Alle für Deutschland
Im Familienministerium wird schon an einer Wiederauflage des Wehrersatzdienstes gebastelt, eine vom Grundgesetz vorgeschriebene notwendige Bedingung für die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Deutsche Medien klatschen Beifall. Einige scheinen nun Blut geleckt zu haben und fordern noch mehr Zwangsdienste – und das nicht nur für die Jugend, sondern gleich für alle.
Bei jungen Männern dürften angesichts der Regierungspläne »die Alarmglocken angehen«, denn es bedeute: »Eine allgemeine Wehrpflicht rückt näher«, hat auch die Neue Ruhr Zeitung (NRZ), Teil der Funke-Gruppe, erkannt. Offensichtlich gebe es nicht genügend freiwilliges Kanonenfutter, dabei sei dieses wegen »der Bedrohung durch Russland und der geänderten NATO-Ziele nötig«. Soll wohl heißen: Stellt euch nicht so an, Jungs, Wehrpflicht muss halt sein, gebt dem Russen die Schuld.
Die Rheinpfalz bedauert, dass in der aktuellen Debatte »leider« das »freiwillige Gesellschaftsjahr« aus dem Blick geraten sei. Auch hier bleibt die Prämisse der Herrschenden unwidersprochen: »Seit die Hoffnung auf einen immerwährenden Frieden in Europa mit dem brutalen russischen Angriff auf die Ukraine geplatzt ist, braucht Deutschland wieder mehr Soldaten.« Von der gewaltsamen Zerschlagung Jugoslawiens oder der achtjährigen Aufstandsbekämpfung im Donbass scheint man in Ludwigshafen noch nie gehört zu haben. Jedenfalls ein Gedanke sei »heute schlüssiger denn je«: »Jede und jeder widmet zwischen Schule, Ausbildung und Studium etliche Monate der Gesellschaft. Natürlich bei freier individueller Entscheidung, ob diese Zeit bei der Truppe oder in einer Klinik, einem Altenheim oder einer Feuerwache abgeleistet wird.« Natürlich!
Auch beim Redaktionsnetzwerk Deutschland findet man, statt über einen neuen Zivildienst nur für Verweigerer zu sprechen, sollte »lieber eine grundsätzliche und gründliche Debatte über eine soziale Pflichtzeit oder ein allgemeines Dienstpflichtjahr« angestoßen werden. Aber auch hier wird mit der Grundannahme einer »unmittelbaren Bedrohung« durch Russland jede Debatte zur Farce gemacht.
Pflichtdienste brauchen »Akzeptanz in der Bevölkerung«, weiß die stellvertretende Leiterin des RND-Hauptstadtstudios. Wie also die Leute »für das große Potenzial einer allgemeinen Dienstpflicht« begeistern? »Die Gewissheit, persönlich etwas zur Sicherheit und Stabilität des Landes beizutragen«, wird wohl kaum jemanden in die Kasernen oder Pflegeheime treiben.
Zumindest herrscht beim RND Klarheit darüber, wer alles ran muss: »Männer und Frauen, das gehört zur Gleichberechtigung dazu – und Jung und Alt.« So kann das Volk endlich mal »etwas für den Staat – und damit für sich selbst« tun. Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann… (pt)
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