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Ausbau von Rechenzentren

Alle Energie für die KI

Trotz Wassernot und Stromknappheit: Bundeskabinett beschließt Ausbau von Rechenzentren. Fragen nach Ressourcenschonung und Sinnhaftigkeit spielen keine Rolle

Foto: IMAGO/Panama Pictures
Noch werden Bagger von Menschenhand gesteuert: Baustelle für Rechenzentren von Microsoft in Bergheim, NRW

Die Bundesregierung verfolgt eine sogenannte Strategie zum Ausbau von Rechenzentren. Diese will das Kabinett planmäßig am Mittwoch verabschieden. Die Marschrichtung lautet: Klotzen, auf Teufel komm raus! Ziel sei es, die Kapazitäten bis zum Jahr 2030 mindestens zu verdoppeln, ließ sich am Dienstag Bundesdigitalminister Karsten Wildberger zitieren. Im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) peile man gar eine Vervierfachung an. Schon heute sei Deutschland der größte Markt für digitale Infrastruktur in der EU, sagte der CDU-Politiker. Man sorge dafür, dass »wir im Rennen bleiben«, auch weil man mit Blick auf die USA »besonderen Nachholbedarf« habe.

Kehrseiten kennen Union und SPD nicht oder verdrängen deren Existenz erfolgreich. Man wolle die BRD zum »Leuchtturm Europas« machen, heißt es zum Thema im Koalitionsvertrag. Was aber, wenn dem dereinst der Saft ausgeht, weil riesige Serverplantagen die ganze Energie verpulvern? Mit der rasanten Verbreitung von Cloud-Computing und noch viel stärker durch die KI-Revolution entsteht ein monströser Bedarf an Strom. Ein mittelgroßes Rechenzentrum verbraucht so viel wie 100.000 Haushalte. Eine Chat-GPT-Anfrage frisst schätzungsweise sechs- bis zehnmal so viel Energie wie die einer klassischen Suchmaschine. Hinzu kommt die Wasserproblematik. Der Stadt Eagle Mountain im US-Bundesstaat Utah machen derzeit »chronische Engpässe« zu schaffen, weil der ansässige Meta-Standort so viel vom kühlen Nass zum Kühlen seiner Server beansprucht. »Wie Rechenzentren Utah trockenlegen«, titelte am Sonntag Tagesschau.de. In Brandenburg kennt man solche Nöte, seit Tesla dort seine Gigafactory betreibt.

Wie das Handelsblatt am Dienstag berichtete, könnte der Boom beim Bauen hierzulande schon im laufenden Jahr an Grenzen stoßen. »Der zu geringe Netzausbau und insbesondere die Geschwindigkeit von Netzanschlüssen werden zum Flaschenhals«, gab die Zeitung Nadine Gelke vom Immobilienberater CBRE wieder. Minister Wildberger will als eine von 28 Einzelmaßnahmen die Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigen, damit Rechenzentren demnächst noch schneller als bisher aus dem Boden schießen. Dabei liegt deren Bauzeit heute schon bei nur 18 bis 24 Monaten. Dagegen kann aber der Anschluss an die Steckdose bis zu zehn Jahre dauern. So geduldig sind Investoren nicht. Und auch längst nicht jede Kommune will sich für solche Investments hergeben. Obwohl beim Verkauf von Freiflächen an IT-Industrielle gigantische Preise bis zu 3.500 Euro pro Quadratmeter winken, stoßen die Unternehmungen auf wachsende Skepsis bei den Entscheidern vor Ort.

Zum Beispiel hat jüngst Groß-Gerau in Hessen eine Ansiedlung des US-Unternehmens Vantage Data Centers wegen drohender Umwelteingriffe und der in Relation zur Größe des Projekts zu geringen Gewerbesteuereinnahmen abgelehnt. Weitere Argumente gegen derlei Investments seien der hohe Stromverbrauch, die unattraktive Architektur der Anlagen sowie die vergleichsweise wenigen Arbeitsplätze, die zum Betrieb solcher Rechnerparks erforderlich sind, beschied Immobilienfachfrau Gelke. Bedenkenträger will die Regierung mit finanziellem Entgegenkommen besänftigen. So soll die Gewerbesteuer wenigstens in Teilen dort anfallen, wo gebaut wird. Vorbild könnte die »Zerlegung« des Aufkommens wie bei Windkraft- und größeren Photovoltaikanlagen sein. Einen Part erhält die Kommune, in der die Anlage steht, einen zweiten die Gemeinde, in der der Betreiber ansässig ist. Über die Frage wird aber noch zwischen dem Digital- und Finanzministerium verhandelt.

Ein Motiv der Pläne ist die neu ausgerufene »digitale Souveränität« Europas gegenüber Big Data aus den USA. So steckt etwa die Schwarz-Gruppe, Muttergesellschaft von Lidl und Kaufland, elf Milliarden Euro in ein neues Rechenzentrum auf dem Gelände eines ehemaligen DDR-Braunkohlekraftwerks in Lübbenau (Brandenburg). Bis Ende 2027 soll der erste Bauabschnitt mit drei Modulen fertiggestellt werden. Darin sollen Daten der Holding verarbeitet, aber auch Speicher und Rechenleistungen an Externe veräußert werden. Eine Zusammenarbeit wurde bereits mit der Polizei Baden-Württemberg und der Bundesagentur für Arbeit vereinbart. Langzeiterwerbslose dürften in der Branche jedoch kaum gefragt sein. Nach einem Bericht des Business Insider experimentieren US-Unternehmer mit dem Einsatz von »Roboterhunden« zur Bewachung der weitläufigen Serverparks. Das offenbart eine weitere Kehrseite: Wo bleibt bei all dem der Mensch?

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.03.2026, Seite 5, Inland

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  • Istvan Hidy aus Stuttgart 18. März 2026 um 08:50 Uhr
    Rechenzentren sind Grundinfrastruktur der modernen Gesellschaft. Rechenzentren sind heute so wichtig wie Stromnetze oder Autobahnen. Ohne sie funktionieren Cloud-Dienste, Verwaltung, Forschung, Industrie 4.0 oder auch medizinische Anwendungen nicht. Auch KI-Anwendungen, die z. B. Energieverbrauch optimieren oder medizinische Diagnosen verbessern, brauchen Rechenleistung. Moderne Rechenzentren werden ständig energieeffizienter. Technologien wie bessere Kühlung, Abwärmenutzung oder spezialisierte KI-Chips senken den Energieverbrauch pro Rechenoperation deutlich. Viele Betreiber setzen zudem zunehmend auf erneuerbare Energien. Digitale Systeme können Verkehr optimieren, Stromnetze stabilisieren, Industrieprozesse effizienter machen und Papier- bzw. Materialverbrauch reduzieren. Der zusätzliche Strombedarf von Rechenzentren kann daher durch Einsparungen in anderen Bereichen teilweise kompensiert werden. Wenn Europa eigene Rechenzentren ausbaut, stärkt das seine digitale Souveränität. Ohne eigene Infrastruktur wäre man noch stärker von ausländischen Konzernen abhängig. Der Ausbau von Rechenzentren erhöht zwar Energiebedarf, ist aber eine notwendige Infrastruktur für Digitalisierung, Innovation und digitale Unabhängigkeit – und moderne Technik kann den Ressourcenverbrauch zunehmend effizient gestalten.
    • Reinhard Hopp aus Berlin 18. März 2026 um 11:37 Uhr
      »Digitale Unabhängigkeit«? – »Ich bin total unabhängig«, sprach der Delinquent, »denn ich hänge an meinem eigenen Strick.« Noch nie war die Menschheit in ihrer Gesamtheit so abhängig und existenzgefährdet wie heute. Und noch nie zuvor war der Freiheitsbegriff derart und in einem solchen Maße pervertiert wie in unserer Gegenwart. Wie gut, dass George Orwell das alles nicht mehr erleben muss! Ach ja, und dann war da ja noch irgendwas mit »Umwelt« und »Klima« und so!
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