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Jazz

Überschlag mit Schraube

Ralph Alessis akrobatisch-synkopiertes Jazzalbum »A Sun That Never Sets«

Foto: Rocco Delilo/ECM Records
Trompetenspiel von staunenswerter Gewandtheit: Ralph Alessi

Wenn man einen beträchtlichen Teil seines Daseins als Eichhörnchenbeobachter zubringt, wundert man sich kaum mehr, dass diesen possierlichen Tierchen in der Baumgruppe vor dem Balkon kein einziger gehockter Doppelsalto oder eingesprungener Überschlag mit Schraube je misslingt. Gut, es mag Videos professioneller Squirrel-Watcher geben, die das Gegenteil beweisen, doch selbst dann wird jeder vermeintliche Todessturz spätestens am übernächsten Ast vermieden bzw. sportlich-elegant aufgefangen. Ähnlich agil und übermütig, völlig angst- und offenkundig schwindelfrei, flitzen auf dem neuen Album des Trompeters Ralph Alessi gleich fünf Freistilturner durchs dicht belaubte Geäst. Und im Unterschied zu den verrückten Nagern machen sie sogar noch Musik dabei.

Darf man vorstellen? Nebst Ralph Alessi, der für die elf Stücke auf »A Sun That Never Sets« auch als Komponist verantwortlich zeichnet, sind das Matt Mitchell am Klavier, John Hébert am Bass, Ches Smith am Schlagzeug und erstmals Alessis Bruder Joseph an der Posaune. Hauptberuflich bläst letzterer bei den New Yorker Philharmonikern und ist also ein Neuling in den Gefilden des, nun ja, Jazz im allerweitesten Sinne. Irgendwo zwischen den gehörig entgegengesetzten Polen Ornette Coleman und Igor Strawinsky nämlich siedelt Trompeter Alessi die Ursprünge für seine idiosynkratischen Klanggebilde an. Muss der Laie voll und ganz verstehen, was hier in harmolodisch-theoretischer Hinsicht vorgeht? Oder soll man sich einfach mit den Assoziationen behelfen, die von den einzelnen Songtiteln geweckt werden, also mit »einer Sonne, die nie untergeht«, mit »nichts ist tot«, mit »gelassener Tristesse« oder mit einem »langsamen Tanzbären«? Von Eichhörnchen ist erstaunlicherweise nicht die Rede.

Es bleibt dem Zuhörer gar nichts anderes übrig, als sich vorbehaltlosem Staunen hinzugeben, so rasch und unaufhaltsam changieren die Formen und Farben in dieser hochgradig erfinderischen Aufführung. Nach mehrmaligem Hören wird man dann ein wenig schlauer aus dem Eigensinn von Alessi und seiner Band und begreift immerhin, dass die versammelten Fachkräfte ihr Gemeinschaftswerk möglichst strikt auf Klischeevermeidung ausrichten. Keine tradierten Liedformen, keine herkömmlichen Akkordschemata, noch nicht mal mehr ein paar Blue Notes als Marker für das Jazzterritorium. Unter eigener Flagge hat sich Ralph Alessi nahezu unabhängig von tradierten Gepflogenheiten gemacht. Mit Synkopen aber, also mit diesen bewusst arhythmisch gesetzten Stolpersteinen, flirtet seine Musik hingebungsvoll. Und es kommt nicht von ungefähr, dass Synkope als medizintechnischer Terminus Bewusstseinsverlust bedeutet.

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Im übrigen ist es auch mal ganz schön, mit nur gerade einem der ausführenden Musiker einigermaßen vertraut zu sein: Ches Smith ist hier, wie schon in den Bands von Tim Berne oder Craig Taborn, auch deshalb ein hochinteressanter Unruheherd, weil er ständig zwischen Schlagzeug und Vibraphon wechselt. Jeder im Quintett übernimmt mal die Hauptrolle, und alle vermögen sie auf ihre Weise überzeugend auszufüllen: Mitchell mit bewundernswertem Beharrungsvermögen gern leicht neben der Spur, Hébert mit eigenmächtigem großen Ton und Joseph Alessi mit seinen wohlgesetzten, kurvenreichen Posaunenbeiträgen. Auf Telepathie im Zusammenspiel verstehen sich diese Alleskönner noch dazu – und Ralph Alessi ist obendrein ein strahlender Instrumentalist, dessen Dienste sich schon Rädelsführer wie Uri Caine, Don Byron und Ravi Coltrane in seinem Ensemble This Against That zunutze machten.

»Er hatte noch nie ein Problem mit Präzision. Sein Trompetenton vermittelt die Leuchtkraft des Vollmonds, und seine Technik ist von staunenswerter Gewandtheit«, befand die New York Times einmal. Ob Vollmond oder nie untergehende Sonne: Alessi strebt nach Glanz ohne Gloria, nach einem kitschfreien musikalischen Schönheitsideal. Und betreibt dennoch keine Kunst um der Kunst willen, dafür steckt zuviel Abenteuerlust in seiner kreativen Ambition.

Der Eichhörnchenbeobachter überlegt kurz, ob er das Album abschließend auch noch als Tierfilmsoundtrack empfehlen soll, und lässt es bleiben.

→ Ralph Alessi: »A Sun That Never Sets« (ECM)

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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