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Theorie

Weder Demokratie noch Faschismus

Die gegenwärtige Rechtsentwicklung lässt sich am besten mit dem Begriff des Autoritarismus fassen. Ein Debattenbeitrag

Von Emanuel Kapfinger
Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Dass die AfD sich genau 100 Jahre nach dem zweiten Parteitag der NSDAP versammelte, gilt manchen Linken schon als Beweis für den faschistischen Charakter der Partei. Doch gerade ein Vergleich dieser Parteitage zeigt deutliche Unterschiede (Erfurt, 4.7.2026)

Am 8. April 2026 wandte sich Sebastian Friedrich an dieser Stelle in der jungen Welt gegen den derzeit vieldiskutierten Begriff der Faschisierung, der analytisch wie auch strategisch auf ein falsches Gleis führe. Denn mit ihm würde die tatsächliche Funktion der AfD für die Absicherung des Kapitalismus unterschätzt. Vieles spreche derzeit eher für eine autoritäre Formierung der bestehenden Demokratie unter Führung der CDU, die sich hierfür mit der AfD zusammentun könnte. Voraussetzung dafür sei, dass sich in der AfD das realpolitische Lager gegen die faschistischen Kräfte durchsetzt. Dies zeichne sich aber bereits ab.

Klaus Weber kritisierte diese Thesen am 15. Mai 2026 in der jungen Welt. Zu Recht machte er dabei geltend, dass Friedrich den ambivalenten Zwischenzustand zwischen Demokratie und Faschismus nicht richtig zu fassen bekomme. In der Tat fehlt bei Friedrich eine Analyse des Gesamtcharakters der AfD, auf deren Grundlage der parteiinterne Richtungsstreit erst angemessen analysiert werden kann. Damit entgeht ihm auch eine dritte mögliche Variante gesellschaftlicher Entwicklung, die sich in Ungarn mit Viktor Orbán und in den USA mit Donald Trump durchgesetzt hat. Sie bricht mit der bestehenden Demokratie, ohne dass es sich deshalb schon um Faschismus handelt.

Webers richtiger Einsatz krankt wiederum daran, dass er diesen Zwischenzustand als Faschisierung analysiert, womit jedoch die zukünftige Entwicklung in Richtung Faschismus im Grunde vorgezeichnet ist. Die AfD sei im Kern faschistisch, und wenn sie an die Macht komme, »dann läuft das auf nichts anderes als die Vernichtung ›innerer Feinde‹ hinaus«. Damit verschließt sich Weber in seiner Analyse der Ambivalenz und der Offenheit der Entwicklung, die er zuvor betonte, wieder. Wie viele andere Linke, die den Faschisierungsbegriff verwenden, verfügt er über keinen adäquaten Begriff für die eigenständige Qualität dieses Zwischenzustands.¹

Liberaler Faschismusbegriff

Der Sache näher kommen Konzepte wie Postfaschismus (Enzo Traverso), Spätfaschismus (Alberto Toscano) und demokratischer Faschismus (Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey). Sie tragen dem Umstand Rechnung, dass die rechten Bewegungen und Parteien von heute nicht den organisiert terroristischen Charakter des historischen Faschismus mit seinen paramilitärischen Truppen aufweisen, sondern innerhalb der verfassungsmäßigen Institutionen arbeiten. Allerdings wird in diesen Konzepten die derzeitige rechte Konjunktur nicht mehr nur als Faschisierung, sondern bereits als Faschismus selbst betrachtet. Damit greifen sie die mit dem Faschismusbegriff verbundene Feindmarkierung auf: Die rechten Bewegungen werden als aggressiv und menschenfeindlich verurteilt, vor allem aber darum, weil sie mit der liberalen Demokratie brechen. Dieser liberale Faschismusbegriff gründet weniger auf einem systematischen historischen Vergleich als vielmehr auf seinem politischen Mobilisierungspotential. Da die heutige Rechte aber große Unterschiede zum historischen Faschismus aufweist, werden paradoxe Begriffe wie das Oxymoron »demokratischer Faschismus« entwickelt.

Zwar bekommen diese Konzepte ebenso wie der Faschisierungsbegriff die Ambivalenz der derzeitigen rechten Konjunktur sehr gut zu fassen. Sie zahlen dafür aber einen hohen Preis, denn sie geben den Begriff des Faschismus als einer totalitären und offen terroristischen Diktatur und damit auch das Analysewerkzeug für eine solche Herrschaftsform auf. Die Gefahr, die von wirklich faschistischen Akteuren wie Neonazikameradschaften oder dem Netzwerk um Götz Kubitschek ausgeht, droht damit, aus dem Blick zu geraten.

Doch wäre das Verwischen des Faschismusbegriffs zugunsten paradoxer Konzepte gar nicht nötig, um die gegenwärtigen rechten Bewegungen zu analysieren, denn dafür existiert seit langem eine gut ausgearbeitete Kategorie: die des Autoritarismus. Sie wurde in den 1930er und 1940er Jahren insbesondere von der Kritischen Theorie entwickelt² und ist in der politischen Theorie seit langem fest etabliert.³ Zu unterscheiden ist der Autoritarismus nicht nur vom Faschismus, sondern auch von der autoritären Formierung. Obwohl Wilhelm Heitmeyer, renommierter Forscher zur extremen Rechten, sie zur Analyse der AfD starkzumachen versucht,⁴ spielt sie in der linken wie auch in der wissenschaftlichen Debatte über die neuen rechten Bewegungen bislang nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Mit dem Autoritarismus wird psychologisch betrachtet eine durch Abwertungserfahrungen entstandene innere Unsicherheit der Menschen kompensiert. Darum könnte ihm durch eine antikapitalistische Widerstandsperspektive – wenn sich die Linke dazu durchringen würde – begegnet werden. Die Linke verwechselt den Autoritarismus jedoch mit dem Faschismus, der tatsächlich nur durch organisierte Gewalt, also in letzter Instanz militärisch, zu bekämpfen ist. Einerseits meint sie, dass die AfD-Wählerschaft keiner Argumentation mehr zugänglich und absolut zu bekämpfen sei. Andererseits entspricht ihre symbolischpolitische Praxis dieser Überzeugung gar nicht, denn sie zielt darauf, dass die AfD-Anhänger ihren Rassismus einsehen und sich zum Guten bekehren sollen – was natürlich nicht passiert. Wirkung zeitigt diese »Strategie« auch nach vielen Jahren nicht, statt dessen nehmen die Zustimmungsraten der AfD weiter zu. Mit einem inflationär benutzten Faschismusbegriff ist ein effektiver Antifaschismus also kaum möglich.

Alternative zur Weimar-Analogie

Mit dem Rückgriff auf das von Reinhard Opitz in den 1960er Jahren entwickelte Konzept der autoritären Formierung versucht Friedrich, die Entwicklung in Richtung eines autoritären Kapitalismus zu fassen, in dem die AfD nicht zu eigenständiger Machtentfaltung gelangt, sondern in das bestehende politische System eingebunden wird. Das setzt ihr Bekenntnis zu Israel, EU, NATO und eine deutlichere Distanzierung vom historischen Faschismus voraus – wie es Giorgia Meloni in Italien bereits vormacht. Während die autoritäre Formierung von der »Mitte« ausgeht, also den herrschenden Kapitalgruppen und bürgerlichen Eliten, die damit auf die Erfolge des Autoritarismus reagieren, geht dieser eher vom rechten Rand aus und versucht von dort aus, die Macht zu erlangen.

Der Rückgriff auf Opitz stellt eine Analogie zwischen der Gegenwart und den 1960er Jahren her. Weber hält das zwar für falsch, weil er seiner Faschisierungsthese entsprechend die adäquate Analogie in der Weimarer Republik sieht. Doch ähneln die 1960er Jahre tatsächlich in mancher Hinsicht eher unserer Zeit: Auch damals gab es ein übergreifendes Parteienbündnis ohne echte Opposition, vor allem in der Zeit der Großen Koalition 1966–1969. Sozialistische Kräfte waren verboten oder an den Rand gedrängt. Die CDU drängte auf die Außerkraftsetzung liberal-demokratischer Prozeduren und setzte mit der Notstandsgesetzgebung autoritäre Prinzipien durch. Wie auch heute war ein »neuer Rechtsradikalismus« (so Adorno 1967) entstanden, und die NPD erzielte die größten Erfolge ihrer Geschichte – sie war nicht zuletzt in sieben Landtagen vertreten. Ähnliche Diagnosen wie Opitz erstellten auch Vertreter der Kritischen Theorie: Horkheimer sprach vom »integralen Etatismus«, Marcuse von der »eindimensionalen Gesellschaft«. Wie Opitz verstanden sie die Entwicklung als Vollendung des Monopolkapitalismus. Auch dies ist gerade in Bezug auf die Tech-Giganten, die die Märkte unter sich aufteilen, wieder aktuell.

Diese alternative Analogie ist hiermit freilich erst angedeutet und müsste weiter diskutiert und ausgearbeitet werden. Ihr Nutzen liegt auch darin, der allgegenwärtigen Weimar-Analogie eine Alternative gegenüberzustellen und damit den Eindruck der »Unaufhaltsamkeit« des Faschismus aufzulösen.

Eine vergessene Kategorie

Anders als die autoritäre Formierung bricht der Autoritarismus tatsächlich mit dem bestehenden politischen System und errichtet eine eigenständige, tendenziell diktatorische Herrschaftsform, die die Exekutive den anderen staatlichen Gewalten überordnet. Dennoch lässt er, anders als der Faschismus, die Verfassung bestehen und stellt keinen dauerhaften Ausnahmezustand her. Beispielsweise bleibt im Autoritarismus ein begrenzter Parteien- und Meinungspluralismus erhalten. Historische Beispiele dafür findet man in Polen, wo 1926 nach einem Putsch das Sanacja-Regime errichtet wurde, eine Militärdiktatur, in der gleichwohl Oppositionsparteien zugelassen waren, und im franquistischen Spanien, dessen Regime in der Anfangszeit faschistisch war, sich aber im Lauf der Zeit mäßigte, wobei die faschistische Falange stets Teil einer breiteren Regierungsallianz unter Franco blieb.

Ein ausgebildeter Autoritarismus in der Gegenwart herrschte im Ungarn unter Viktor Orbán, das wegen vielfacher Menschenrechtsverletzungen, dem Abbau des Rechtsstaats und einer nationalistischen Staatsideologie immer wieder als faschistisch eingeordnet wurde. Dennoch blieben ein Parlament mit legislativer Gewalt, ein plurales Parteiensystem sowie Presse- und Versammlungsfreiheit bestehen; so konnte 2019 die linke Sammlungsbewegung Szikra neu gegründet werden. Im April 2026 wurde Orbán sogar mit überwältigender Mehrheit abgewählt, ein im Faschismus undenkbarer Vorgang.

Autoritäre Bewegungen sind »konformistische Rebellionen« (Adorno): Sie reagieren auf Bedrohungen der vorgestellten Normalität und versuchen, diese wiederherzustellen. Sie nehmen nicht wie der Faschismus die Demokratie als solche als Problem wahr, sondern deren Pervertierung durch eine angebliche Diktatur des »linksgrünen Establishments«. Dagegen will der Faschismus nicht die Demokratie autoritär wiederherstellen, sondern in einem faschistischen Umsturz abschaffen. Zwar inszenieren die autoritären Bewegungen unserer Zeit häufig einen Systembruch, aber einmal an die Macht gekommen (wie in den USA oder in Ungarn), agieren sie dennoch unter Wahrung der existierenden Verfassungsinstitutionen. Das schließt nicht aus, dass sie wie die Trump-Regierung versuchen, unklare Grauzonen in Gesetzen auszunutzen oder zu testen, wie weit diese überschritten werden können, bis die Gerichte dem Einhalt gebieten. Beispielsweise hatte Trump im Laufe des Jahres 2025 die Nationalgarde in mehrere von der Demokratischen Partei regierte Städte entsandt – nachdem dies gerichtlich untersagt worden war, ordnete er am 1. Januar 2026 aber wieder ihren Rückzug an.

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Autoritäre sind Liberale, die »ihre antiliberale Meinung sagen« wollen und sich dabei »bürgerlich und aufsässig zugleich« fühlen.⁵ So lässt sich auch die dominante politische Ideologie der AfD-Basis charakterisieren: Die »normalen« deutschen Bürger meinen, sich gegen eine Übermacht linksgrüner Eliten und muslimischer Ausländer zur Wehr setzen zu müssen, um ein imaginiertes eigentliches Deutschland wiederherzustellen.⁶

Autorität gibt es auch in der liberalen Demokratie, sie wird in ihr aber freiwillig anerkannt. Sie wird autoritär, wenn diese Anerkennung mit »unlauteren« politischen Techniken erzwungen wird, etwa durch Diffamierung und Inhaftierung politischer Gegner unter fadenscheinigen Vorwänden oder durch Drohungen, staatliche Subventionen zu streichen oder Karrieren zu verhindern. Dies bricht durchaus mit der bisherigen liberalen demokratischen Kultur. Während für Unbotmäßigkeit im Autoritarismus in der Regel jedoch »nur« empfindliche Einbußen hingenommen werden müssen, erzwingt der Faschismus die Unterwerfung durch offene Gewalt und letztlich die Todesdrohung.

Präzisere Arbeit am Begriff

Wie viele andere in der linken Faschismusdebatte kommt Weber dagegen zum Schluss, dass die AfD im Kern faschistisch sei. Eine präzisere Arbeit am Faschismusbegriff zeigt schnell das Gegenteil. Die von Weber aufgelisteten »zentralen Kernpunkte« des Faschismus werden diesem jedoch nicht gerecht: Ja, der Faschismus schafft demokratische Prozeduren und liberale Rechte ab. Aber das macht im Prinzip auch der Autoritarismus. Solange nicht spezifiziert wird, dass der Faschismus die Verfassung außer Kraft setzt und den Ausnahmezustand auf Dauer stellt, bleibt das höchst ungenau.

Ein weiterer zentraler Kernpunkt soll die Orientierung auf politische Führer sein. Aber eine solche kennen auch Autoritarismus, Konservatismus oder selbst die Bolschewiki. Treffender wäre es gewesen, den spezifischen Charakter des Faschismus als offen terroristische, totalitäre Diktatur zu benennen. In der bekannten Dimitroff-Formel, die Weber ohne weiteres beiseitewischt, ist das formuliert. Zum Faschismus, nicht aber zum Autoritarismus, gehören die totale Kontrolle und der umfassende offene Terror: ein Angstregime, das keine Abweichung oder Andersartigkeit mehr duldet. Entsprechend finden auch paramilitärische Truppen vom Schlage einer SA bei Weber keine Erwähnung. Das ist tatsächlich ein zentraler Kernpunkt, da diese den offenen Terror umsetzen. Heute gibt es solche Truppen kaum – auch darum lassen sich die rechten Bewegungen von heute nicht als faschistisch charakterisieren. »Dass Trump oder Meloni sich nicht in (…) der Anwendung paramilitärischer Gewalt ergehen, ist in der Tat eines der besten Argumente gegen die Begriffswahl«⁷, so der Historiker Sven Reichardt.

Ebenso wenig findet sich in der Politik und Programmatik der AfD ein »nationaler Sozialismus«, also ein (vermeintlicher) »Antikapitalismus von rechts«, der für die Propaganda der NSDAP essentiell war. Statt dessen herrscht in der Wirtschafts- und Sozialpolitik der AfD, stellt Friedrich zutreffend fest, »programmatisch (…) weiterhin ein neoliberaler Sound vor, der stark an das erinnert, was auch aus Teilen von Union und FDP zu hören ist«.

Wenn Weber den Faschismus dadurch charakterisiert, dass dieser das Privateigentum an Produktionsmitteln aufrechterhält, dann stimmt das nur ganz abstrakt. Faschistische Parteien versprachen immer auch die Enteignung des Großkapitals und die Überwindung der Klassengegensätze in einer Volksgemeinschaft. Das ist Ideologie, aber nicht nur. Tatsächlich setzte der Nazistaat in der Reichstagsbrandverordnung vom 28. Februar 1933 auch den Schutz des Eigentums außer Kraft. Er griff umfangreich in die betriebliche Autonomie ein, unterstellte die Preisbildung staatlicher Kontrolle und richtete sogar eine faschistische Form von Planwirtschaft ein. Um Sozialismus ging es dabei natürlich nicht, sondern umgekehrt um die Sicherstellung der Profite des Großkapitals nach der Großen Depression ab 1929 (und die staatliche Kriegsfähigkeit). In dieser Hinsicht hat Weber recht, denn dieser »Nationalsozialismus« garantierte dem Großkapital hohe Profite. Allerdings gibt es in der AfD Bestrebungen, gerade auf diese spezifische Weise zugunsten des Großkapitals einzugreifen, nur zum Teil. Auch wenn Björn Höcke dafür stehen mag, sind diese Positionen doch keineswegs repräsentativ für die Gesamtpartei.

Weber hebt besonders den »Vernichtungskern« hervor, der sich auf ein »Gegenvolk« richtet. Aber nur der deutsche Faschismus entwickelte eine solche eliminatorische Praxis, und selbst in diesem gewannen die eliminatorischen Kräfte erst nach dem sogenannten Röhm-Putsch am 30. Juni 1934 die Oberhand. Seltsamerweise bringt diese Hervorhebung des »Vernichtungskerns« Weber nicht dazu, sein Urteil über die AfD als faschistisch zu revidieren, obwohl diese tatsächlich keine mit der NSDAP vergleichbare eliminatorische Absicht erkennen lässt (anders als einzelne rechtsterroristische Akteure).

Die fortschreitende Faschisierung in Deutschland macht Weber insbesondere an Lagern fest, in denen Asylsuchende festgehalten werden. Aus demselben Grund werden in der Debatte gerade die Abschiebegefängnisse der US-amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE als Beleg für die Wiederkehr des Faschismus gewertet. Doch trägt diese Analogie zu den Konzentrationslagern nicht. Diese standen vollständig außerhalb des Rechtssystems und wurden in der Anfangsphase bis 1935 vor allem errichtet, um politische und weltanschauliche Gegner wegzusperren. Dagegen richten sich die Abschiebegefängnisse von ICE gegen ausreisepflichtige Einwanderer. Die Haftbedingungen sind grausam, und oft kommt es zu Menschenrechtsverletzungen, doch die Gefängnisse an sich existieren im Rahmen der geltenden Verfassung. Die Inhaftierung in den Konzentrationslagern beruhte zudem ausschließlich auf polizeilichen Entscheidungen, gegen die gerichtlich nicht vorgegangen werden konnte. In den Abschiebegefängnissen von ICE können dagegen – wenn auch unter Schwierigkeiten – Anwälte die Rechte der Betroffenen wahrnehmen, die auch immer wieder Freilassungen erzielen.

Revolutionäre Bedrohung

Seinem schwammigen Faschismusbegriff korrespondiert Webers eigenartige Wahrnehmung, wir hätten es bereits seit mehreren Jahrzehnten mit einer stetigen Rechtsentwicklung zu tun. Jedoch wäre, wie Friedrich fordert, für die Erklärung der Entstehung der AfD »bei der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus anzufangen«, also im Jahr 2008. Denn in der Folge dieser Krise verbreiteten sich die Verunsicherungen, existentiellen Sorgen und Abstiegsängste, aus denen die autoritäre Rechte ihre Energie bezieht, indem sie den Wählern die Rückkehr zu einer früheren »Normalität« versprechen kann, in der angeblich alles in Ordnung war.

Dass wir es international nicht mit einer stetigen Faschisierung zu tun haben, wird aus der Abwahl autoritärer Regierungen in Brasilien, Polen und Ungarn deutlich, ebenso wie aus dem italienischen Modell der »Melonisierung«, also der Anpassung an die Politik der bestehenden Eliten. Auch in der AfD wurden bereits viele fundamentaloppositionelle Punkte – wie Friedrich zeigt – abgeräumt oder abgeschwächt. Und seit die AfD im Frühjahr 2025 vom Verfassungsschutz als »gesichert rechtsextrem« eingestuft wurde, reagiert sie mit betonter Grundgesetzkonformität.

Derzeit sind zwei Varianten im Bereich des Möglichen: eine autoritäre Formierung (die für Deutschland wie auch für die meisten EU-Staaten wahrscheinlichere Variante) oder eine eigenständige Machtentfaltung des Autoritarismus wie in den USA, zu der es vermutlich kommen wird, wenn die Einbindung rechter Kräfte auf dem Weg der autoritären Formierung nicht gelingt.

Das heißt auch: Ein Faschismus wird zunächst nicht wahrscheinlicher, wenn autoritäre Formierung nicht gelingt. Das ist Friedrichs Prognose, der aber, wie gesagt, nicht auf die Kategorie des Autoritarismus zurückgreift. Dem Faschismus liegen noch einmal ganz andere Stimmungslagen und Krisensituationen zugrunde als die seit 2008 bestehenden. Das kapitalistische System ist nicht vom Zusammenbruch bedroht, sondern wird lediglich instabiler, da »vertraute Sicherheiten« und die als Normalzustand angenommenen »gesunden Mittelschichten« verloren gehen.

Eine Krise, die zum Zusammenbruch führt, ist dagegen durch totale Verluste bzw. eine grundsätzliche Bedrohung des Kapitalismus gekennzeichnet. Der Gegner des Faschismus ist entsprechend auch keine bürgerliche Kulturlinke, die lediglich die Normen des bestehenden Systems auf progressive Weise ausgestalten will, sondern eine revolutionäre Bewegung von links, die das System in seinen Grundfesten bedroht. Wie Marxistinnen wie Clara Zetkin, Wilhelm Reich und Alfred Sohn-Rethel gezeigt haben, entsteht der Faschismus aus solchen fundamentalen Krisen. Diese erscheinen den Massen – wenn sie kein hinreichendes Klassenbewusstsein ausgebildet haben –, als würde das »nationale Überleben« und damit auch ihr eigenes in Frage stehen. In einer solchen Untergangsangst entstanden nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland die Freikorps und die NSDAP. Ebenso einschneidend war die tiefgreifende Wirtschaftskrise von 1929, in deren Folge die NSDAP ihre Erfolge an den Wahlurnen verzeichnete. Letzteres hat Reich 1933 eindrücklich beschrieben.

Derzeit gibt es weder eine weit verbreitete Angst vor einem Untergang Deutschlands noch eine ernstzunehmende revolutionäre Bewegung. Konfrontiert sind wir vorerst nur mit der Furcht, dass Deutschland, die USA oder andere westliche Staaten ihre wirtschaftliche und politische Vorrangstellung verlieren. In der MAGA-Bewegung heißt es, die USA müssten »great again« gemacht, aber eben nicht vor dem Untergang gerettet werden. Szenarien eines völligen Zusammenbruchs werden zwar entworfen, aber nur in faschistischen Kreisen am rechten Rand. Diese stellen eine enorme Bedrohung dar, doch gesamtgesellschaftliche Reichweite erhalten sie derzeit nur dann, wenn sie sich – wie der Höcke-Flügel der AfD – in das autoritäre Projekt einordnen.

Dennoch leisten beide genannten Varianten dem Faschismus Vorschub. Die NSDAP hätte 1933 die Macht über den Staat nicht so leicht übernehmen können, wenn es nicht die Vorarbeit des »Stahlhelms«, der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) oder der rechten Präsidialkabinette ab 1930 gegeben hätte. Ähnlich bereitet der Autoritarismus auch heute dem Faschismus den Boden, etwa indem er menschenfeindliche Positionen normalisiert. Kommt es vor diesem Hintergrund zu einer Zusammenbruchkrise, dann ist wie nach 1929 mit einer rapide anwachsenden faschistischen Bewegung zu rechnen.

Eine solche große Krise wird angesichts des Klimawandels, der Militarisierung und der wachsenden Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals immer wahrscheinlicher. Sie wird auch revolutionären Gegenbewegungen Auftrieb verschaffen, mindestens zu größeren Aufständen führen. Dann kann es auch wieder zu einem neuen Faschismus kommen. Zu dessen adäquater Einschätzung, also auch zu einer effektiven Gegenstrategie, wird die Linke jedoch erst kommen, wenn sie sich von ihrem liberalen Faschismusbegriff trennt.

Anmerkungen

1 In meinem Buch »Die Faschisierung des Subjekts« (Mandelbaum Verlag, 2021) verstehe ich Faschisierung in anderer Weise als in der aktuellen Debatte, wo sie einigermaßen inkohärent als ein Prozess, der ergebnisoffen sein soll und doch eindeutig auf den Faschismus zuläuft, verstanden wird. Der von mir ausgearbeitete Faschisierungsbegriff meint dagegen dem Wortsinn entsprechend den Prozess, in dem der Faschismus entsteht.

2 Etwa Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944. Hamburg 2018 (englische Erstausgabe von 1942)

3 Hans-Joachim Lauth: Autoritäre versus totalitäre Regime. In: Dieter Nohlen (Hrsg.), Lexikon der Politik, Bd. 1: Politische Theorien. München 1995, S. 27–32

4 Etwa Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I. Berlin 2018

5 Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. In: Max Horkheimer: Gesammelte Schriften, Bd. 5, Frankfurt a. M. 1987, S. 230f.

6 Vgl. dazu Wilhelm Heitmeyer, Manuela Freiheit und Peter Sitzer: Rechte Bedrohungsallianzen. Signaturen der Bedrohung II. Berlin 2020, S. 104–111

7 Sven Reichardt: Was ist Postfaschismus? In: Soziopolis, 8.5.2025, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-102284-9

→ Emanuel Kapfinger ist Philosoph und politischer Autor. Er promoviert über Hegel und Kulturtheorie an der FU Berlin, ist assoziierter Doktorand des Centre Marc Bloch an der HU Berlin und Dozent des Bildungswerks Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung. Er publiziert regelmäßig zur Faschismustheorie.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.07.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Frank Graf 29. Juli 2026 um 12:14 Uhr
    Was versteht denn der Autor unter einer »antikapitalistischen Widerstandsperspektive«? Inwiefern sollte dieses von ihm nicht weiter beschriebene Konzept geeignet sein, der diagnostizierten »Rechtsentwicklung« zu begegnen? Beinhaltet es eine explizite Abkehr von dem »wirtschaftspolitischen Irrweg«, den Klaus Fischer in seinem Artikel »Gigant auf Schrumpfkurs« (jw, 04.07.26) analysiert hat, welcher durch die ruinöse »Energiewende«, durch die groteske EU-Zentralverwaltungswirtschaft und durch Hochrüstung und Kriegsvorbereitung »zum allmählichen Versiegen der Quellen gesellschaftlichen und persönlichen Reichtums« (Klaus Fischer, ebd.) führte? Wenn es sich bei der »antikapitalistischen Widerstandsperspektive« lediglich um einen neuen Aufguss des als sozial-ökologische Transformation verbrämten Grünen Sprunges nach vorne in den Abgrund von Degrowth und Deindustrialisierung handelt, wird die Arbeiterklasse wohl kaum zurückgewonnen werden. Etwas Nachhilfeunterricht bei der erfolgreichsten linken Partei unserer Epoche, der KPCh, und ein genaues Studium der »sozialistischen Marktwirtschaft« der Volksrepublik könnten Proponenten des »antikapitalistischen Widerstandes« nicht schaden.
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 29. Juli 2026 um 11:16 Uhr
    Die Definition von 1935, was Faschismus ist, hatte den großen Vorteil, nicht nur an der Oberfläche der politischen Erscheinungen zu kratzen. Sie suchte und fand die Wurzeln des Faschismus dort, wo er wirklich herkommt: in der Ökonomie. Es sind die Interessen des aggressivsten Teils des Kapitals, die den Faschismus prägen, und nicht die mehr oder minder autoritativen Positionen der politisch Handelnden. Man kann die Tendenzen und die Gefahren faschistischer Entwicklungen nur unklar oder gar nicht erkennen, wenn man einen Bogen darum macht zu analysieren, warum und wie Teile des Finanzkapitals entsprechend ihrer Verwertungslogik heute reagieren. Nur wenn man dorthin blickt, wird man wirklich verstehen können, in welcher Gefahr wir bereits heute sind.
  • Doris Prato 29. Juli 2026 um 10:36 Uhr
    Das erinnert an die im Juli/August 1924 ausgebrochene Matteotti-Krise, in der Mussolini der Sturz seiner im Oktober 1922 errichteten faschistischen Diktatur drohte. Ausgelöst worden war sie durch die von dem »Duce« angeordnete Ermordung des Führers der Einheitssozialisten Giacomo Matteotti am 10. Juni 1924. Seine am Rande von Rom verscharrte Leiche fanden Spaziergänger erst am 16. August. Um sich das Parlament unterzuordnen, hatte der »Duce« am 6. April 1924 eine betrügerische Scheinwahl durchgeführt. Auf einer gemeinsamen Regierungsliste waren für die faschistische Partei führende Industrielle wie der Präsident der Confindustria, Alfano Benni, und Gino Olivetti vom gleichnamigen Elektrokonzern angetreten. Sie erreichten die Mehrheit der Stimmen und ein vorher durchgepeitschtes Wahlgesetz sicherte ihnen zwei Drittel der Parlamentssitze. Von den 375 Abgeordneten waren 275 Faschisten. Matteotti entlarvte den Mordterror vor der Wahl, dem ein Einheitssozialist zum Opfer gefallen war, und forderte, die Wahl für ungültig zu erklären. Der ungeheuerliche Mord steigerte den Widerstand auf der Straße und im Parlament. Die PCI schlug den Sozialisten und Einheitssozialisten sowie den Gewerkschaften einen Generalstreik mit der Forderungen: Weg mit der Regierung der Mörder! Entwaffnung der faschistischen Garden! Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung! Die Losung schloss die bürgerliche Opposition faktisch aus, die den Vorschlag zurückwies. Fast die gesamte Opposition verließ das Parlament, tagte auf dem Aventin, einem der sieben Hügel Roms, und nannte sich nach ihm. Die bürgerliche Opposition beschränkte sich auf die Auflösung der faschistischen Miliz und die Wiederherstellung der Gesetzlichkeit. Der Antrag der PCI, den Aventin zum Gegenparlament zu erklären, wurde verworfen. Gleichzeitig wandte sich die bürgerliche Opposition gegen revolutionäre Aktionen der Arbeiter. Die Liberalen gaben die Losung aus: »Weder Revolution noch Faschismus, weder ein revolutionäres Antiparlament noch ein von der Miliz überwachtes Parlament« und sprachen sich für eine Restauration der Monarchie aus. Zur Rettung des schwer angeschlagenen Mussolini traten Confindustria und Vatikan auf den Plan. Der Industriellenverband versicherte Mussolini seiner »unwandelbaren Treue« und nahm gegen die „intrigante Opposition“ Stellung. Der »Osservatore Romano« des Vatikans lobte die »feste Haltung« des Diktators und wandte sich gegen antifaschistische Aktionen. Dank dieser Hilfe entging Mussolini seinem Sturz und konnte an der Jahreswende 1926/27 die parlamentarisch verschleierte Etappe des Faschismus beenden und seine offene terroristische Diktatur errichten.
  • Martin Vollberg aus Bonn 28. Juli 2026 um 16:37 Uhr
    Zwar benutze ich den Begriff Faschismus zur Bezeichnung des rassistischen NS-Regimes nicht und sehe den Autoritarismus-Begriff auf weitere Parteien anwendbar, dennoch zerbröselt der Artikel »Weder Demokratie noch Faschismus« von Emanuel Kapfinger vom 28. Juli 2026 (junge Welt, S. 12–13) in dem Punkt der Beschreibung des Beginns der NS-Zeit. Zunächst geht es unter diesem Punkt um den »Erfolg an den Wahlurnen« der NSDAP. Einige Zeilen später heißt es, die NSDAP habe die Macht leicht übernehmen können. Das müsste anders formuliert sein, denn die sogenannte Finanz-»Elite« innerhalb einer mit Notverordnungen regierenden autoritären und korrupten Präsidialdiktatur mit Küchenkabinetten (stärker als das Wort »Präsidialkabinette« des Textes) übergab die Macht mit der Ernennung des Kanzlers am 30. Januar 1933. Das Wahlergebnis der NSDAP vom November 1932 in der Zeit der Präsidialdiktatur im Reich und in der Zeit von Franz von Papens Staatstreich in Preußen und des bereits umgebauten Polizeiapparats brachte der NSDAP dennoch, im Vergleich zum im Juli 1932 erreichten Wahlergebnis, einen Verlust von 4,2 Prozentpunkten. Es mag mein Defekt sein, aber wenn die mit kapitalkräftigen Personen verbundene Vorsitzende der im Artikel behandelten Partei mit Musk öffentlich spricht, zeigen sich ähnliche Verknüpfungen, wie oben beschrieben. Schwierig ist zudem die Definition des Wortes »Demokratie«, das zur Bezeichnung der aktuellen Staatsform nicht geeignet ist. Angenommen, der Autor Emanuel Kapfinger habe mit seiner Aussage zur ICE-Polizei recht, so wäre auch das NS-Regime als »rechtsstaatlich« zu bezeichnen, weil das menschenverachtende Gesetz vom 14. Juli 1933, »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« (Menschen sind gemeint, keine Pflanzen), die Möglichkeit lässt, über einen Anwalt Beschwerde gegen einen Antrag zur Zwangssterilisierung einzulegen.
  • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 28. Juli 2026 um 12:25 Uhr
    Rechtzeitig vor den Wahlen wird ein Persilschein »AfD nicht faschistisch« geliefert. Passend dazu die Bildauswahl: Beifall von Delegierten des Parteitages in Erfurt. Von einigen fragwürdigen Argumenten des Artikels greife ich nur zwei heraus: »Ebenso wenig findet sich in der Politik und Programmatik der AfD ein ›nationaler Sozialismus‹, also ein (vermeintlicher) ›Antikapitalismus von rechts‹, der für die Propaganda der NSDAP essentiell war.« So blöd sind die AfDler auch nicht, dass sie ausgerechnet diese Demagogie der Nazis kopieren würden. Der Begriff Demagogie, der bei der Charakterisierung der AfD unerlässlich ist, kommt im gesamten Artikel überhaupt nicht vor. Fragwürdig und gefährlich die These, erst wenn »revolutionäre Gegenbewegungen Auftrieb« bekommen, greift die Bourgeoisie zu einem neuen Faschismus. Dazu Kurt Gossweiler: »Wir deutschen Kommunisten waren damals, 1932/33, überzeugt davon, es sei die Furcht der herrschenden Klasse vor der sonst unausweichlichen proletarischen Revolution, die sie zum Faschismus als letzte Rettung vor Sowjetdeutschland greifen ließ. Diese Ansicht herrschte auch in der Kommunistischen Internationale vor (…) Meine späteren Forschungen haben mir aber gezeigt, dass diese Einschätzung auf einer Überschätzung der eigenen, der revolutionären Kräfte, und einer Unterschätzung der Möglichkeiten der herrschenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft auch ohne Errichtung der faschistischen Diktatur beruhte. Wenn ihre entscheidenden Kräfte dennoch zielstrebig auf eben dieses Ziel hinarbeiteten, dann nicht, weil dies die einzige Alternative zur Erhaltung ihrer Herrschaft gewesen wäre, sondern weil ihr Ziel, das sie seit 1918 nie aus dem Auge gelassen hatte – eine Zweite, besser vorbereitete Runde im Kampf um die Weltherrschaft – nur durch radikale Ausschaltung jeglichen Widerstandes im Innern, also vor allem durch die Vernichtung der legalen Organisationen der Arbeiterbewegung, zu erreichen war.« (KAZ Nr. 308 – Juli 2004)
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