Zwei Welten
Von Arnold Schölzel
Zusammen mit den Menschenrechten führten die USA vor 250 Jahren die Sklaverei in großem Maßstab ein. Sie wurden der erste »Rassenstaat« (Domenico Losurdo) vor dem des deutschen Faschismus. Die sogenannte Rassentrennung blieb in den USA bis 1965 erhalten, frühestens ab da waren die USA eine parlamentarische Demokratie mit gleichberechtigten Bürgern. Allerdings wird die Sklaverei sozial weitergeführt. Die Hautfarbe der meisten von zwei Millionen Gefängnisinsassen in den USA ist nicht weiß.
Laut Donald Trump und seiner MAGA-Bewegung sind aber die weißen Amerikaner gefährdet. Der US-Präsident warf im August 2025 den Museen seines Landes vor, sie stellten nur dar, »wie schlecht Sklaverei war«. US-Außenminister Marco Rubio erhielt am Sonnabend in München stehende Ovationen – am schnellsten waren der deutsche Außenminister Johann Wadephul und Kriegsminister Boris Pistorius auf den Beinen –, als er die Westeuropäer an die 500jährige weiße, christliche, also gute Geschichte gemeinsamer Expansion erinnerte, die 1945 unterbrochen worden sei.
Durch »gottlose kommunistische Revolutionen«, »antikoloniale Aufstände« und die Verbreitung des »Hammers und der Sichel« ging es laut Rubio danach mit dem Westen abwärts bis hin zur heutigen »Massenmigration«. »Europa« und USA gehören daher zusammen, um die drohende Auslöschung der Zivilisation zu stoppen, obwohl Rubio und Co. das »notfalls allein« erledigen. Vor einem Jahr hatte sein Konkurrent um die Nachfolge Trumps, Vizepräsident J. D. Vance, noch an gleicher Stelle die AfD und andere Hüter der weißen, christlichen Kultur als einzige Helfer in Europa gerühmt. Die AfD und Co. erwähnte Rubio nicht, er hat nun Merz, Macron, Starmer usw. Die lassen ganze Volkswirtschaften vor die Hunde gehen, um die nötige Kriegstüchtigkeit für den westlichen Wiederaufstieg aufzubieten. Da mag eine »Verwandte zuerst«-Partei wie die AfD noch so tief in Trumps Hintern kriechen, da kann sie nicht mithalten.
Zufällig und zugleich notwendig diskutierte am Tag nach Rubios Auftritt in München ein Gipfel der Afrikanischen Union in Addis Abeba eine Studie zu den Konsequenzen, die eine Beschreibung des »Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschheit« hätte. Ghana erhielt den Auftrag, eine entsprechende Resolution im März in die UN-Vollversammlung einzubringen. Ghanas Präsident John Mahama nannte die millionenfache Versklavung von Afrikanern bis zum 19. Jahrhundert »die größte Ungerechtigkeit der modernen Geschichte«.
In München Barbarei, in Addis Abeba Aufruf zu Vernunft – nicht nur geistig zwei Welten. In Washington schwadronierte erst am Donnerstag der von Trump ausgesuchte Staatssekretärskandidat Jeremy Carl vorm Senat von »weißer Ausradierung«, Mahama sprach von 15 bis 20 Millionen versklavten Afrikanern. Jeder sagt auf seine Weise: Kein Kapitalismus ohne Faschismus.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Kevin Lamarque/REUTERS11.07.2025Washington ruft zu Afrikagipfel
GRANGER Historical Picture Archive/IMAGO16.04.2025Geburt einer Oligarchie
Amanda Perobelli/REUTERS04.04.2025The world is mine!
Mehr aus: Ansichten
-
Denken außer Mode
vom 17.02.2026 -
Mit oder ohne USA?
vom 17.02.2026 -
Unverzichtbarer des Tages: Thomas Röwekamp
vom 17.02.2026