Zum Inhalt der Seite
Unblock Cuba

Widerstand am Rande der Erschöpfung

Das US-Embargo setzt der Kubanischen Revolution zu, noch wissen die Volksräte aber, sich und ihren Mitmenschen notdürftig zu helfen

Von Renate Fausten, Havanna
Foto: Ramon Espinosa/AP/dpa
Lebensgefahr: Mangelnde Wasserversorgung bei hochsommerlicher Hitze (Havanna, 27.8.2026)

Fast 25.000 Tage hat Kuba seine Revolution gegen die USA verteidigt. Seit dem 1. Januar 1959 versuchten deren Machthaber alles, das sozialistische Projekt zu zerstören – und versagten, auch nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers.

Vergangenen Februar zog US-Präsident Donald Trump die Daumenschrauben noch enger. Per Dekret verfügte er, jedes Land und jede Reederei, die Kuba mit Öl beliefert, zu sanktionieren. Die Drohung war unmissverständlich und wurde gehört. Seit neun Monaten hat fast kein Tanker die Insel angesteuert: Ersatzteile für kubanische Kraftwerke, Medikamente und vieles mehr stecken, obwohl bereits bezahlt, in Containern fest. Dass Kuba den Juli und den August überlebt hat, gleicht einem Wunder. Kuba lebt dank seiner erfindungsreichen Regierung und Volksräte – auch wenn es mehr ein Überleben als ein Leben ist.

Bis zu 13 Stockwerke muss Wasser bei 30 Grad Celsius geschleppt werden, weil die Energie nicht reicht, um das Wasser zuverlässig die Hochhäuser hinaufzupumpen. Im Focsa, das 30 Stockwerke zählt, fährt der Aufzug um sechs Uhr morgens einmal herunter und um sechs Uhr abends einmal herauf. Wohl dem, der fit genug ist, Treppen zu steigen. Viele Transformatoren sind von den ewigen Stromabschaltungen und den Versuchen, sie wieder einzuschalten, mitgenommen und fallen andauernd aus. Das ist bei der Hitze ein Fluch. Wer kann, kauft sich aufladbare Ventilatoren. Die blasen zwar auch nur heiße Luft, halten einem aber die Moskitos vom Leib. Selbst Schlafen fällt in Kuba schwer.

Die Energie reicht oft auch nicht, um die Abwässer abzupumpen. Gestank und gesundheitliche Risiken sind die Folge. Benzin, um die Müllabfuhr in Gang zu halten, fehlt ebenfalls. Daher rühren die berühmten Fotos von den Müllhalden in Havanna. Dafür haben die Volksräte jetzt eine Lösung gefunden: An den Holzpfosten für die Stromleitungen wurden Nägel eingeschlagen, an denen die Bewohner ihre Abfälle in einer geschlossenen Plastiktüte dort aufhängen, damit ein elektrisches Lastendreirad sie einsammeln und zu einer Übergangsdeponie bringen kann. Noch nie waren die Viertel so sauber.

Anzeige

Was den Kubanern ebenfalls zu schaffen macht, sind die Preise für Lebensmittel. 5.000 Pesos für einen Liter Öl – das ist der Durchschnittslohn für einen Arbeiter in einem staatlichen Betrieb. Auf Lebensmittelkarte gibt es nichts mehr, es sei denn, es trifft doch eine Lieferung einer befreundeten Nation ein. Ganze Nachbarschaften laufen sich in der Hitze die Hacken ab, um den Markt zu finden, der den Tagesbedarf an Nahrung am günstigsten anbietet. Jeden Tag muss erneut eingekauft werden, da man nichts kühlen und somit aufbewahren kann. Was übrig bleibt, wird weggeworfen. Wer sein Schicksal herausfordert und hofft, dass zwei Stunden Strom es retten, bezahlt das möglicherweise mit einer Krankheit.

Alte Leute trifft es besonders hart. Es gibt von den Volksräten ins Leben gerufene Stellen, bei denen sich die »Vulnerablen« eine Mahlzeit abholen können. Alte Leute zu sehen, die ihr ganzes Leben der Revolution gegeben haben, wie sie jetzt für einen Teller mit Reis und etwas Fleisch anstehen, bricht einem das Herz. Trauriger noch ist, dass sich aufgrund der Seeblockade die Kindersterblichkeit verdoppelt hat, dass ein Medikament, das man uns verweigert, darüber entscheidet, ob ein Kind lebt oder stirbt.

Der revolutionäre Plan war und ist ein anderer. Kuba versucht, möglichst viel mit eigenen Mitteln zu schaffen: eine energetische Revolution mit Sonnenenergie, der man Steine in den Weg legt, das eigene schmutzige Öl so zu verfeinern, dass es in der Industrie eingesetzt wird, und das Schulsystem aufrechtzuerhalten, obwohl die Schüler jetzt längere Wege zu Fuß zurücklegen müssen. Kuba schafft es sogar, sich erfolgreich an den Spielen für Zentralamerika und der Karibik zu beteiligen. Ob all das ausreicht, bleibt abzuwarten, während eine Invasion der USA wie ein Damoklesschwert über Havanna schwebt.

Was Kuba benötigt, sind Tanker, die Öl bringen und ihm ermöglichen, seine Wirtschaft in Gang zu bringen, und Länder sowie Reedereien, die sich trauen, ihm Waren, Rohstoffe und Medikamente zu verkaufen. Trump hat sicher geglaubt, die Revolution könnte den Sommer nicht überleben. Doch im kubanischen Volk lebt der sozialistische Geist noch immer fort: Hay que seguir, no hay otro – wir müssen weitermachen, es gibt keinen anderen Weg. Nur droht ein stiller Tod, wenn der internationale Aufschrei ausbleibt.

Dieser Artikel basiert auf einem Manuskript für einen Beitrag im Rahmen der Protestwache vor der US-Botschaft am 12. September.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 12.09.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

+++ No War On Cuba! Protestwache vor der US-Botschaft in Berlin! +++ No War On Cuba! Protestwache vor der US-Botschaft in Berlin! - No War On Cuba! +++