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Unsere Schuldigen

Foto: Violeta Santos Moura/REUTERS

Das Desinteresse am Kern einer Sache gibt Auskunft über den sittlichen Zustand von Politik und Journaille. So wäre etwa die Frage zu stellen gewesen, welche Bedingungen herrschen müssen, dass Menschen zu Tausenden ihr Leben aufs Spiel setzen für die vage Aussicht, auf dem Gebiet der Europäischen Union Asyl zu erhalten. Doch die Medien beschäftigten zum Thema Ceuta am Wochenende andere Fragen. Und man musste mancherorts, zum Beispiel bei Bild, den Eindruck gewinnen, dass da das Szenario einer Bedrohung, die da von Politik und Medien unter Vermittlung der entsprechenden Bilder hereinstürmender feixender junger Männer hinaufbeschworen wurde, einzig der Mobilisierung von Ängsten der eigenen Bevölkerung dienen sollte.

Diese Bilder jedenfalls, die auf den Bildschirmen der mit Sorge zu erfüllenden Bürger der EU landeten, ergeben schon jetzt, so liest man, das Material für eine Ikonographie der Dystopie einer postliberalen Gesellschaft im Aufgang. »Die Bilder könnten ähnlich wirkmächtig sein wie damals die Lastwagen mit Särgen in Bergamo. Sie könnten destabilisierend wirken«, mutmaßt es in der Welt. Die Süddeutsche Zeitung findet: »Die Bilder von den Zehntausenden Migranten, die in Ceuta eine europäische Grenze überwanden, rühren an ein europäisches Trauma. Dieses Trauma heißt Flüchtlingskrise 2015.«

Und daran muss ja irgendwer die Schuld tragen. In München sieht man die Regierung in Madrid in der Verantwortung, die mit ihrer liberalen Bleiberechtspolitik die »Bedenken vieler europäischer Partner« beiseite gewischt habe. Die Kritik der 22 Staats- und Regierungschefs der EU an Sánchez und Co. mithin »ist richtig«. Auch wenn die spanische Regierung »im Verbund mit der EU die Lage unter Kontrolle bekommen« hat: »Der Eindruck« – und nur der zählt –, »die Lage sei unter Kontrolle, ist erst einmal dahin.«

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Nicht auszudenken, »was denn gewesen wäre, wenn Migranten nicht die Grenzbefestigungen von Ceuta, sondern die auf dem Festland gestürmt und überrannt hätten«, macht die FAZ schaudern. »Die EU muss sich, wenn sie nicht ein ›zweites 2015‹ erleben will, auf eine strenge Kontrolle ihrer Außengrenzen verlassen können.«

Bei Tagesspiegel und Welt immerhin geht es noch um divergente Interessen. Nicht die spanische Regierung sei die Schuldige, sondern die marokkanische. »Statt Madrid an den Pranger zu stellen, sollten die EU-Partner Marokko endlich Fragen stellen. Wie konnte dieser Massenansturm entstehen?« (Tagesspiegel); »Marokko nutzt die Migration als Druckmittel, um seine politischen Interessen durchzusetzen« (Welt). An der Wahrheit näher dran, muss so nicht mehr über die Brutalität des EU-Grenzregimes gesprochen werden. (brat)

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.08.2026, Seite 2, Ansichten

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