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Nordafrika

In frommer Ergebenheit

Bei seiner Algerien-Reise trifft Papst Leo XIV. auf eine Kirche, die ein gutes Verhältnis zum Staat pflegt, aber von Islamisten angegriffen wird. Zur Geschichte der Christen in dem nordafrikanischen Land

Foto: Gregorio Borgia/AP Photo/picture alliance
Im März 2019 empfing Papst Franziskus Jean-Pierre Schumacher (r.), einen Überlebenden der Entführung von Mönchen aus dem Kloster Notre-Dame de l’Atlas durch Islamisten im Jahr 1996

Als Mitglied des Augustinerordens wird sich Papst Leo XIV. bei seiner Algerien-Reise vom 13. bis zum 15. April besonders für die Wirkungsstätte von Augustinus (354–430) interessieren. Der wohl wichtigste katholische Kirchenvater entstammte einer Berberfamilie in Thagaste, dem heutigen Souk Ahras. 395 wurde er Bischof von Hippo Regius (heute Annaba) – 15 Jahre, nachdem der Katholizismus römische Staatsreligion geworden war. In Algerien genießt Augustinus hohes Ansehen, was sich auch im großzügigen staatlichen Beitrag zur Restauration der monumentalen Augustinusbasilika zeigte.¹ Dass man sich dabei kaum um seine problematische geschichtliche Rolle kümmert, liegt am guten Verhältnis zwischen algerischer Kirche und Staat.

Im Jahr 1985 hatte mir ein Redakteur von Algérie Actualité jedoch die Möglichkeit zu einem Artikel gegeben, der die in Augustinus’ Zeit fallenden Konflikte darstellte – in Anlehnung an das 1964 in Leipzig erschienene Werk »Der Untergang der römischen Herrschaft in Nordafrika« von Hans-Joachim Diesner. Das war ein kleiner Beitrag zum Kampf um die staatlicherseits damals noch ausstehende Würdigung vorislamischer berberischer Kultur und Geschichte.²

Seit der im Jahre 49 u. Z. erfolgten Eingliederung nordafrikanischer Provinzen in das römische Reich kam es oft zu Aufständen der berberischen Sklaven und Hörigen gegen römische Latifundienbesitzer. Die Religion der Berber im Norden des Maghreb war damals ein egalitäres Urchristentum. Dessen stärkste Strömung wird nach Erzbischof Donatus von Karthago als Donatismus bezeichnet. Das früher verfolgte Christentum war zu Augustinus’ Zeit bereits Staatsreligion und damit Hüter der Klassenordnung und des Eigentums geworden. Aus dieser neuen Rolle folgten theologische Kämpfe und erneute Aufstände. Angeführt wurden sie von berberischen Adeligen, die in Roms Armee Karriere gemacht hatten, sich aber gegen die imperiale Vorherrschaft wandten. Zu nennen ist vor allem der zum Obersten Heerführer Nordafrikas eingesetzte Berberfürst Gildon. Ihm gelang es ab 385 im Bündnis mit den Donatisten und heidnischen Stämmen aus den an die Sahara grenzenden Gebieten, auf einem großen Territorium römischen Landbesitz zu enteignen und eine Agrarreform zugunsten befreiter Sklaven und Höriger durchzusetzen.

Mit seiner auf Askese und Verzicht zielenden Lehre wurde Augustinus zum theologischen Begründer des zur Staatskirche gewendeten Christentums. Aber er handelte auch politisch, fachte Zwistigkeiten der Donatisten an und betrieb Zwangskatholisierung – ohne durchschlagenden Erfolg. Gildon wurde zwar 398 besiegt, aber erst 409 waren die alten Besitzverhältnisse wiederhergestellt – zumindest für kurze Zeit. Die Berber verbündeten sich mit den Vandalen, die die arianische Variante des Christentums praktizierten. Augustinus starb 430 während der vandalischen Belagerung.

Hier sei erwähnt, dass in den an die Sahara grenzenden Gebieten Nordafrikas seit dem 6. Jahrhundert v. u. Z. auch jüdische Stämme lebten, die sich im 7. und 8. Jahrhundert u. Z. zeitweise mit christlichen Stämmen gegen die einfallenden Araber verbündeten. Während die christlichen Gemeinden in Algerien im 12. Jahrhundert erloschen, hielten sich die jüdischen bis in die Neuzeit. Die französische Kolonialmacht verlieh den Juden 1871 volle Bürgerrechte, die den Muslimen versagt blieben.

Gerechtigkeit ohne Einschränkung

Die von Augustin hinterlassene Lehre behandelte unter anderem die Themen der Erbsünde und der ewigen Höllenqual. Sie war lust- und sexualfeindlich, enthielt sogar antijüdische Aspekte. Seine Schriften wurden im Katholizismus kanonisch, wurden aber in vielen Punkten von der Zeit überholt. So kann die Wertung des historischen Augustinus nicht ohne weiteres auf das noch junge Pontifikat von Papst Leo XIV. übertragen werden. Anzunehmen ist, dass der heutige Augustinerorden auf die von Augustin hervorgehobenen Werte von Nächstenliebe und kollektiver Beratung fokussiert wie auch auf Augustins Äußerung: »Den Frieden mit den Mitteln des Friedens suchen.«

Aufrichtig zitiert wurde dieser Satz auch von Léon Étienne Duval (1903–1996), der während des Unabhängigkeitskrieges gegen die französische Kolonialmacht Erzbischof von Algier war.³ Als der »Theologie der Befreiung« zuzurechnende historische Figur positionierte er sich theologisch aber geradezu gegen Augustin. Als Generalvikar seiner Heimatregion Savoie half er während der deutschen Besatzung Frankreichs der Résistance, jüdische Kinder und Familien zu verstecken. 1942 wurde er Generalvikar des Bistums Algier. Dort trat er in Austausch mit den Oulema, einer Gruppe muslimischer Reformgeistlicher, deren Oberhaupt, Abdelhamid Ben Badis (1889–1940), den Islam modernisierte und zugleich das nationale Bewusstsein der Algerier stärkte.

Als Duval 1947 Bischof von Constantine wurde, beeindruckten ihn die in Ostalgerien immer noch unübersehbaren Folgen des Massakers an 45.000 Algeriern in der ersten Friedenswoche nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Es begann am 8. Mai 1945 mit dem Niederschießen einer Demonstration in Sétif, die die Einhaltung des während des Krieges von der Kolonialmacht gegebenen Demokratisierungsversprechens, die Freilassung politischer Gefangener und die Legalisierung verbotener Parteien forderte. Um einen gesellschaftlichen Dialog zu ermöglichen, setzte sich Duval für die Gleichberechtigung der Religionsgemeinschaften ein. In einem pastoralen Brief von 1950 forderte er die »Evolution« der »sozialen Gerechtigkeit«. Als der zukünftige Papst Johannes XXIII. im selben Jahr Algier besuchte, ermutigte er Duval, die von der Kolonialmacht ignorierten Probleme zu benennen. 1953 verkündete Duval im Radio, dass man keine Gesellschaft »mit Hass errichten kann. Gerechtigkeit muss ohne Einschränkung hergestellt werden.« Alle hätten ein Recht auf Arbeit, Wohnung, Wertschätzung und Respekt.

1954, kurz vor Beginn des Befreiungskrieges, wurde Duval Erzbischof von Algier und Oberhaupt der gesamten algerischen Kirche. Er konnte nun Einfluss auf Priester, Mönche und Nonnen nehmen, sich den Kolonialbehörden zu widersetzen, autorisierte sie sogar, gefährdeten Algeriern Kirchenasyl zu gewähren. 1955 trat er öffentlich gegen Folter und Exekutionen auf. Etliche Kirchen und sogar seine Residenz wurden Zielscheiben für Bombenattentate der extrem rechten Organisation Armée secrète (OAS). Man nannte ihn »Mohamed Duval«. Aber der Erzbischof wurde nicht zum Schweigen gebracht.

1962, als Algerien unabhängig wurde, verkündete er, seine Kirche wolle keine »Ausländerin«, sondern »Algerierin« sein. 1965 wurde ihm die algerische Staatsbürgerschaft verliehen. Im gleichen Jahr wurde er von Johannes XXIII., der Duval während des Befreiungskriegs weiter unterstützt hatte, zum Kardinal ernannt. 1966 konnte er in Algiers Magistrale, der Rue Didouche Mourad, die moderne Kathedrale Sacré-Cœur einweihen, deren Bau noch in der Kolonialzeit begonnen hatte. Während in den iranischen Revolutionswirren 1979 US-amerikanische Botschaftsangehörige als Geiseln festgehalten wurden und Algerien als Vermittler für ihre Befreiung fungierte, reiste Duval nach Teheran, um für die Gefangenen die Weihnachtsmesse zu lesen.⁴

Neben Anwälten, Schriftstellern und anderen Vertretern der Zivilgesellschaft gehörte auch Duval zu den Gründern der im April 1988 offiziell anerkannten Algerischen Liga zur Verteidigung der Menschenrechte. Ihre Legalisierung signalisierte, dass nicht nur Teile der republikanischen Zivilgesellschaft hofften, der Staat würde die gewachsenen gesellschaftlichen Spannungen auf demokratischem Wege lösen. Präsident Chadli Benjedid nannte die Liga eine für den Rechtsstaat selbstverständliche Institution und sicherte zu, dass sie »frei und unabhängig für die Verteidigung und Förderung der Menschenrechte« agieren könne.⁵

Duval trat 1988 aus Altersgründen in den Ruhestand. Seine Nachfolger hielten an seinen Prinzipien fest, weshalb das Verhältnis zwischen Staat und christlicher Kirche eng blieb. Das beruhte auch auf der kirchlichen Verpflichtung, nicht zu missionieren. In Algerien gab es zudem weiterhin Einrichtungen mit Mönchen und Nonnen, die prekär lebende Teile der Bevölkerung unterstützten, zum Beispiel auf medizinischem Gebiet.

Da die meisten europäischstämmigen Menschen Algerien verließen, ist die Kirche seit der Unabhängigkeit des Landes vor allem für dort arbeitende ausländische Christen von Bedeutung. In den achtziger Jahren erlebte ich eine Weihnachtsmesse in Sacré-Cœur, die der libanesische Priester Antoine Moussali auf hocharabisch vor einem Publikum abhielt, das vor allem aus polnischen Kooperanten bestand. Die Kathedrale wurde von Polizeieinheiten bewacht. Nicht auszuschließen war, dass islamistische Gruppen die Messe angreifen könnten. Moussali war erst vor kurzem an die Diözese Algier versetzt worden. Dort und an der Universität gab er auch Kurse in Hocharabisch, das damals in Algerien kaum jemand so elegant und witzig beherrschte wie er. Teilnehmer waren Intellektuelle und Kader, die Hocharabisch beruflich benötigten. Als mein Mann, Saddek Kebir, dem Priester ermöglichte, die Sprache auch im Fernsehen zu lehren, wurde Moussali von Islamisten bedroht. Sie wollten die Bevölkerung im Glauben halten, das Hocharabische sei dem Koran und den Muslimen vorbehalten, nicht aber die allgemeine Kultursprache des Nahen Ostens. Die Sendereihe wurde abgebrochen. Anfang der neunziger Jahre wurde Moussalis Gefährdung so groß, dass er das von ihm geliebte Algerien verlassen musste. 1991 gab es 149 Priester, 22 Mönche und 390 Nonnen in Algerien, die meisten in vorgerücktem Alter.⁶

Im Gefolge jahrelang sehr niedriger Weltmarktpreise für Erdöl war es in den achtziger Jahren zu einer schweren sozialen Krise gekommen – ein wesentlicher Grund für das Erstarken des Islamismus. Die nach einem Jugendaufstand im Oktober 1988 eingeleitete Demokratisierung scheiterte. Die vom Westen, den Golfstaaten und dem Iran unterstützte Islamische Heilfront (FIS) gewann Ende 1991 die ersten freien Parlamentswahlen, obwohl sie im Wahlkampf offen verkündete, dass die demokratische Staatsform gotteslästerlich sei und der Scharia weichen müsse. Mit dem Ziel, die Republik zu erhalten, putschte die Armee im Januar 1992, woraufhin ein rund zehnjähriger Bürgerkrieg ausbrach, in dem auch die algerische Kirche Opfer beklagte.

Bei ersten Zeichen des Nachlassens der internationalen Unterstützung der Islamisten – insbesondere von seiten Frankreichs – kam es zu Terror gegen französische Institutionen. An Weihnachten 1994 begann eine bewaffnete Gruppe eine Flugzeugentführung, die erst zwei Tage später durch eine französische Spezialeinheit in Marseille beendet wurde. Schon am 27. Dezember kam es zu einem Akt der Rache für die Tötung der Entführer. In Tizi Ouzou, der Metropole der Kabylei, wurden vier Mönche getötet, deren soziales Engagement von der Bevölkerung sehr geschätzt worden war. Drei der Ermordeten wurden öffentlich beigesetzt, wozu das »Mouvement pour la culture berbère« aufgerufen hatte.⁷

Nicht ernst genommen

Kurz zuvor, am 21. November 1994, begann in Rom eine von der katholischen Laiengemeinschaft Sant’Egidio organisierte Konferenz, die eine Lösung für den Gewaltkonflikt in Algerien befördern wollte. Hier trafen Vertreter der ins Ausland geflohenen Führungsmitglieder der FIS – wie der in Bonn exilierte Rabah Kebir – mit legalen algerischen Oppositionsparteien zusammen, die das Ende des Bürgerkriegs durch eine Wiederzulassung der FIS ins politische Leben anstrebten. Dazu gehörten unter anderem die der Sozialistischen Internationale angehörende FFS, die ehemalige Einheitspartei FLN, die neue Partei des ehemaligen Präsidenten Ahmed Ben Bella, die trotzkistische Partei der Arbeit und die gewaltlos-islamistische Partei En-Nahda. Der verabschiedete nationale Vertrag wurde als »Plattform von Rom« bekannt.

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Die Regierung in Algier und etliche andere Parteien meinten indes, dass die Exil-FIS nicht zur Befriedung beitragen könne, weil sie keine Kontrolle über die bewaffneten Gruppen besaß. Sie setzte auf deren militärische Neutralisierung und verhandelte gleichzeitig mit den in algerischer Haft sitzenden FIS-Führern Abbassi Madani und Ali Benhadj, die wesentlich populärer als Kebir waren. Abgesandte von Sant’Egidio hatten über Duvals Nachfolger, Erzbischof Henri Teissier (1929–2020), der ebenfalls algerischer Bürger war, ihre ersten Kontakte mit politischen Kräften in Algerien knüpfen können. Aber in die Planung der Konferenz wurde die algerische Kirche nicht einbezogen, und sie nahm auch nicht teil. Eine Gruppe aus Priestern, Nonnen, Mönchen und in Algerien lebenden Katholiken hatte die Konferenz an deren Vorabend für fragwürdig erklärt: »Die Meinung der algerischen Bischöfe, die die Situation vor Ort seit langem verfolgen, die arabische Presse lesen und die Predigten der Fundamentalisten hören, ist nicht wirklich ernst genommen worden.«⁸

Weil sich die Gemeinschaft von Sant’Egidio wenigstens im nachhinein mit den algerischen Bischöfen verständigen wollte, fand am 30. Januar 1995 – am Tag eines der opferreichsten Anschläge in Algier – ein Treffen in Rom statt. Erneut kam es zu keiner Übereinkunft. Die algerischen Bischöfe seien als Unterstützer der militärischen Lösung im Sinne der algerischen Regierung erschienen, hieß es. Nur Duval sei offen für Gespräche gewesen.⁹ Die Flugzeugentführung und das Attentat in Algier hatten gezeigt, dass die Exil-FIS tatsächlich keinen Einfluss auf die bewaffneten Gruppen hatte. Salafistisch inspiriert, zielten diese auf die gewaltsame Durchsetzung eines islamischen Staates.

Geiselnahme durch Islamisten

In der Nacht vom 26. zum 27. März 1996 wurden sieben Mönche entführt und zwei Monate später getötet.¹⁰ Während sich die französische Wikipedia neutral auf die Darstellung des Geschehens beschränkt, gibt die deutsche Wikipedia ausführlich eine Version wieder, wonach die Gewalttat aus einer Infiltration durch Armee und Geheimdienste resultierte, »um die Weltöffentlichkeit gegen die terroristischen Gruppen im Lande aufzubringen«. Diese Sicht entspringt dem islamistischen Narrativ der zu Demokraten verklärten Aufständischen, die gegen eine zynische Militärdiktatur kämpften. Dass der algerische Staat Morde an Christen ins Auge gefasst haben könnte, ergibt vor dem Hintergrund ihres stabilen Verhältnisses, das mit der kirchlichen Ablehnung der Plattform von Rom erneut bekräftigt wurde, keinen Sinn.

Das Zisterzienserkloster Notre-Dame de l’Atlas, aus dem die Mönche entführt worden waren, befand sich in Tibhirine, in einem schwer zugänglichen bewaldeten Bergland, 90 Kilometer südlich von Algier. Neun hier lebende Mönche teilten sich mit der ärmlichen Bevölkerung mehrere Agrarprojekte. Der 82jährige Bruder Luc versorgte als Arzt Kranke. Es galt die Regel, dass er außerhalb des Klosters nicht tätig werden sollte. Dass er dem ärztlichen Ethos verpflichtet war und gelegentlich auch Verwundete bewaffneter Truppen behandeln musste, war der Staatsmacht sicher klar. Die Lage der Mönche war im Bürgerkrieg also kompliziert geworden. Bischöfliche Angebote, die Gegend zu verlassen, lehnten sie ab. Es ist aber kein Versuch bekannt, von den Mönchen Informationen über die Terroristen zu erpressen.

Da ein friedliches Zusammenleben von Christen und Muslimen auch im Koran vorgeschrieben wird, fühlten sie sich zunächst geschützt. Am 24. Dezember 1993 war der die Region beherrschende Emir Sajah Attia mit Gefolge im Kloster aufgetaucht, um den Arzt zu einem nicht transportierbaren Verletzten zu holen. Attia kehrte jedoch um, als er erfuhr, dass die Mönche Weihnachten feierten. In Jesus sehen Muslime zwar nicht Gottes Sohn, aber einen wichtigen Propheten. Durch den merkwürdigen Besuch müssen die Mönche gewarnt gewesen sein.

Kurz zuvor waren in der Nähe zwölf technische Kooperanten aus Kroatien massakriert worden, die im Jahr zuvor die Weihnachtsmesse im Kloster gefeiert hatten. Immer wieder kam es zu Besuchen von Terroristen, die aber meist nur ein Telefon nutzen wollten. 1996 wurde die Gegend vom Salafistenführer Djamal Zitouni kontrolliert, der keinen Respekt vor den geringsten religiösen Abweichungen hatte. Auch Algerier, die ihm nicht folgen wollten, erklärte er zu »Apostaten« und ihre Tötung für legitim.

Am 27. März 1996, um 1 Uhr nachts, wurde der algerische Wächter des Klosters durch energisches Klopfen geweckt. Zwei Männer in afghanischer Tracht verlangten, zum Arzt gebracht zu werden, sie hätten zwei Verwundete. Der Prior, Bruder Christian, leitete sie zu Bruder Lucs Zimmer. Er wurde aus dem Bett gezerrt und mit Christian in den Hof geführt. Mit Kalaschnikows und Jagdgewehren bewaffnete Männer holten weitere fünf Mönche als Geiseln. Der Pförtner konnte fliehen und den Hergang später berichten. Gegen 7 Uhr morgens wagten zwei zurückgelassene Mönche, den Vorfall der Gendarmerie im acht Kilometer entfernten Medea zu melden.

Sofort begann die Armee die Suche mit Hubschraubern und Bodentruppen. Doch die Mönche, die immer wieder an andere Orte, oft in Höhlen, verschleppt wurden, blieben verschollen. Von Bonn aus verurteilte Kebir den Gewaltakt. Auch Anouar Haddam, der die FIS in den USA vertrat, forderte die Freilassung der Mönche. Am 29. März publizierte der Figaro Erklärungen des Bischofs von Oran, Pierre Claverie (1938–1996). Er zeigte sich verwundert, dass der Respekt, den Sajah Attia den Mönchen noch gezeigt habe, nicht mehr gelte. Noch hoffe er auf Rettung der Mönche. In algerischen Zeitungen zirkulierten optimistische Prognosen, dass die Mönche aufgrund von Rivalitäten zwischen den bewaffneten Gruppen frei kommen könnten.¹¹

Der Gewalt nicht recht geben

Am 18. April 1996 wurde in Medea ein Kommuniqué Zitounis angeschlagen und von der in London erscheinenden Zeitung Al-Hayat – ein Verlautbarungsorgan radikaler islamistischer Gruppen – veröffentlicht. Zitouni zitierte Koran-Verse, wonach Allah die Bekämpfung derjenigen fordere, die »die wahre Religion« nicht praktizierten. Er ignorierte, dass Juden und Christen im Koran »Leute des Buchs« genannt werden und als solche – anders als Polytheisten – vom Islam geschützt werden sollen. Vielmehr hätte Allah geholfen, »sieben missionarische Mönche in der Region Medea zu entführen. Sie sind bis heute am Leben und gesund.« Zitouni prahlte mit kürzlich vollzogenen Hinrichtungen von über 100 »Gottlosen«. Im Raum Medea habe man einen Hubschrauber abgeschossen und eine Gruppe Militärs, die die Mönche aufspüren wollte, in einen Hinterhalt gelockt und getötet. Jetzt würde die Armee die Gegend mit Bombardements, Artillerie, Flugzeugen und Helikoptern malträtieren. Mit diesen »gewissenlosen Dreckskerlen« werde man nicht verhandeln. Frankreich wurde von Zitouni aufgefordert, im Austausch für die Mönche 150 inhaftierte Islamisten freizulassen. Es solle Druck auf Algerien ausüben, damit der Großemir Abdelhak Lajada freikomme.¹²

Teissier, der Erzbischof von Algier, sagte in einem Interview vom 19. April in Le Monde, dass die Entführung der Mönche »gleichermaßen eine Prüfung der algerischen Kirche und der algerischen Gesellschaft« sei. Seit Beginn der Krise habe der Staat den Christen geraten, das Land zu verlassen. Die meisten, auch die Mönche von Tibhirine, hätten aber bleiben wollen, denn ihr Vertrauen in die Nachbarschaftsbeziehungen sei größer als die Furcht. Es sei derselbe Mut, der sich auch in der algerischen Gesellschaft fände: Um »Kraft zu schöpfen, genügt es, in einem belebten Viertel einem jungen Mädchen zu begegnen, das sich ruhig bewegt, obwohl es keinen Hidjab trägt«.

Le Parisien brachte am 16. Mai ein Interview mit Bischof Claverie von Oran. Gefragt, ob er Verhandlungen zur Befreiung der Mönche befürworte, sagte er nach langem Schweigen: »Ich wünsche mir, dass die Mönche am Leben bleiben, aber nicht um jeden Preis. Sie haben ihr Leben diesem Land vermacht, wo sie bereit waren, zu sterben. Aber ich bin nicht sicher, ob sie bereit waren, jeder Gewalt und jeder Forderung nachzugeben. (…) Sollten sie getötet werden, haben sich schon mehrere meiner Priester bereit erklärt, in Tibhirine weiter christliche Präsenz zu sichern. Der Gewalt darf man nicht recht geben.« Später fügte er hinzu: »Die Gewalt trifft vor allem die algerische Gesellschaft und rührt aus einer ökonomischen, politischen, kulturellen Krise, einer tiefen Identitätskrise des algerischen Islam. Elf Mönche und Nonnen sind (bereits; S. K.) getötet worden, Zehntausende algerische Muslime wurden oft auf grausame Weise von anderen algerischen Muslimen getötet. Es ist falsch, von einem Religionskrieg in Algerien zu sprechen.«¹³

Am 27. Mai 1996 teilte Zitouni mit, dass die Mönche getötet wurden, weil Frankreich auf sein Angebot nicht eingegangen sei.¹⁴ Drei Tage später bot sich den Autofahrern, die morgens die Autobahn an der nördlichen Stadtgrenze von Medea passierten, ein grausiger Anblick. Am Zaun eines Feldes waren drei verwesende menschliche Köpfe mit Stacheldraht befestigt. Weitere Köpfe und die Identitätspapiere der Mönche wurden später gefunden.¹⁵ Am 1. August 1996 wurden Claverie und sein muslimischer Chauffeur durch ein Bombenattentat am Eingang der Bischofskirche von Oran getötet.

2018 kündigte der Vatikan die Seligsprechung der sieben Mönche und der anderen zwölf getöteten Kirchenleute an. Algerien erklärte sie zu Märtyrern. Der Religionsminister hob hervor, dass sie »Algerien in frommer Ergebenheit gedient« hätten.¹⁶

Anmerkungen

1 Die 1881–1900 im mauresken Stil erbaute Basilika steht auf dem Gelände eines heidnischen Tempels. 2010–2013 wurde sie mit Geldern restauriert, die Algerien, Frankreich und Papst Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) zur Verfügung stellten.

2 Sabine Kebir: Révoltes des autochtones, Algérie Actualité, 14.–20.2.1985

3 Augustin und Duval zit. n.:Abdelmadjid Kaouah: Portrait d’une conscience, Révolution Africaine, 19.5.1989

4 Zum Lebenslauf vgl.: Marie-Christiane Rey: Entretiens du Cardinal Léon-Étienne Duval, Paris 1984

5 Hanafi Taguemout: Amnesty Algerie: L’imbroglio des médias, Algérie Actualité, 30.4.–6.5.1987

6 Leïla Aslaoui: Les Années Rouges. Algier 2000, S. 247

7 Sabine Kebir: Rache aus Dynamit, Der Freitag, 6.1.1995

8 Jean-Jacques Pérennès: Pierre Claverie. Un Algérien par alliance. Ed. Cerf, Paris 2000, S. 292–293

9 Alphonse Georger zu Jean-Luc Barre in: Algérie l’espoir fraternel. Ed. Stock, Paris 1997, S. 95

10 Mohamed Balhi: Tibhirine. L’enlèvement des moines. Dar al Farabi, Beirut 2002, S. 160

11 Ebd., S. 65–81

12 Patrick Denaud (Hg.): Algérie. Le FIS: Sa direction parle …, Paris 1997, S. 17–20

13 Beide Zitate n. Balhi (wie Anm. 10), S. 83–93

14 Hamid Kechad: Chronologie politique. In: La paix des cimetiéres. Algier 2000, S. 141

15 Balhi (wie Anm. 10), S. 125–127

16 Béatification des moines de Tibhirine: Mohamed Aïssa évoque la venue du Pape en Algérie, TSA, 22.3.2026

Sabine Kebir schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. Februar 2026 über den Umgang der beiden deutschen Teilstaaten mit der Schoah und mit dem Staat Israel:

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.04.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Bogdan 14. Apr. 2026 um 07:52 Uhr
    Das Detailwissen von Frau Kebir und Frau Prato belegt, dass über Jahrhunderte verschiedene Religionsgruppen sich gegenseitig bekämpften. Dies kumuliert und spitzt sich in der Parole des Salafistenführers Djamal Zitouni zu: Algerier, die ihm nicht folgen wollen, erklärte er zu Apostaten und ihre Tötung für legitim. Um was wird über so lange Zeit, mit großer Brutalität gekämpft? Das wird nicht ergründet. Es geht wohl auch um Geld und Einfluss? Dieses Religionsgeschwurbel verdeckt dies.
  • Doris Prato 13. Apr. 2026 um 13:54 Uhr
    Die Beiträge von Sabine Kebir lese ich mit Gewinn immer gern wegen ihres informativen Inhalts. Sicher vermittelt auch der vorliegende dazu viel wenig Bekanntes. Aber es fehlt einfach das Eingehen auf die Ziele, die der „Einheitspapst“ Leo XIV. verfolgt. Grundsätzlich hat er bisher das Festhalten an reaktionären Gestalten der katholischen Kirche des Mittelalters als Leitbilder für die Gegenwart bekräftigt. Dazu gehörte auch der Prediger Aurelius Augustinus, der in Algerien tätig war und der zu den größten Kirchenlehrern des christlichen Altertums gezählt und als Heiliger verehrt wird. Ihn hat Leo XIV. in einer Predigt am 23. August vergangenen Jahres Politikern und Gesetzgebern als Orientierung in Zeiten des Umbruchs empfohlen. Augustinus habe die Menschen ermutigt, „die irdische Gesellschaft mit den Werten des Reiches Gottes zu durchdringen“ und so menschliches Wachstum möglich zu machen“. Nun muss man wissen, dass dieser Augustinius vorher in Rom mitgeholfen hatte das Religionsedikt „Cunctus populos“ (An alle Völker), das 380 von Kaiser Theodosius I. (379-395), in dem der Katholizismus zur herrschenden und allein tolerierten Religion des Reiches erklärt worden war, durchzusetzen. Es verbot „alle heidnischen Religionen und schaltete die vom Katholizismus abweichenden mit Zwangsmaßnahmen“ aus. Damit wurde die Mehrheit der Bewohner des Römischen Reiches der katholischen Religion unterworfen. Nur die dem Gesetz folgten, wurden als katholische Christen anerkannt, alle nichtkatholischen Varianten „für wahrhaft toll und wahnsinnig“ erklärt. Dann hätte in den weitschweifigen Abriss der katholischen Kirche in Algerien wenigstens das Schicksal des Bischofs von Evreux (Frankreich), Jaques Gaillot, erwähnt werden sollen. Er wurde 1995 von dem polnischen Papst Johannes Paul II., auf Betreiben seines deutschen Glaubenspräfekten, Kardinal Ratzinger, des späteren Papst Benedikt XVI., seines Amtes enthoben, weil er als Anhänger der Befreiungstheologie die Enzyklika „veritatis splendor“, die die absolute Unterwerfung unter den vom Papst verkündeten) Glauben forderte, abgelehnt hatte. Der in Rom als Querulant verschriene Geistliche verkörperte so ziemlich alles, gegen das die Spitze der Kurienhierarchie vorging. Er fühlte sich den Armen und Obdachlosen verpflichtet, kümmerte sich um Aidskranke und hatte Verständnis für Homosexuelle, war ein Sympathisant der palästinensischen Befreiungsbewegung und Yasir Arafats persönlich. Der Verurteilte weigerte sich, seine Amtsenthebung zu unterschreiben. Da man nicht wagte, ihm völlig jede seelsorgerische Tätigkeit zu verbieten, schickte man ihn im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste, indem er als Titularbischof in die einstige, de facto nicht mehr existente nordafrikanische Diözese Partenia in der algerischen Sahara nahe der Stadt Setif geschickt wurde. Schon bald wurde Gaillott auch dort ob seiner volksverbundenen Seelsorge weit über die Grenzen seines Bischofssitzes hinaus bekannt. An Stelle eines ihm nicht zur Verfügung stehenden Bistums schuf er sich im Internet eine Homepage, die monatlich Tausende Pilger verzeichnete. Als er 2000 zusammen mit dem bekannten Kirchenkritiker Eugen Drewermann zu einem Vortrag nach Bonn eingeladen wurde, untersagte der romhörige Erzbischof Joachim Meissner den Auftritt.
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