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Ende einer Herrschaft
70 Jahre marokkanische Unabhängigkeit: Die Monarchie treibt ihre Territorialforderungen voran und bereitet sich auf die Thronfolge vor. Eine kleine Bücherschau
Für das Königreich Marokko scheinen die Umstände günstig. Mit Hilfe der US-Regierung unter Donald Trump will die Monarchie den Westsahara-Konflikt ein für allemal zu ihren Gunsten lösen. Ähnlich steht es um ihre Forderungen an Spanien, die sich auf die Exklaven Ceuta und Melilla und weitere Gebiete richten. Doch die Zeit eilt König Mohammed VI. davon. Im 70. Jahr der Unabhängigkeit des Landes »fühlt man an der Spitze der marokkanischen Macht ›eine erstickende Atmosphäre vom Ende einer Herrschaft‹«, heißt es in dem Reportageband »Der Roman eines Königs« der Le-Monde-Journalisten Christophe Ayad und Frédéric Bobin. Ihr früherer AFP-Kollege Omar Brouksy knüpft in »Ende einer Herrschaft« daran an und erläutert: »Das Bild war in Marokko ein Schock. Aber König Mohammed VI. musste als religiöses Oberhaupt jenes Ritual verrichten. Am 27. März 2025, der 26. Nacht des Ramadan, sah man also einen extrem geschwächten König beim Gebet«, der sich kaum aufrecht halten konnte. »Für viele Marokkaner ließ dies keinen Zweifel: Der König ist krank.« Für sie aber sei die Herrschaft in ihm personifiziert. »Es ist daher wie ein Pawlowscher Reflex: Nicht nur der Körper ist geschwächt, sondern auch die höchste Macht.«
Macht und Mythos
Marokko wurde am 2. März 1956 unabhängig. Zuvor war am 18. November 1955 Sultan Mohammed ben Youssef aus der Verbannung zurückgekehrt. Ein Datum, das dem schließlich 1957 ausgerufenen Königreich als eigentlicher Jahrestag des Endes der Kolonialherrschaft dient. 70 Jahre Unabhängigkeit, ein Vierteljahrhundert Regentschaft Mohammeds VI. und weitere Jahrestage – die genannten Buchtitel sind nicht die einzigen, die in jüngster Zeit über Marokko erschienen sind. Auf französisch haben mehrere die Monarchie selbst zum Gegenstand. Das ist insofern bemerkenswert, als Person und Institution des Königs zu den Themen zählen, über die man in Marokko am besten schweigt. Man kann darin aber auch ein Zeichen der engen Verbundenheit zwischen Frankreich und seiner früheren Kolonie sehen – um nicht zu sagen der Tatsache, dass es ohne Frankreich das Königreich Marokko in seiner gegenwärtigen Gestalt kaum geben würde.
Die Monarchie ist nicht nur unantastbar. Sie ist auch von »einer Reihe Mythen« umgeben, die den Blick auf ihre Ursprünge verstellen. Brouksy fasst zusammen: »Die Monarchie soll sechs, gar zwölf Jahrhunderte alt sein, und ihre Vertreter werden als ›Anführer der Gläubigen‹ und direkte Nachfahren des Propheten Mohammed bezeichnet. Der König Mohammed V., Großvater von Mohammed VI., sei der ›Befreier‹ und ›oberste Kämpfer‹, der von der französischen Kolonialmacht die Unabhängigkeit erstritten und in den vierziger Jahren seine jüdischen ›Untertanen‹ vor dem antisemitischen Vichy-Regime gerettet hat.« Das lässt sich jedoch leicht widerlegen. Vichy hat niemals verfügt, dass die marokkanischen Juden ausgeliefert würden. Die antisemitische Gesetzgebung der Kolonialmacht hat der damalige Sultan aber stets abgesegnet. Zum »Anführer der Gläubigen« wiederum ließ sich Hassan II. 1961 mit einer »auf ihn maßgeschneiderten Verfassung« küren. Den dazu passenden, frei erfundenen Stammbaum zeichnete ihm sein Hofhistoriker, wie Brouksy festhält.
Um die Rolle der Monarchie im Unabhängigkeitskampf darzustellen, muss man zunächst ihre Bedeutung im vorkolonialen Marokko betrachten, in dem sie nur begrenzten Einfluss auf die zahlreichen Konföderationen im Land hatte, die weitgehend souverän agierten. Reiseberichte zeichnen ein drastisches Bild vom Landesteil, der vom Sultan auf tyrannische Weise beherrscht wurde. »Als aber die Berberstämme 1911 erfahren, dass der Sultan Hafid davorstand, das Land aufgrund seiner Überschuldung Frankreich zu übergeben, verfolgen und belagern sie ihn. Er versteckt sich in Fès, wo er um den Schutz der Notabeln und auch Frankreichs bittet.« Paris intervenierte und rettete den Sultan. Ein Jahr später unterzeichnete Hafid den »Vertrag von Fès«, mit dem der von den Franzosen zynisch »Maroc utile« getaufte »nützliche« Teil Marokkos französisches Protektorat wurde. Den Rest erhielt Spanien, nur Tanger wurde internationale Zone.
Allerdings gaben sich die Stämme nicht geschlagen. Brouksy zitiert eine Rede, die der junge ben Youssef 1931 bei einem Besuch in Paris hielt, »zum gleichen Zeitpunkt, in dem Berberkämpfer Frankreichs Armee im Herzen des Mittleren und Hohen Atlas herausfordern«. Der Sultan, der rein protokollarische Funktionen hatte, sagte beim Besuch einer Kolonialausstellung, an den Marschall Hubert Lyautey gerichtet, den Architekten der französischen Herrschaft in Marokko: »Können wir vergessen, dass dem Scherifischen Reich vor Ihrer Ankunft der Ruin drohte?« Er verweist auf Schulen und Straßen, die von der Kolonialmacht gebaut wurden, und lässt keinen Zweifel an seiner Unterordnung unter Frankreich. Selbstverständlich stand sein verstorbener Vater, der von den Franzosen 1912 eingesetzte Youssef, während des Rif-Kriegs 1921–1926 mit voller Überzeugung auf seiten Spaniens und Frankreichs.
Bündnis mit Nationalisten
Wie konnte die Monarchie dennoch zum Symbol der Unabhängigkeit werden? Frankreich hatte die seit dem 17. Jahrhundert herrschende Alawiden-Dynastie nicht nur vor dem Untergang gerettet, wenn es sie auch zur Staffage degradierte und selbst die direkte Kontrolle ausübte, wie der Historiker Alain Ruscio in »Marokko. Falsches Protektorat, wahre Kolonie« hervorhebt. Mehr noch übergab es am Ende die Macht dem Makhzen, wie die zentrale Staatsgewalt in Marokko traditionell heißt – und zwar über das ganze Land, das die Sultane niemals komplett beherrscht hatten.
Auch der Sultan Mohammed ben Youssef war von Frankreich eingesetzt. Nicht, weil man ihm besondere Qualitäten zumaß. Im Gegenteil hielt man ihn für charakterlich schwach und genau deswegen für einen geeigneten Kandidaten. Doch gerade ben Youssef widersetzte sich Frankreich. Ein Schlüsselmoment war die Konferenz von Casablanca 1943, bei der der Sultan und sein Sohn Hassan mit US-Präsident Franklin D. Roosevelt und dem britischen Premier Winston Churchill zusammenkamen. »Der US-Präsident erklärte, dass das Kolonialsystem verrottet, verdammt ist. Er sagte, es komme der Tag, an dem, wenn der Krieg vorbei ist, Marokko seine Unabhängigkeit erlangt.« Roosevelt versprach Aufbauhilfe und flüsterte dem Sultan ein, Marokkos Reichtümer mit Hilfe großer Unternehmen ausbeuten zu können. Ruscio kommentiert: »Es ist nicht auszuschließen, dass der Sultan damals gedacht hat: Vielleicht ist es besser, ein Kunde Washingtons als ein Untergebener Frankreichs zu sein.«
Es ist wiederum Brouksy, der die Fortsetzung am bündigsten beschreibt. »Genau ein Jahr später, am 11. Januar 1944, trifft sich eine Gruppe bürgerlicher Nationalisten, angeführt von Mehdi Ben Barka, in einem großartigen Riad in Fès. Sie verfassen, was sie ein ›Manifest der Unabhängigkeit‹ nennen werden. Eine strategische Annäherung hat sich immer weiter vertieft zwischen dem Sultan und den Notabeln von Fès, den historischen Verbündeten der Monarchie.« Als dann 1952 in Tunesien der Gewerkschafter Ferhat Hachad von der französischen Terrororganisation Rote Hand ermordet wird, bricht in Marokko eine Rebellion aus. Die Nationalisten gründen die Unabhängigkeitspartei (Hizb Al-Istiqlal). Frankreich will die Lage in den Griff bekommen, indem es gegen die Unabhängigkeitsbefürworter eine Fraktion aufbaut, die mit der Kolonialmacht kollaboriert. Mohammed ben Youssef wird abgesetzt und nach Madagaskar verbannt, statt dessen wird ein neuer Sultan ernannt. Doch das kann den Aufstand nicht stoppen.
»Ein Jahr später, am 1. November 1954, fällt der erste Schuss im Algerien-Krieg. Es ist ein großer Bruch für die Kolonialpolitik in Nordafrika. Frankreich zieht sich aus Marokko und Tunesien zurück, um sich einzig seinem ›Departement‹ zu widmen. Die Verträge von Aix-les-Bains, die 1955 zwischen Frankreich und den Nationalisten des Istiqlal geschlossen wurden – die von einem alten Offizier der französischen Kolonialarmee angeführt wurden, Mbarek Bekkaï, der an den Massakern an den Berbern 1930 im Hohen Atlas teilgenommen hatte –, halten das neokoloniale Prinzip als ›Unabhängigkeit in der wechselseitigen Abhängigkeit‹ fest.« Der »rechtmäßige« Sultan kehrte aus dem Exil zurück und wurde als »Held des Befreiungskampfs« gefeiert. »Die Berber, die gegen die Kolonisierung gekämpft haben, die Waffe in der Hand, leben bis heute wie in der Steinzeit«, bringt Brouksy es auf den Punkt.
Bleierne Jahre
Ausführlich ist der Aufstieg Mohammeds V. in der Biographie von Benjamin Badier dargestellt. Nur kurz berührt wird aber sein jäher Tod. Anfang 1961 verstarb er bei einer harmlos scheinenden Operation, »die aber nicht unter den besten Umständen durchgeführt wurde«. Gerüchte, sein Sohn Hassan könne für ein vorzeitiges Ableben gesorgt haben, weist Badier zurück. Für Differenzen zwischen Monarch und Thronfolger sieht er keinen Grund. Die marokkanische Schriftstellerin Zakya Daoud aber schrieb in ihrer Biographie des marokkanischen Premierministers Abdullah Ibrahim, des ersten »linken Regierungschefs« Marokkos, dass eine Delegation seiner von der Istiqlal mittlerweile abgespaltenen Nationalunion der Volkskräfte (UNFP) Mohammed V. von der Ermordung des kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba berichtet habe. Auch marokkanisches Militär war am dortigen UN-Einsatz beteiligt, und es habe das Verbrechen nicht verhindert. Daraufhin habe Mohammed V. beschlossen, seinen Sohn Hassan abzusetzen, der damals das Militär kommandierte. Das habe dieser verhindern wollen.
Ob wahr oder nicht, trifft die Geschichte einen Kern: Die Verbindung zwischen Nationalisten und Monarchie zerbrach, und letztere entschied den Machtkampf für sich. Istiqlal spaltete sich in einen konservativen und einen linken Flügel. Zu Beginn seiner Unabhängigkeit hatte das Land außenpolitisch an der Seite der fortschrittlichen afrikanischen und arabischen Länder gestanden. Das alles änderte sich in den »bleiernen Jahren« unter Hassan II., der die Linke gnadenlos bekämpfte. Inbegriff dessen ist die »Affäre Ben Barka«, die sich vergangenes Jahr zum 60. Mal jährte und in der bis heute ermittelt wird. Am Jahrestag der Entführung des UNFP-Führers 1965 in Paris erschien ein gleichnamiges Buch, mit dem der US-Journalist Stephen Smith und sein israelischer Kollege Ronen Bergman den »größten Skandal der V. Republik endlich aufzuklären« versprechen. Dabei stützen sie sich auf israelische Geheimdienstunterlagen.
Hassan II. hatte Israel bei der Übersiedlung der marokkanischen Juden geholfen. Er kassierte für jeden ein Kopfgeld. 1965 versorgte er Israel mit Aufzeichnungen geheimer Gespräche auf dem damaligen Gipfel der Arabischen Liga in Casablanca. Der Verrat soll den Untergang der arabischen Armeen im Junikrieg 1967 begünstigt haben. Als Gegenleistung soll Hassan II. von Israel Hilfe bei der Verfolgung Ben Barkas verlangt haben. Der hatte Marokkos Angriff auf Algerien 1963 einen »Brudermord« genannt und war dafür zum Tod verurteilt worden. Ben Barka lebte im Exil, vertrat eine »revolutionäre Option« und war von der »Organisation für Afroasiatische Völkersolidarität« (AAPSO) beauftragt, die Trikontinentale Konferenz 1966 in Havanna zu organisieren. Smith und Bergman lassen keinen Zweifel, dass Hassan II. Ben Barka ausschalten und nicht etwa nur »heimholen« wollte.
Was bisher bekannt war, beschreibt der Comic »Ben Barka. Das Verschwinden«, der ebenfalls 2025 erschien. Er hält sich eng an die laut Maurice Buttin etablierten Fakten, dem Anwalt der Familie Ben Barka. Demnach wurde der UNFP-Führer in eine Falle des marokkanischen Geheimdienstes gelockt, dem von verschiedener Seite geholfen wurde, gerade in Frankreich. Auch Kriminelle waren involviert, die schon an Greueltaten der Kolonialmacht in Marokko beteiligt waren. Das einzige, was bisher gesichert schien, war, dass Ben Barka zu ihnen verbracht worden war. Dort hat er möglicherweise den marokkanischen Innenminister Mohammed Oufkir getroffen. Wie er zu Tode kam, ist unklar. Bergman und Smith behaupten, dass Ben Barka von einem israelischen Geheimdienstteam übernommen und vom marokkanischen Polizeichef Ahmed Dlimi in einer Badewanne ertränkt wurde. Der Leichnam sei an einem Ort begraben, an dem er nicht mehr wiedergefunden werden kann. Das macht die Geschichte allerdings unüberprüfbar.
Symbol Tazmamart
Doch die Gegner der Monarchie gaben nicht auf. 1971 stürmte eine Armeeeinheit, eine ganze Kadettenschule, den Königspalast von Skhirat, in dem Hassan II. gerade seinen Geburtstag feierte. Die Kulisse aus Luxus und Dekadenz war für die jungen Soldaten unbegreiflich. Die Geschichte wird nacherzählt in dem Comic »Der Vogel von Tazmamart« von einem Kollektiv von Zeichnern und Textern: »Man hatte uns gesagt, wir hätten eine Mission zu erfüllen. Es galt, einen Gebäudekomplex zu umzingeln, besetzt von ›subversiven Elementen‹. Wir sollten auf alles schießen, was sich bewegt«, heißt es verstreut über die Bildstrecke. Der Putsch scheiterte. Zwar wurden mehr als 100 Menschen niedergemäht. Doch Hassan II. versteckte sich und konnte sich retten. Die Putschisten mussten aufgeben, wurden hingerichtet oder inhaftiert – auch Rekruten, die nur Befehle befolgt hatten.
1972 gab es einen weiteren Putschversuch. Hassan II. hatte sich derart verhasst gemacht, dass die erbittertsten politischen Gegner, der mittlerweile zum Verteidigungsminister ernannte Oufkir und die linke UNFP, sich zusammentaten, um ihn zu stürzen. Das sollte eine Staffel der Luftwaffe erledigen. Beim Anflug auf Marokko sollte die Boeing des Königs abgeschossen werden. Aber es gelang nicht, das Flugzeug vom Himmel zu holen. Wieder entkam der Monarch. Auch diesmal wurden die Putschisten grausam bestraft. Nicht nur beging Oufkir »mit fünf Schüssen in den Rücken« Suizid. Auch seine ganze Familie wurde buchstäblich in die Wüste geschickt.
Die noch lebenden Soldaten, die in die Umsturzversuche verwickelt waren, wurden 1973 in ein Spezialgefängnis im Hohen Atlas gebracht: Tazmamart. Dort wurden sie de facto lebendig begraben. Für fast zwei Jahrzehnte. Nachdem ihr Schicksal insbesondere durch Gilles Perraults Buch »Unser Freund, der König« von 1990 weltweit bekannt geworden war, blieb Hassan II. nichts anderes übrig, als seine Herrschaft symbolisch zu »reformieren«. Der Comic schließt an den 2001 veröffentlichten Roman »Tazmamart: Zelle 10« von Ahmed Marzouki an, einem der wenigen Überlebenden dieser Hölle. Sogar im Westsahara-Konflikt schien nicht zuletzt angesichts des drohenden Staatsbankrotts eine Einigung möglich, indem Hassan II. nach Verhandlungen 1991 einem Unabhängigkeitsreferendum zustimmte – das er allerdings von Anfang an sabotierte.
Westsahara-Konflikt
Die Armee möglichst weit weg zu beschäftigen war eine Lehre aus den Umsturzversuchen. Vor allem war die Westsahara-Besetzung eine alte Forderung der Nationalisten, an deren Spitze sich der König mit dem sogenannten Grünen Marsch 1975 stellte. Auch die noch vorhandene Linke Marokkos stimmte mit wenigen Ausnahmen in den nationalistischen Taumel ein. 2024 breitete Brahim Ouchelh, der die Untergrund-»Organisation« (Tanzim) der UNFP in Tripolis und Algier vertrat, in seinen Memoiren »Marokko. Das Engagement einer Generation« die Story aus, nach der die sahrauische Polisario-Front ursprünglich Teil der marokkanischen Linken gewesen sei. Ihr »Separatismus« sei auf algerische Vereinnahmung zurückzuführen. Diese Theorie ist vor allem dadurch entstanden, dass im März 1973 ein Versuch des Tanzim scheiterte, in Marokko einen Guerillakrieg zu starten – die sogenannten Ereignisse von Moulay Bouazza, dem Ort im Mittleren Atlas, an dem die Tragödie ihren Ausgang nahm. Wenige Wochen später wurde die Polisario-Front gegründet, um angeblich in der Westsahara den Guerillakrieg weiterzuführen, wie der Autor Mehdi Bennouna 2002 in »Helden ohne Ruhm« geschrieben hatte. Tatsächlich hatten die meisten Gründer der Polisario-Front aber mit Marokko nichts zu tun.
Bennouna erwähnt zu Beginn seiner Recherche über den letzten großen Umsturzversuch gegen Hassan II., dass die Militäreinheit, die damals die Leichname getöteter Freiheitskämpfer – darunter den seines Vaters Mohammed Bennouna – in die Garnisonsstadt Errachidia überführte, von französischen Offizieren kommandiert wurde. Es ist also ganz konkret gemeint, wenn immer wieder bei Gegnern der marokkanischen Monarchie davon die Rede ist, dass diese eine »Schöpfung Frankreichs« sei. Das wird auch dadurch unterstrichen, dass Paris im Krieg in der Westsahara 1975–1991 auf seiten Mauretaniens und Marokkos militärisch eingriff.
Wie zentral der Westsahara-Konflikt für Rabat ist, wird vor allem in »Marokko. Der unbequeme Nachbar« von der spanischen Journalistin Sonia Moreno beschrieben, während sich die französischsprachigen Veröffentlichungen bei diesem Thema zurückhalten. Moreno verspricht in ihrem Buch einen »Schlüssel zum Verständnis« des Königreichs, zu dem Spanien »notwendigerweise« eine Beziehung unterhalte, zu liefern. Sie widmet sich ausführlich den territorialen Forderungen Rabats und ordnet dabei auch die eng damit zusammenhängenden Skandale um die israelische Spionagesoftware »Pegasus« und die Bestechung von Abgeordneten im EU-Parlament bis hin zur Vizepräsidentin ein. In »Mohammed VI. Das Geheimnis« des Figaro-Korrespondenten Thierry Oberlé dagegen ist kein einziges Kapitel der Westsahara gewidmet. Dabei hat gerade Oberlé Rabat verärgert.
So skizziert Oberlé unbekümmert die Geschichte des »Escobars der Sahara«, die 2015 begann, als die marokkanische Polizei überraschend mehrere Lkw kontrollierte, die tonnenweise Haschisch geladen hatten und nach Mauretanien unterwegs waren – durch die besetzte Westsahara. Die Lkw waren auf einen gewissen Ahmed Ben Brahim zugelassen, »genannt der ›Malier‹ und bekannt in Casablanca für hippe Koksgelage«. Als der in der malischen Tuareg-Hochburg Kidal geborene Drogenboss schließlich in marokkanischer Haft mitansehen musste, wie seine früheren marokkanischen Kumpane seinen Reichtum unter sich aufteilten, rächte er sich und verriet sie. Es kam heraus, dass Vertreter der Partei Authentizität und Modernität (PAM), die von Fouad Ali El Himma, einem engen Freund des Königs, gegründet worden war, in den Drogenhandel verstrickt waren. Dennoch heißt es ironischerweise immer wieder, Marokko sorge in der Region für »Sicherheit«.
Zurück auf Anfang
El Himma und Mounir Majidi als Berater Mohammeds VI., Yassine Mansouri und Abdellatif Hammouchi als Geheimdienstchefs – der Zirkel der Macht, der unter Mohammed VI. das Land regiert, ist nicht viel größer. »Marokko ist ein stabiles Land mit soliden Institutionen. Aber sie stützen sich alle auf nur einen Mann, dessen Gesundheit ein Geheimnis ist«, schreiben Ayad und Bobin in ihrem »Roman eines Königs«. Doch sie sind zuversichtlich. Der jugendliche Thronfolger Hassan ist mit 23 Jahren mittlerweile alt genug, um als König Hassan III. regieren zu können. »Eine Übergangszeit kündigt sich an. Das wird unabweislich Veränderungen im Serail zur Folge haben, wie es auch bei der Thronfolge Mohammeds VI. der Fall war«, spekulieren die beiden Journalisten. Also zurück auf Anfang. Wieder sollen sich die Marokkaner Hoffnung machen dürfen, dass nach dem Machtwechsel alles besser wird.
Am präzisesten gelingt es Brouksy, die »Endzeitstimmung« zu beschreiben, mit der die Regentschaft Mohammeds VI. ausklingt. An ihrem Anfang hatte sich der vermeintliche »König der Armen« noch geweigert, dem Kickboxer Zakaria Moumni für seinen Weltmeistertitel Anerkennung zukommen zu lassen. Statt dessen wurde er inhaftiert und gefoltert. Doch heute ist der König eng mit »vier Rasputins« befreundet, den Brüdern Azaitar, zwei Martial-Arts-Boxern und ihrem Manager, sowie einem weiteren MMA-Champion, Yusef Kaddur. Mit ihnen reist der Monarch um die Welt und besucht seine Besitztümer in Paris, der »zweiten Hauptstadt Marokkos«, wie Oberlé kolportiert, oder in Gabun. 2023 widmete The Economist dem einen großen Artikel, nachdem sich auch die marokkanische Presse, die von den Beratern des Königs kontrolliert wird, auf die Azaitars eingeschossen hatte. Es zeigte sich ein Riss zwischen dem König und seinen Vertrauten, die einen schädlichen Einfluss der Boxer argwöhnen, von denen einer wegen eines Raubüberfalls in Deutschland vorbestraft ist.
»Man hat uns kritisiert, dass wir (in den Artikeln für Le Monde, die dem Buch zugrunde liegen, jW) Errungenschaften wie dem TGV, dem Hafen Tanger-Med und den Fußballstadien nicht genügend Raum gegeben haben«, heißt es im Vorwort zu Ayad und Bobins »Der Roman eines Königs«. »Die Ironie war, dass drei Monate später die Gen Z Marokkos auf die Straßen ging und forderte: Schulen und Krankenhäuser statt Stadien!« »Es gibt nagelneue TGVs«, schreibt auch Brouksy. »Aber sie rasen durch Gegenden ohne Straßen, Schulen, Krankenhäuser. Es gibt einen riesigen Hafen ein paar Steinwürfe weit von Europa. Aber er wird umlagert von Hunderten Jugendlichen, die hinüberwollen.« Als Mohammed VI. 1999 auf Hassan II. folgte, gab es Hoffnungen. Eine schon unter seinem Vater eingeleitete »Alternance« sollte den »Wechsel« zur Demokratie bringen. Doch die »Reformen« blieben »unvollendet«, wie es bei Ayad und Bobin beschönigend heißt. Wirtschaftlich haben sich die historischen Versprechen des US-Präsidenten Roosevelt erfüllt: Mohammed VI. regiert das Land weit mehr noch als Hassan II. durch seine königlichen Unternehmen, die eine Schlüsselstellung in der marokkanischen Ökonomie einnehmen. Zusätzlich wird der Multimilliardär vom Staat täglich mit einem hohen sechsstelligen Betrag alimentiert. Es ist ein reiches Erbe, das Hassan III. antreten soll – das Erbe von Kolonialismus und Neokolonialismus.
Literatur
–Alkhariqun, Ilyass Koundi, Romy Alexandre: L’Oiseau de Tazmamart. Alifbata Éditions, Marseille 2026, 112 Seiten, 19 Euro (Comic)
– Christophe Ayad, Frédéric Bobin: Le Roman d’un Roi. Enquête sur Mohammed VI. Éditions Grasset, Paris 2026, 180 Seiten, 19 Euro
– Benjamin Badier: Mohammed V. Dernier sultan et premier roi du Maroc. Éditions Perrin, Paris 2025, 520 Seiten, 26 Euro
– Omar Brouksy: Maroc. Fin de règne. Préface par Ignace Dalle. Nouveau Monde Éditions, Paris 2026, 200 Seiten, 19,90 Euro
–Sonia Moreno: Marruecos, el vecino incómodo. Todas las claves del reinado de Mohamed VI de una relación imprescindible para España. La Esfera de los Libros, Madrid 2025, 304 Seiten, 21 Euro
–Thierry Oberlé: Mohammed VI. Le Mystère. Éditions Flammarion, Paris 2026, 336 Seiten, 22 Euro
– Brahim Ouchelh: Maroc. L’Engagement d’une génération. Pour une nation libre et un peuple émancipé. Éditions Les Trois Colonnes, Paris 2024, 380 Seiten, 26 Euro
–Alain Ruscio: Le Maroc. Faux Protectorat, vraie colonie. Fragments d'histoire. Hémisphères Éditions 2026, 248 Seiten,
– David Servenay, Jacques Raynal: Ben Barka. La disparition. Futuropolis, Paris 2025, 162 Seiten, 17 Euro (Comic)
–Stephen Smith, Ronen Bergman: L’Affaire Ben Barka. La Fin des secrets. Éditions Grasset, Paris 2025, 576 Seiten, 28 Euro
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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