It’s the song, not the singer
Lisa Wahlandt macht sich alte Hits in neuem Gewand zu eigen
Von Diana Krall bis Lizz Wright, von Holly Cole bis Norah Jones – die hoch gehandelten Sängerinnen in den Gefilden des Pop-Jazz geben sich gern divenhaft. Wenn ihre Stimmen dann noch in opulente Instrumentierung gehüllt und mit ausgeklügeltem Postproducing versehen werden, erstarrt die Wirkung aber oft in schnöder Konfektion. Da mögen dann noch so prominente Cracks als Begleitmusiker mitwirken – oft dürfen sie nicht, wie sie könnten, und manchmal wollen sie nicht, wie sie sollten. Eine Inszenierung als Diva steht bei Lisa Wahlandt nicht zu befürchten, dafür ist schon ihre Stimme nicht majestätisch genug. Dass das keine Not bedeuten muss, sondern sich im Gegenteil erfreulich tugendhaft auswirken kann, beweist ihr neues Album »Only Hits«, das sie mit dem Gitarristen Paulo Morello und dem Kontrabassisten Sven Faller aufgenommen hat.
It’s the song, not the singer ist man hier, entgegen der üblichen Devise, versucht zu diagnostizieren. Lisa Wahlandt hat Perlen aus Pop, Soul und Folk sowie der brasilianischen Musik auf die Schnur ihres Repertoires gezogen: lauter Lieder, in die man sich augenblicklich verlieben muss, falls man das nicht schon bei früheren Gelegenheiten getan hat. Warum sind diese Songs einst zu Hits geworden? Weil ihnen allen ein zauberisches Akkordgerüst zugrunde liegt, das die Sängerin und ihre Begleiter hier so nuanciert wie mühelos herausarbeiten. »Only Hits« ist eine auf das Wesentliche reduzierte Einspielung, die nicht strotzt vor Ambition und gerade deshalb auf Anhieb überzeugt. Die Rezeptur für Stimme, Gitarre und Bass ist kein Hexenwerk, aber an den entscheidenden Stellen effektvoll zugespitzt, und die rhythmischen Akzente sitzen. So gelingt tatsächlich ein Treffer nach dem andern, von Bob Dylans »Don’t Think Twice, It’s All Right« über den Rhythm-and-Blues-Standard »Fever« bis zu Sam Cookes »Wonderful World«. Frech unter die Klassiker geschmuggelt ist zusätzlich noch die verführerische Morello-Komposition »Wave by Wave«.
Bei aller Vertrautheit der Melodien ist »Only Hits« mit einigen Überraschungen gespickt. »I Will Survive«, das in Gloria Gaynors Version und diversen Film-Scores Weltkarriere machte, wird hier kurzerhand zu einer langsamen und um so intensiveren Nummer heruntergedimmt. Und »Bridge Over Troubled Water« erwischt einen quasi auf dem falschen Fuß, weil es ganz ohne die Inbrunst auskommt, die man üblicherweise mit diesem Song verbindet. Hier wird er eher lakonisch vorgetragen und leichtfüßig rhythmisiert. In Abbey Lincolns »Throw It Away« schließlich kommt Lisa Wahlandt der Urheberin fast bedrohlich nah, aber das Wagnis geht gut. Sehr gut sogar, wie einem nach mehrmaligem Hören aufgeht.
Spätestens beim alten Heuler »House of the Rising Sun«, hier schön lasziv verschleppt, muss man auch mal vor dem diskreten Können von Lisa Wahlandts Begleitern den Hut ziehen. Paulo Morello bedient sich geschmackssicher aus der gitarristischen Trickkiste, löst Akkorde in federleichte Single-Note-Läufe auf und weiß genau, wie viel Hall sich wann und wo gut macht. Sven Faller spielt einen satten, ungemein wendigen Kontrabass und darf oft und gern solistisch glänzen. Langeweile kommt hier also nie auf, zumal da und dort noch Chris Gall, Andreas Hinterseher, Henning Sieverts und Marco Lobo mit Piano, Akkordeon, Bass und Percussion aushelfen.
Und welcher Hit unter all diesen Treffern schwingt nun obenaus? Es ist, wie könnte es bei der Südamerikaaffinität von Wahlandt und Co. auch anders sein, Antônio Carlos Jobims betörendes »Desafinado« als gefundenes Fressen für alle Beteiligten. Mehr als einmal sind es aber auch die cleveren Arrangements, die das Trio vor drohenden Abstürzen bewahren, Gefahrenstellen gäbe es in diesen Songs ja genug. Und dann ist ja auch noch die voreingenommene Erwartungshaltung im Spiel, die von der Prägnanz der Originalversionen herrührt. Wenn man bedenkt, was bei diesem Album alles hätte misslingen können, ist es gleich noch mal so gut. Sam Cookes vielstrapaziertes »Wonderful World« etwa wird zum krönenden Abschluss einfach so kurz gehalten, dass außer der Vermeldung der erfreulichen Textbotschaft und der Etablierung des Grooves gar nichts weiter geschehen muss.
Lisa Wahlandt, Paulo Morello & Sven Faller: »Only Hits« (GLM-Fine Music/Kontor-Edel)
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