkraftanlage. 2022 hatte es bereits ein Tier im Landkreis Starnberg getroffen. Der LBV fordert deshalb bessere Schutzmaßnahmen für Greifvögel an Windrädern, mitunter auch an bestehenden Anlagen.

Während der Gänsegeier also nur zu Besuch ist, wird für seinen Verwandten, den Bartgeier, systematisch an einer dauerhaften Rückkehr gearbeitet. Gypaetus barbatus ist mit einer Flügelspannweite bis zu 2,9 Meter noch größer. Seit 2021 wildern LBV und Nationalpark Berchtesgaden jährlich zwei bis drei junge Bartgeier aus. Insgesamt wurden zwölf solcher Tiere in den Berchtesgadener Alpen an der Grenze zur Region Salzburg in Österreich freigelassen, im Rahmen des europäischen Erhaltungszuchtprogramms, das alpenweit inzwischen mehr als 250 Jungvögel in die Freiheit entlassen hat. Einige der ausgewilderten Tiere sind zuvor im Tierpark Berlin geschlüpft und aufgezogen worden. Andere Berliner Bartgeier wurden im Zentralmassiv in Frankreich oder in der Sierra Nevada in Andalusien in Spanien freigelassen.

Beim Auswildern werden Jungvögel ohne Menschenkontakt in eine geschützte Felsnische gesetzt und über ein paar Wochen ohne Sichtkontakt gefüttert, bis sie selbständig ausfliegen. Die Methode gilt mit Überlebensraten von bis zu 88 Prozent im ersten Jahr als überaus erfolgreich. Im Frühjahr 2026 kreisten mehrere ausgewilderte Bartgeier gemeinsam über dem Königssee, während andere im Karwendel und in den Lechtaler Alpen im Westen Tirols unterwegs waren – teils bis zu 190 Kilometer vom Auswilderungsort entfernt. Ziel des Wiederansiedlungsprojektes sind Reviergründungen östlich des bisherigen Kerngebiets, in dem die Greifvögel bislang leben. Während sich Bartgeier in West- und Zentralalpen bereits seit 1997 wieder eigenständig fortpflanzen, kommt die natürliche Reproduktion in den Ostalpen langsamer voran – der Weg zum ersten wilden Brutpaar in den Berchtesgadener Alpen ist noch nicht ganz zurückgelegt.

Für den Gänsegeier gibt es ähnliche Projekte zur Wiederansiedlung, obwohl seine Population in Europa groß ist. Aufzuchten aus dem Zoo Dresden wurden im Naturschutzgebiet Lago di Cornino bei Udine ausgewildert. Zurückerobert haben Gänsegeier Sardinien, die Verdonschlucht in den französischen Alpen, Inseln der Kvarner-Bucht in Kroatien, Gebiete der Rhodopen in Bulgarien und die Uvac-Schlucht in Serbien. Dort finden sie alle drei nötigen Voraussetzungen: Steilwände oder Felsnischen für die Koloniebrut, thermische Aufwinde und offene Landschaften mit extensiver Weidewirtschaft. Diese Bedingungen sind grundsätzlich auch in Deutschland vorhanden, etwa auf der Schwäbische Alb, im Frankenjura oder am Mittelrhein und im Moselgebiet. Allerdings mangelt es aufgrund der Kadaverentsorgungspflicht eben an Nahrungsquellen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.09.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

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