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Aus: Ausgabe vom 16.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Religion

Das Kitschige und das Spektakuläre

Wider die Überislamisierung der Muslime: Aufsätze des syrischen Historikers Aziz Al-Azmeh über zeitgenössische Islambilder
Von Constanze Kraft
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Aziz Al-Azmeh am 4. Juni 2017 in Berlin

Was ist »Islam« eigentlich? Diese Frage steht im Hintergrund aller Überlegungen des syrischen Historikers Aziz Al-Azmeh, ohne dass er eine definierte Antwort darauf gibt. Und damit hat es seine Richtigkeit. Denn: Was ist Islam? Was ist Christentum? Was ist Judentum? Was Hinduismus oder Buddhismus?

Die Antwort lautet: Es gibt »den« Islam an sich nicht. Was wie eine Selbstverständlichkeit scheint, ist es im öffentlichen Diskurs jedoch keineswegs. Es existiert weltweit ein offensichtlich unverrückbares, ahistorisches Islambild, das besagt, diese Religion sei rückständig, traditionsbehaftet, statisch, aggressiv, intolerant und frauenfeindlich. Al-Azmeh urteilt darüber so: Die europäische Vorstellungskraft »identifiziert Dinge als islamisch, erkennt sie aber nicht als historisch. Die Dinge werden als islamisch benannt und gleichzeitig mit den unveränderlichen und zeitlosen Eigenschaften des homo islamicus ausgestattet.« Zum Beispiel sei gegenwärtig die Praxis des »revolutionären« Irans von der Saudi-Arabiens ebenso weit entfernt wie vom Islam des 10. spanischen Jahrhunderts. Und die Scharia ist weit davon entfernt, ein in Stein gemeißelter Gesetzeskorpus zu sein.

Aziz Al-Azmeh wäre nicht der renommierte marxistische Wissenschaftler, der er ist (er ist Emeritus an der privaten Central European University in Wien), wenn er nicht seit Jahrzehnten gegen dieses Islambild anschreiben würde. Und so sind nun in einer Anthologie Aufsätze und Vorträge von ihm zum Thema erschienen, die er in den 1990er und 2000er Jahren veröffentlichte und jetzt noch einmal überarbeitete. Denn das Thema ist brennend aktuell.

Dass die genannten Klischees auch ihre Berechtigung haben, bestreitet Aziz Al-Azmeh nicht. Doch er identifiziert sie als Instrument des Machterhalts einer bestimmten religiösen Elite. Zugleich kämpft er dafür, Religion nicht phänomenologisch, sondern sozialgeschichtlich zu erforschen und zu interpretieren. Der Autor hält fest: Der Islam ist eine sich immer wieder wandelnde gesellschaftliche Erscheinung. Seine Entwicklung unterliegt eminent sozialen Verhältnissen. Die Veränderung des Islam zum Islamismus erfolgte zeitgleich mit der Zuspitzung des Kalten Krieges und dem Ende des europäischen Sozialismus – was von vielen Muslimen als Effekt des Neokolonialismus des wiedererstarkten Imperialismus wahrgenommen wird.

Der Autor führt aus, dass der neuzeitliche »Islamismus« vom »Islam« notwendig zu unterscheiden ist: Islamistische Gruppen profilieren sich, indem sie – unter Berufung auf bestimmte historische Erfahrungen und Symbole – einen Gründungsmythos konstruieren und sich an Persönlichkeiten orientieren, die seit 15 Jahrhunderten tot sind. (Darin ähneln sie übrigens Erscheinungen in der jüdischen und christlichen Orthodoxie.) Al-Azmeh hält dies für einen »sehr beliebten Primitivismus«, für einen Diskurs aus Innerlichkeit, Authentizitätszwang und Partikularismus, der einem politischen Sentimentalismus gleicht. Dieser äußert sich entweder als melancholische Träumerei oder – wenn der Zorn ungezügelt ist – als unartikulierter Terror und somit als militaristisches Instrument zur Eroberung politischer Herrschaft.

Al-Azmeh geht auch auf theologische Reformer ein, die versuchten, den Islam der jeweiligen Gegenwart anzunähern. Diese Versuche gibt es seit dem 13. Jahrhundert. Für das 19. und 20. Jahrhundert finden sich dabei erstaunliche Parallelen zur bibelwissenschaftlichen Exegese und Textkritik, die besonders im Protestantismus angewandt wurden. Der Kompromiss der Reformer, der eingegangen wurde, um nicht von der islamischen Orthodoxie an den Rand gedrängt zu werden, lautete: Religion ist die Welt, die Welt ist Religion. Doch auf diese Weise »wurde die Quadratur des Kreises vollzogen und gleichzeitig das Quadrat ›umkreist‹«. Beide Stränge – eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Wissenschaft und zugleich die Bestätigung der Unüberbietbarkeit des Koran – ziehen sich bis heute und führen zu einer »Islamisierung des Wissens«. So wurden einige der besten und innovativsten Versuche, den Koran wissenschaftlich zu untersuchen, von der Orthodoxie im 20. Jahrhundert effektiv unterbunden.

Der wissenschaftlichen Orientalistik empfiehlt Aziz Al-Azmeh, sich bei der Geschichtsschreibung über den Islam mit dessen Auflösung als orientalistische Kategorie zu befassen. Sie habe damit zu beginnen, den Begriff der Objektivität selbst in Frage zu stellen – oder besser gesagt, ihn als eine historische Kategorie und als ein historisches und diskursives Problem zu betrachten. Ebenso müsse sie sich mit der »gewaltigen intellektuellen Revolution« auseinandersetzen, die von Marx eingeleitet wurde. Schließlich müsse sie auch der Tatsache Rechnung tragen, dass die aus Fiktion, Mythos und Epos hervorgegangene »Ursprungserzählung« des Islam in der Geschichtswissenschaft kaum noch vertreten wird und dass nicht die Anschauung, sondern die begriffliche Verständlichkeit der Eckpfeiler moderner Geschichtswissenschaft ist. Zugleich seien Philologie und Rhetorik sowie »Einflüsse« und »Bedeutungsfelder« sowie eine zeitgeschichtliche Kontextualisierung der Texte zu berücksichtigen. Solch eine Historiographie müsse sich vom »Islam« lösen und die einzelnen islamischen Geschichten, Gesellschaften, Ökonomien, Kulturen und Wissenschaften eben mit Hilfe der heuristischen Werkzeuge der Geschichte, der Ökonomie, der Soziologie, der kritischen Theorie und der Anthropologie untersuchen. Nur so könne der Islam als Kategorie, die sich für historische Studien eignet, wiederhergestellt werden. Und nur so könne das »interkulturelle Gespräch«, das gegenwärtig mehr der Bedienung eines Exotismus dient als der gesellschaftspolitischen Erhellung, zu einer positiven und fruchtbaren Aufwertung der »Differenz« führen. Wissenschaftliche Genauigkeit gebiete es, das Kitschige sowie das Spektakuläre (zum Beispiel den offensichtlich nicht nur symbolischen Willen zur Gewalt oder die angebliche Fähigkeit zu ewiger Frömmigkeit) für das Authentische und Unverfälschte zu halten.

Aziz Al-Azmeh zeigt in seinem Sammelband oftmals ausgeblendete und unterschätzte Verbindungen zwischen westlicher Moderne – hinter die man nicht zurückgehen könne – und notwendigem Wissen über eine Religion »neben uns«. Dem Westen gibt der Autor mit auf den Weg, sich besonders seit dem 11. September 2001 vor einer »Überislamisierung der Muslime« zu hüten. Der Band enthält eine Fülle von Wissenswertem und philosophisch Bedenkenswertem, was ihn außerordentlich lesenswert macht.

Aziz Al-Azmeh: Zeitgenössische Islambilder. Über die Anatomie eines Missverständnisses. Aus dem Englischen von Ina Batzke. Mangroven-Verlag, Kassel 2025, 276 Seiten, 27 Euro

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