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Aus: Ausgabe vom 12.06.2021, Seite 12 / Thema
Ideologieproduktion

Hufeisen im Kopf

Ernst Pipers Retroperspektive auf die Weimarer Republik gibt als politisches Bildungsmaterial zahlreiche Fehlorientierungen
Von Hans Otto Rößer
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Die »demokratische Mitte« hat ihren eigenen extrem rechten Rand: Reichspräsident Friedrich Ebert (vorne rechts) geht die Reihen der Reichswehr ab (Berlin, 14. August 1922)

Die Heftreihe Informationen zur politischen Bildung gehört zu den wichtigsten Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung. In hohen Auflagen werden die vierteljährlich erscheinenden Themenhefte unaufgefordert und unentgeltlich auf die Oberstufen der Schulen der Bundesrepublik verteilt. Die alte, von Reinhard Sturm verfasste Ausgabe des Themenheftes »Weimarer Republik« (Heft 261) erreichte 1998, 2003 und 2011 eine Gesamtauflage von rund 1,5 Millionen Exemplaren. Die von Ernst Piper verfasste Neuausgabe startete als Themenheft 346 im April 2021 mit einem Umfang von 83 Seiten und einer Auflage von 420.000 Exemplaren. Dabei geht es natürlich nicht nur um die Bereitstellung von Informationen für Schülerinnen, Schüler und interessierte Laien, sondern immer auch um die Propagierung der jeweils gewünschten Sicht auf den Gegenstand. Die Bundeszentrale ist das, was der französische Denker Louis Althusser einen »ideologischen Staatsapparat« nannte.

Interessiertes Vergessen

Wenn, wie jetzt, ein Thema von einem neuen Autor bearbeitet wird, kann man erwarten, dass neue Information dazu berücksichtigt werden. Im Fall der Ermordung von Karl Liebknecht und ­Rosa Luxemburg wäre das z. B. das bemerkenswerte Eingeständnis der damaligen Vorsitzenden der SPD, Andrea Nahles, auf einer Gedenkveranstaltung ihrer Partei zu 100 Jahren Novemberrevolution 2018, dass nämlich Gustav Noske »wahrscheinlich« bei der Ermordung der beiden »seine Hände (…) im Spiel hatte«.¹ Diese Erwartung wird enttäuscht. Die Tat wird in zwei Sätzen abgehandelt. Dabei geht dem Bericht über den Mord voraus, die beiden Führer hätten »sich geweigert, die Stadt zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen«. Filmkenner merken sofort: Es kommt auf den Schnitt an, um den gewünschten Effekt zu erzielen.

So bleibt noch die Möglichkeit, dass es bei einer Neufassung um die Veränderung bzw. Neuakzentuierung der Sichtweise geht. Hier ist bereits der vergleichende Blick auf die von den verantwortlichen Herausgebern verfassten Editorials aufschlussreich. Der für die Auflagen 1998 und 2003 zuständige Herausgeber Jürgen Faulenbach stellt das Heft unter die Leitfrage, »was aus der Republik geworden wäre, wenn die demokratische Revolution von 1918/19 auf der ganzen Linie gesiegt und die ersten regierenden Demokraten sich eindeutig von den alten kaiserlichen Eliten (…) getrennt und deren Einfluss gekappt hätten«.

Schon in der letzten Auflage als Heft 261 vom Jahr 2011, die übrigens noch im Netz auf der Seite der Bundeszentrale abrufbar ist, ist dieses Editorial ersetzt durch ein von Cornelius Strobel verantwortetes Vorwort. Jetzt ist keine Rede mehr von einer demokratischen Revolution, sondern von »Putschversuchen und Aufständen links- wie rechtsstehender Antidemokraten«. Dieses Deutungsmuster wird nun von Christine Hesse im Editorial der Neuausgabe des Themenheftes als Heft 346 im Sinne der Hufeisenmetapher der insbesondere von Rechten, Konservativen und den Ämtern für »Verfassungsschutz« vertretenen Extremismustheorie verstärkt: »Am rechten und linken Rand des politischen Spektrums wuchsen Bewegungen, die eine radikale Neuorientierung anstrebten (…). Beide zogen dabei Grenzen, die einen gegen privilegierte Gesellschaftsklassen und den Kapitalismus, die anderen gegen alle Menschen, die nicht in ihr völkisches, rassistisches Raster passten.« Hesse klammert dabei bewusst aus, dass jede Partei Grenzen zieht, sei es gegenüber Sachverhalten, die sie bekämpft, sei es gegenüber Personen und Organisationen der politischen Konkurrenz. »Grenze« als formale Gemeinsamkeit der sich vermeintlich berührenden »Extreme« herauszustellen, ist daher einfach albern. Hesse verschweigt auch den einschlägig wichtigen Sachverhalt, dass »die anderen«, die Nazis, auch eine »Grenze« zogen gegen jene Menschen am »linken Rand«, die das kapitalistische Privateigentum an Produktionsmitteln in Frage stellten.

Es handelt sich um ein interessiertes Vergessen, denn diese Grenzziehung teilt der »rechte Rand« mit den (verschwiegenen) Grenzziehungen der »demokratischen« bzw. bürgerlichen Mitte, die bekanntlich gern zur demokratiefeindlichen Rechten überläuft, wenn sie selbst diese Grenze nicht mehr halten kann. Mit der angeblichen »radikalen Neuorientierung« der faschistischen Rechten ist es derart nicht weit her. Es geht ihr allein um den Umbau des politischen Systems in ein Regime entfesselter Gewalt und Propaganda, damit, ganz systemerhaltend, die vorgefundene Produktionsweise bestehen bleibt. Es ist im vorliegenden Heft nicht die letzte Gelegenheit, die intellektuelle Schlichtheit der propagandistischen Anstrengungen von Angestellten und Beauftragten der Bundeszentrale zu bestaunen.

Halbe Wahrheit

Reichlich Grund zum Staunen gibt die Art und Weise, wie Ernst Piper seinen Dienst am vorgegebenen Dispositiv der Extremismustheorie verrichtet. Flugs sind im ersten Kapitel des Heftes über die Novemberrevolution die linken »Antidemokraten« (Strobel) identifiziert: Während die SPD für die parlamentarische Demokratie eingetreten sei, hätten Teile der USPD und später der KPD »die von Karl Marx propagierte ›Diktatur des Proletariats‹« angestrebt. Dieser Vergleich enthält die halbe Wahrheit, dass es im Streit während der Novemberrevolution nicht nur um unterschiedliche Modelle der Staatsform geht – parlamentarische oder Rätedemokratie –, sondern vielmehr um deren soziostrukturelle Verankerung, eben um ihren jeweiligen Klasseninhalt. Daran gemessen ist Pipers Gegenüberstellung unvollständig und operiert manipulativ mit der Konfrontation unterschiedlicher Ebenen. Der »Diktatur des Proletariats« wäre nämlich eine »Diktatur der Bourgeoisie« gegenüberzustellen, die wiederum in unterschiedliche politische Formen übertragen werden kann, in die Form der parlamentarischen Demokratie, aber auch in die einer Präsidialdemokratie oder verschiedener Varianten der Monarchie bis hin zu einer Militärdiktatur oder eines faschistischen Regimes.

Was die »Diktatur des Proletariats« angeht, sind die Grenzen für die Varianten ihrer politischen Formen zumindest normativ enger zu ziehen. Marx pries bekanntlich die Verfassung der Pariser Kommune als »die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte«. Engels sah am Ende seines Lebens in der »Form der demokratischen Republik (…) die spezifische Form für die Diktatur des Proletariats«.² Da bei Piper notwendige Erläuterungen unterbleiben, wird Leserinnen und Leser, die sich zum ersten Mal mit dem Gegenstand befassen (was man bei der Mehrheit der Schülerinnen und Schüler vermuten kann), die Marxsche Formel verzerrt als eine präsentiert, die sich nicht mit dem gesellschaftlichen Inhalt einer Herrschaft der Arbeiterklasse befasst, sondern ein angebliches Bekenntnis zu einer spezifischen Ausprägung jener Gesellschaft darstellt. Die komplexen Auseinandersetzungen in der Arbeiterbewegung über die Form der Herrschaft im Sozialismus werden ausgespart, um den gewünschten Gegensatz von »Demokratie« und »Diktatur« aufrechtzuerhalten.

Piper überträgt nun diese schiefe Ebene seiner Gegenüberstellung auf den schließlich doch noch vorgenommenen direkten Vergleich beider Staatsformen. Das Ergebnis ist bizarr: In der Zeile »Wählerschaft« gibt er für die parlamentarische Demokratie »alle Staatsbürger« an, für die Räterepublik hingegen nennt er »Basiseinheiten in allen gesellschaftlichen Bereichen«. Damit ist aber gar nicht die Wählerschaft benannt, für die – sozial breiter als in jeder zeitgenössischen Demokratie im Übergang zum 20. Jahrhundert – das »allgemeine Stimmrecht« gilt (so noch einmal Marx über die Verfassung der Kommune), sondern eine organisatorische Einheit, der in der parlamentarischen Demokratie der Wahlbezirk bzw. Wahlkreis entspricht. Auf die rhetorische Eliminierung der Wahlsubjekte setzt Piper dann das Phantasma einer »einheitlichen Willensbildung des Kollektivs«. Kommunismus frisst Individualität, lautet das suggerierte Klischee.

Die angeblich klare Trennung zwischen »demokratischer Mitte« und den extremen Rändern ignoriert, dass die de facto antidemokratische Rechte in Form der Reichswehr und der Freikorps kein Rand war, sondern ein wucherndes Krebsgeschwür in der Mitte der Republik, dessen sich die sozialdemokratischen und liberalen Führungsgruppen ohne Skrupel im blutigen Kampf gegen die Linke bedienten, als diese die bürgerliche Revolution in eine proletarische vorantreiben wollte. Als 1920 ein Teil des Heeres zusammen mit den Freikorps unter Wolfgang Kapp und General Walther von Lüttwitz gegen die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung putschte, verweigerte der Chef des Generalstabs des Heeres, Hans von Seeckt, den Einsatz der Reichswehr gegen die Putschisten. Allein die Arbeiterbewegung, ihnen vorangehend USPD und KPD, rettete die (bei Teilen der Arbeiter verhasste) Regierung, nur um dann erleben zu müssen, dass eben diese Regierung nach ihrer Rettung Reichswehr und Freikorps erneut gegen die bewaffneten Arbeiter einsetzte. Etwa 5.000 Menschen fielen dem weißen Terror in Deutschland von November 1918 bis in das Jahr 1920 zum Opfer. Gegen sie wurden, so der irische Historiker Mark Jones, die Taktiken und die Waffenarsenale des Krieges in Einsatz gebracht: Flugzeuge, Panzerwagen, schweres Geschütz, Maschinengewehre, Handgranaten und Flammenwerfer. Die sozialdemokratisch-liberalen Führungsgruppen erwiesen sich dadurch als aktive Förderer neuer Formen entfesselter Gewaltanwendung in innergesellschaftlichen Konflikten.³ Genau dies verdeckt und toleriert das Gerede von den extremen Rändern.

Lippendienst

Ihr Schweigen über diese Verstrickung, die bis zum Kuschen des Reichspräsidenten Friedrich Ebert und später dann auch des Reichskanzlers Gustav Stresemanns (1923) vor der mehrfachen Befehlsverweigerung Seeckts reichte, hat die SPD erst spät und keineswegs nachhaltig beendet. 1934 kritisierte der Exilvorstand der SPD im »Prager Manifest«, dass die »während des Krieges desorientierte Arbeiterbewegung« den schweren Fehler begangen habe, »den alten Staatsapparat fast unverändert« übernommen zu haben. Man sieht: Diese Kritik liegt dem oben zitierten Editorial von 1998 und 2003 zugrunde. Die dort geforderte »Kappung« der alten »Eliten« in Militär und Verwaltung hätte indes nicht nur der entsprechenden Mittel bedurft, sondern auch der nötigen Entschlossenheit, davon Gebrauch zu machen – nicht nur, um die Heeresführung abzusetzen und die präfaschistischen Banden zu entwaffnen, sondern auch um ihre Finanzierung durch das Bürgertum, u. a. über die »Antibolschewistische Liga«⁴ zu unterbinden.

Deutungsvarianten, die über die Beschwörung der Gefahr der Ränder noch hinausgehen und geschichtsfälschend eine Zusammenarbeit von links und rechts behaupten, schenkt Piper indes keine Beachtung. Er spricht zwar mit Blick auf Preußen und das Ergebnis der Reichstagswahl vom November 1932 von einer »negativen Mehrheit« der »radikalen Parteien am rechten und linken Rand«, das ist aber nicht mehr als ein Lippendienst am Dogma der Auftraggeber. Piper sieht darin nur eine abstrakte Möglichkeit. Tatsächlich geht es auch bei ihm um den »Preußenschlag«⁵ und die Versuche, zwischen NSDAP, dem nach rechts gerückten Zentrum und der DNVP zu Absprachen zu kommen. Zudem hat er schon vorher, leider eher beiläufig und ohne notwendige nähere Ausführung, darauf hingewiesen, dass es Heinrich Brüning (und den folgenden Präsidialkabinetten) um »den Aufbau eines vom Parlament unabhängigen Regierungsapparats« ging. Dieses Projekt basierte bekanntlich auf grundsätzlichen Plänen des Kreises um Reichspräsident Paul von Hindenburg und des Reichsverbandes der deutschen Industrie und wurde 1933 nahtlos in die offene Diktatur überführt.

Piper meint aber, das Hufeisen der Extremismen im Inneren der NSDAP sichten zu können. Zwar legt die Beobachtung, dass diese Partei »nahezu für das gesamte bürgerliche Lager zunehmend attraktiv« wurde, die richtige Spur zum Begreifen ihres Charakters, diese wird aber gleichzeitig wieder verwischt, wenn Piper behauptet, ihr Programm vom 25. Februar 1920 enthalte »nationalistische und sozialistische Forderungen«. Solche sieht er u. a. in der »Forderung nach Verstaatlichung der Konzerne« – tatsächlich heißt es im Original »Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteter (Trusts) Betriebe«⁶ –, nach entschädigungsloser Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke und nach »Volksgesundheit«. Die erstgenannte Forderung knüpft an die Propagandaformel von Otto von Bismarcks »Staatssozialismus« an. Tatsächlich ging es um die Verstaatlichung von Eisenbahnen und Post als notwendige Infrastrukturmaßnahmen im Dienste effizienten kapitalistischen Produzierens und Verteilens. Dem Reklamecoup gingen damals nur Lassalleaner und einige verbitterte Konservative auf den Leim.

Verstaatlichungsdrohungen richteten auch immer wieder die neuen Industrien (Chemie, Elektro) gegen die Schwerindustrie, deren Monopolpreise Produktivitätsbarrieren bildeten. Am Ende des Ersten Weltkriegs fanden Drohungen, die Schwerindustrie unter »Zwangsverwaltung« zu stellen, auch Gehör im preußischen Kriegsrohstoffamt und Kriegsamt unter Wilhelm Groener. Sie haben mit Sozialismus ebensowenig zu tun wie die Forderung nach unentgeltlicher Bodenenteignung, zumal Piper hier die »Klarstellung« Hitlers von 1928 unterschlägt, die seit diesem Zeitpunkt Bestandteil des Programms war. Demnach richte die NSDAP als Partei »auf dem Boden des Privateigentums« diese Forderung nur gegen »unrechtmäßigen« Bodenerwerb, vor allem »gegen die jüdischen Grundspekulationsgesellschaften«. Der Begriff der »Volksgesundheit« stellt schon in der Wortwahl die individuelle Gesundheitsversorgung unter ein sozialdarwinistisches Dispositiv, das die Auslieferung unheilbar Kranker und rassistisch Stigmatisierter an die Vernichtungsmaschinerie der Nazis rechtfertigt (siehe jW vom 6.1.2021).

Will man Piper nicht fehlende Kenntnis über das etwa von Reinhard Opitz sezierte »völkisch-antisemitischen Demagogiemodell« unterstellen, ist hier am deutlichsten die Unterordnung von Erkenntnissen unter apologetisch-propagandistische Interessen zu beobachten. Er begibt sich damit auf das Niveau Edmund Stoibers, der zur Unterstützung des Bundestagswahlkampfes von Franz Josef Strauß als CSU-Generalsekretär in einem Interview meinte: »Nationalsozialisten (sind) in erster Linie Sozialisten« (FR, 28.9.1979).

Rückfall in die 50er

Piper vollzieht indes nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch einen Rückfall in die 50er Jahre. Im ersten Kapitel tritt die Darstellung von Massenaktionen deutlich hinter die Darstellung des Agierens großer Männer (und einer Frau) zurück. Ein Indiz für die vorwiegend personalisierende Geschichtsbetrachtung sind die 13 biographischen Anmerkungen unter den insgesamt 34 Erläuterungskästen, die den Textfluss unterbrechen. Zusätzlich dokumentieren acht Kästen Äußerungen von prominenten Politikern und Wirtschaftsführern. Das dritte Kapitel zur relativen Stabilisierung der Republik 1924–1929 scheint neueren Interessen an der Kultur- und an der Frauenfrage entgegenzukommen, dies ist aber weitgehend bloß »moderne« Fassade, hinter der sich eine antiquierte Darstellungsweise durchsetzt, die vor allem durch Lücken bei der Berücksichtigung der ökonomischen Entwicklung auffällt. Worin dann die Relativität der beschriebenen Stabilität der Verhältnisse bestehen soll, bleibt unverständlich.

Pipers ökonomische Informationslücken münden schließlich in das nationalistische Urteil, die »Gründe« für die Wirtschaftskrise nach 1929 hätten »nicht in Deutschland« gelegen. Dass es sich dabei um ein krasses Fehlurteil handelt, zeigt bereits ein Blick in das von Reinhard Sturm verfasste Vorgängerheft, das zahlreiche endogene Indikatoren für die sich anbahnende Überproduktions- und Finanzkrise aufzählt: Disproportionen zwischen den Industriezweigen aufgrund von Produktivitätsrückständen der Schwerindustrie, Konzentration und Monopolpreisbildung, das Schwergewicht auf Rationalisierungs- statt Erweiterungsinvestitionen, eine durchgängig hohe Sockelarbeitslosigkeit von 6,5 Prozent der Beschäftigten, die chronische Agrarkrise und schließlich die expansive und zum Teil spekulative Kredit- und Anlagenpolitik der Großbanken.

Rufschädigungsprophylaxe

Ernst Piper ist habilitierter Historiker und heute außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Als Sohn des Verlegers Klaus Piper gehörten ihm beim Verkauf des Verlags an den schwedischen Medienkonzern Bonnier im Jahr 1995 20 Prozent der Geschäftsanteile. 2018 hat er eine umfangreiche Biographie und Werkdarstellung zu Rosa Luxemburg veröffentlicht. Georg Fülberth sah in dem Buch die Verbindung von »persönlicher Empathie mit liberalem Abstand zu den politischen Auffassungen Rosa Luxemburgs«, seine Kritik beschränkte sich im wesentlichen auf die Auflistung einiger Ungenauigkeiten.⁷ In der Folgezeit diskutierte Piper auf Foren u. a. der Friedrich-Ebert-Stiftung auch mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem linken Spektrum, z. B. mit Expertinnen und Experten der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Mit anderen Worten: Piper hat einen Ruf zu verlieren.

Als Rufschädigungsprophylaxe fallen zwei manchmal kombinierte, aber auch für sich stehende Verfahren auf: die stillschweigende und unauffällige Rücknahme problematischer Thesen und die Verteilung zusammengehörender Informationen auf entfernte Textteile. Das kann hier nur exemplarisch gezeigt werden. Stresemann wird z. B. im Kasten zur Person attestiert, sein Ziel als Außenminister sei »die Überwindung der Konfrontation mit den Westmächten (…) und die Schaffung neuer Grundlagen für die deutsche Außenpolitik« gewesen. Erst 18 Seiten später erfährt man, dass dieses Ziel für Polen nicht galt. Stresemann erwog zwar keinen Krieg gegen den östlichen Nachbarn, setzte aber auf ökonomische Erpressung. Eine wirtschaftliche und finanzielle Notlage des Landes solle Polen in einen »Zustand der Ohnmacht« versetzen, damit es den deutschen Forderungen in der Grenzfrage nachgibt. Mit der impliziten Rücknahme einer These wird dieses Verfahren verbunden, wenn Piper in Einklang vor allem mit der zeitgenössischen Rechten die Bedingungen des Versailler Vertrages für »sehr hart« hält und insbesondere »gewaltige wirtschaftliche Belastungen« beklagt. 36 Seiten später folgt im Kapitel über die Stabilisierungsphase ein ganzseitiger Auszug aus Hans-Ulrich Wehlers »Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914–1949« zu Konzentrationsprozessen in der Wirtschaft. Ohne direkte Verbindung mit diesem Themenschwerpunkt beginnt dieser Auszug mit dem Hinweis, dass aufgrund der enorm gestiegenen Produktivität trotz reduzierter territorialer Basis und trotz geschrumpfter Bevölkerung die deutsche Industrie kurz vor der Weltwirtschaftskrise wieder den Stand der unmittelbaren Vorkriegszeit erreicht habe. Das deckt sich mit dem älteren Urteil Gerd Hardachs, wonach von einer »erdrückenden« Belastung der deutschen Wirtschaft durch den Versailler Vertrag »auf lange Sicht« keine Rede sein kann.⁸ So revidiert Piper Thesen, ohne dies eigens deutlich zu machen. Zudem hindert die Aufsplitterung zusammengehörender Informationen insbesondere ungeübte Leserinnen und Leser daran, für politisches Lernen wichtige Zusammenhänge herzustellen.

Wie könnte ein nicht indoktrinierender, um Aufklärung bemühter Unterricht mit diesem Text umgehen? Da die Ausgabe 2021 dieselbe Gliederung enthält wie die Vorgängerausgabe von Reinhard Sturm könnte man Arbeitsgruppen zu den vier Kapiteln bilden, die beide Versionen im Blick auf Informationen und Informationslücken vergleichen. Noch besser wäre es, wenn man den Arbeitsgruppen zusätzlich die im Klett-Verlag erschienene Quellensammlung von Reinhard Neebe »Die Republik von Weimar 1918–1933. Demokratie ohne Demokraten?« zur Verfügung stellte.⁹ Auf diesem Weg könnten Schülerinnen und Schüler nicht nur einiges über den historischen Gegenstand lernen, sondern zugleich Einschlägiges zu Verfahren der Ideologieproduktion und Propaganda.

Anmerkungen

1 Zitiert bei Uwe Soukup: Die Revolution und die SPD. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.11.2018, S. 7

2 Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich (1871). MEW 17, S. 342; Friedrich Engels: Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfs 1891. MEW 22, S. 235

3 Mark Jones: Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Bonn 2017 (­Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 101333), S. 12 und S. 17. Zu der Zahl der Ermordeten s. Karl Heinz Roth im Vorwort zu Klaus Gietinger: November 1918. Der ­verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts. Hamburg 2018, S. 14

4 Im Dezember 1918 gegründete rechtsradikale Organisation, die durch den »Antibolschewistenfonds« führender Industrieller, ­Banker und Handelskapitalisten finanziert wurde.

5 Die im Juli 1932 per präsidialer Notverordnung erfolgte Absetzung der sozialdemokratischen Regierung in Preußen und die Installation des Reichskanzlers Franz von Papen als Reichskommissar.

6 Siehe Reinhard Kühnl (Hrsg.): Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 1975, S. 105-107

7 Georg Fülberth: Opulenz mit kleinen Fehlern. In: Z. Zeitschrift ­Marxistische Erneuerung, Nr. 119, September 2019, S. 204 ff.

8 Gerd Hardach: Zur politischen Ökonomie der Weimarer Republik, in: Reinhard Kühnel und Gerd Hardach (Hrsg.): Die Zerstörung der Weimarer Republik. Köln 1977, S. 14–17

9 Erweitert und frei zugänglich unter: www.digam.net/index.php?page=2&id=180

Von Hans Otto Rößer erschien zuletzt im Verlag Wolfgang Polkowski das Buch »Georg Büchners politisches Vermächtnis. ›Die Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen‹«, Gießen 2020. An dieser Stelle schrieb er zuletzt am 8. April dieses Jahres über Identitätspolitik, die Arbeiterbewegung und den Niedergang der SPD.

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  • Leserbrief von Klaus Weber aus Neuried (14. Juni 2021 um 12:38 Uhr)
    Ernst Pipers Darstellung der Weimarer Republik wird zu Recht in der jungen Welt vom 12. Juni kritisiert. Seine Biographie über den Chefideologen der NSDAP, Alfred Rosenberg, zeigt, dass Piper mit seiner Darstellung an der Oberfläche kratzt – und das selten mit historischem Wissen. Rosenberg wird »paranoider Wahn« unterstellt (S.70), der Hitlerputsch sei von »operettenhafter Lächerlichkeit« gewesen (130), das Resultat des Zweiten Weltkriegs sei, dass »deutsches Weltmachtstreben für immer obsolet geworden ist« (167), im Gegensatz zu den anderen Nazis habe Rosenberg zu jenen gehört, die »das, was sie verkündeten, selbst glaubten« (382). Und als »Repräsentanten des kirchlichen Widerstands verehren wir heute Leute wie ... Kardinal Faulhaber«. Faulhaber verpflichtete 1933 die Geistlichen, »alles zu vermeiden, was das Vertrauen zur nationalen Regierung zerstören könnte«; »der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott«, sagte er nach einem Besuch Hitlers im November 1936. Doch Piper hat nicht nur keine Ahnung von Geschichte und den gesellschaftlichen Zusammenhängen; die Rosenberg-Biographie ist von einem hochnäsig-dümmlichen Ton durchzogen: »Es war das Schicksal Rosenbergs, dass häufig genug die Zeit nicht seine Zeit war.« Bleibt die Frage, wann denn sonst die Zeit für einen überzeugten Judenhasser gewesen sein soll, wenn nicht im deutschen Faschismus.

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