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16.03.20264 Leserbriefe
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Eine diskursive Materialschlacht
Zum Tod des Philosophen Jürgen Habermas
Für die einen, die breitere Öffentlichkeit, war er das politische Nachdenken Westdeutschlands, später Deutschlands, wenn auch verankert in einem philosophisch orientierten Diskurssystem, das überzeitlich wahrgenommen werden wollte, also irgendwie allgemeingültig. Und damit natürlich über das bloße Feuilleton hinausgehoben. Nicht bloß Meinung, sondern eine Art Herausarbeitung dessen, wie Meinungsgültigkeit zu definieren sei. Er hatte einen starken Gegner in Frankfurt am Main, einen philosophischen Sportkonkurrenten sozusagen, mit dem er ein Paar bildete wie Waldorf und Statler in der »Muppet Show«, das war Karl-Otto Apel.
Bis heute verstehe ich Jürgen Habermas eher von Apel her, dessen Schüler ich war. Für die anderen nun, den engeren Kreis, also die Frankfurter Studentenschaft, also die, die konkret vor Ort waren, war Habermas vor allem unverständlich. Das lag daran, dass er tatsächlich einen geburtsbedingten Artikulationsfehler hatte, aber darauf vor dem Hörsaalpublikum überhaupt keine Rücksicht nahm, was ihm in gewissem Sinn einen ikonischen Status verlieh. Bis heute wird unter uns Nachlebenden immer wieder erzählt, wie wir in den 80er Jahren bei Habermas im alten Hörsaal im alten Hörsaalgebäude der alten Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Hörgäste waren und nie irgend etwas verstanden haben, einfach aus akustischen Gründen. So etwas kann Größe begründen in unserer Kulturwelt.
Man kann also sagen, Habermas war bereits eine Berühmtheit, die größte seit Adorno (dieser war im August 1969 verstorben), und als solche wurde er schon damals im Grunde besichtigt. Es galt als Kult, zu Habermas in die Vorlesung zu gehen und nichts zu verstehen. Erzählt wird es bisweilen mit folgender Zuspitzung: Jürgen Habermas (publiziert natürlich im damals heiligen Suhrkamp-Verlag, auch Apel publizierte dort) las manchmal in einem der ganz alten, holzgedielten Hörsäle in der Mitte des Hauptgebäudes, lief ständig auf und ab, von einem Ende der Frontseite zum anderen, sowieso schon mit leisester Stimme und kaum verständlicher Artikulation, und immer wenn seine kaum verständliche Phrase auf das sinntragende Wort zusteuerte (hier folgt die Zuspitzung!), trat er, vom Auditorium aus gesehen am Beginn des linken Drittel der Bühne, auf eine besonders knarrende Diele, die ihn jedesmal völlig übertönte und genau das sinntragende Wort, das wir sonst auch nur mit größter Hördisziplin hätten verstehen können, im Knarzen erwartungsgemäß untergehen ließ.
Das ist eine anekdotische Verkürzung, ich weiß. Nur habe ich mich immer gefragt, wieso man so etwas macht. Den anderen philosophischen Lehrern an der Frankfurter Universität, die ich hatte, war es angelegen, sich auf jede mögliche Weise verständlich zu machen. Habermas aber blieb so in gewisser Weise immer ein Mysterium und hatte dadurch stets etwas Pythiahaft-Orakulöses. Uns, die wir zu Apel gingen, fehlte an Habermas etwas. Das ist vermutlich heute wohl noch weniger zu verstehen als vor inzwischen fast vierzig Jahren. Es fehlte das Transzendentalphilosophische. Die Bedingungen der Möglichkeit für Aussagen, die wenigstens in irgendeiner Form als letztbegründet gedacht werden könnten oder wenigstens eine Möglichkeit von Letztbegründung im Horizont hatten oder wenigstens eine Begründung ihres eigenen außersubjektiven Wahrheitsanspruches. Das war nicht die Sache von Jürgen Habermas.
Habermas bewegte sich im gesellschaftlichen Rahmen, im Rahmen politisch relevanten Handelns. Damals war gerade Friedensbewegung (heute unvorstellbar, ich weiß). Wir, jünger als Habermas, viel jünger, waren dagegen ganz alte Knochen. Als hätten wir bereits Jahrhunderte deutschen philosophischen Akademiebetriebs in uns, schien uns die Gegenseite zu larifari, zu sehr nahe an einem Denken, das im weitesten Sinn, es mag Regeln aufstellen, wie es will, es mag elaboriert sein und Konzepte gesellschaftlich zu vereinbarenden Handelns aufstellen, wie es mag, doch in der Nähe einer gewissen Feuilletonagora stand. Also eher nahe am Tag und den Wetterwolken als an der Ewigkeit und dem gestirnten Himmel an sich, dem solche Letztbegünder wie wir Apel-Schüler sich natürlich stets näher fühlten.
Wir verteidigten – und tun es bis heute – einen Wahrheitsanspruch, der sich natürlich schon bei Apel nur noch auf ein formales Mindestkriterium beschränkte. Man kann nicht sagen, dass Karl-Otto Apels Philosophie besonders reichhaltig und lebensprall gewesen wäre. Ihm ging es immer nur darum, dass ein Mensch sinnvollerweise seinen Wahrheitsanspruch nicht aufgeben kann, weil er sich sonst im performativen Selbstwiderspruch befindet. Habermas war ein Apelsch gedachter letztbegründeter Wahrheitsanspruch letztlich egal, das war für ihn ein reiner Anachronismus, auch wenn er das aus Höflichkeit so vermutlich nicht ausgesprochen hätte. Schön, ja herrlich, wie die beiden sich in dieser Hinsicht immer entgegengegiftet haben. Ich sah Jürgen Habermas zuletzt vor sieben Jahren, und als ich nur das Wort »Apel« sagte, entflammten sich Habermas’ Augen erneut aus Lust am alten, gemeinsamen, immerfort liebevoll-witzig geführten kategorialen Streit, der tatsächlich zwischen zwei Grundausrichtungen von Philosophie geführt wurde, nämlich der praktischen und der transzendentalphilosophischen.
Ich vermutete in meiner Studienzeit stets, dass er Apel insgeheim geradezu Ontologie vorwarf. Uns wurde in unserem Wesen Apel ein Fels in der Brandung gegen Aussagenbeliebigkeit. Das hielt die Welt schön draußen. Habermas dagegen wollte innerhalb der Welt Dinge klarstellen, nicht als Soziologe, sondern als Strukturgeber. Sozusagen eine sozial immanente Transzendentalphilosophik: Wenn wir handeln sollten, dann so, weil. Im Menschen, im einzelnen, hat er das, glaube ich, nicht so sehr verankert. Er wollte es unter den Menschen (im Plural) verankern, in der Gesellschaft. Was für ein schwieriges Unterfangen! Ein umgekehrter Machiavelli oder Hobbes? Nicht vom Funktionieren des Staatswesens bzw. seiner Führung unter abstrakten, quasi mechanischen Bedingungen ausgehend, sondern von der Möglichkeit eines Gelingens eines Gemeinschaftswesens der Bürger, die sich untereinander vereinbaren und sich Regeln für ihre eigene Fairness geben. Damit es ein gutes, gelingendes Staatswesen sein kann? Ja, das wäre schön. Das hätten wir gern alle geglaubt, und wir waren ja auch noch vor zwei, drei Jahrzehnten vergleichsweise näher dran. Apel und Habermas, beide sind steinalt geworden, der eine starb mit 95 Jahren im Taunus, Habermas nun mit 96 Jahren in Starnberg. Karl-Otto Apel lebte kein besonders meinungsstarkes Leben, was man über Jürgen Habermas nicht gerade sagen kann. Apel hat mich unhintergehbar geformt. Ohne ihn wäre ich ein anderer. Es ist nicht das, was ich über Jürgen Habermas sagen könnte. Dafür kann man aus Apel allerdings auch kaum diskursive Funken schlagen. Habermas dagegen war voller Material. Er war geradezu eine diskursive Materialschlacht.
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Ulrich Ruschig aus Bremen 17. März 2026 um 22:44 UhrApel als das Maß für Habermas? Es gibt wahrlich Substantielles, was an Habermas zu kritisieren wäre und was in einem von einer marxistischen Zeitung gedruckten Nachruf zumindest erwähnt werden sollte: seine sozialdemokratische Grundorientierung, seine Verabschiedung der Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, seine Parteinahme für den NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999. Was hingegen erbärmlich ist: Habermas zu unterstellen, dass er sein Manko, aufgrund einer Gaumenspalte nicht kristallin artikulieren zu können, zum Aufbau des Nimbus eines Unverständlichen genutzt habe. Statt Habermas’ Argumentationen zu widerlegen, präsentiert Andreas Maier – in der Form einer Ich-Erzählung – damalige Hörsaalerfahrungen (»am Beginn des linken Drittels der Bühne«, »eine besonders knarrende Diele« und dann die Klimax: das entscheidende, alles Vorherige erst verständlich machende Wort ging »im Knarzen erwartungsgemäß unter«). Doch Maiers ›Kurzgeschichte‹ bleibt Fiktion – und sachlich unwahr. Habermas konnte man nämlich verstehen, wenn man es nur wollte und sich ein wenig Mühe gab. Die durch die Brille eines Apel-Schülers konstatierte Gegenüberstellung von »Feuilletonagora« (Habermas) versus »Transzendentalphilosophie« (Apel) ist selbst feuilletonistisch. Weder war Habermas ein die Wahrheit preisgebender Relativist noch war Apel ein der Tradierung von Kants gestirntem Himmel verpflichteter Philosoph. Maiers zentrale Unterstellung, ein »letztbegründeter Wahrheitsanspruch« sei Habermas »letztlich egal« gewesen, belegt der die Wahrheit Beanspruchende nicht. Was Maier an Habermas diagnostiziert, dieser sei »in gewisser Weise immer ein Mysterium« geblieben, trifft in Wahrheit auf Apels »letztbegründeten Wahrheitsanspruch« zu. Diesen beschwört Maier mantrahaft und bemerkt nicht, dass gerade Apels Letztbegründung »etwas Pythiahaft-Orakulöses« hat, etwas, was er Habermas zuschreibt. Bei solcher Verwirrung der Antipoden verwundert nicht, dass mit Apel Habermas nicht kritisiert werden kann.
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Thomas Bartsch-Hauschild aus Hamburg 16. März 2026 um 15:31 UhrJürgen Habermas war ein Philosoph der Gegenwart und ein Kind der Nachkriegszeit nach dem Nationalsozialismus und der 1968er Studentenbewegung. Habermas hat neben Luhmann den Begriff der Kommunikation beziehungsweise des kommunikativen Handelns in den Mittelpunkt ihrer Theorien der modernen Gesellschaften dieses Jahrhunderts gestellt.
Doch das Verhältnis von Kommunikation und Herrschaft in der Welt stößt immer wieder an seine sichtbaren Grenzen. Enden nicht friedlich und in freundschaftlicher Umarmung, sondern mit Krieg, dort, wo der konsensulae Geist der Philosophie nicht mehr hinreicht. -
Istvan Hidy aus Stuttgart 15. März 2026 um 20:32 UhrAm Ende bleibt vielleicht gerade diese Spannung das Vermächtnis: zwischen dem Denken, das nach letzten Gründen sucht, und dem Denken, das mitten im Gespräch der Gesellschaft steht. Habermas war weniger der Philosoph des letzten Fundaments als der Philosoph des fortgesetzten Gesprächs. Seine Größe lag nicht darin, das letzte Wort zu sprechen, sondern darin, immer wieder neue Worte in Umlauf zu bringen – Argumente, Einwände, Begriffe. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sein Werk so lange wirksam blieb: Es war kein abgeschlossener Bau, sondern eine offene Baustelle des Denkens. Und wer sie betrat, musste mitarbeiten.
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Thomas Bartsch Hauschild aus Hamburg 16. März 2026 um 16:17 UhrGanz sicher ist die menschliche Kommunikation alltäglich ganz privat, aber auch politisch ein stetiger Prozess im Lernen für- und miteinander. Doch auch die Sprachlosigkeit ist ein tiefer Graben zwischen uns und vielleicht einer nicht zusammenfindenden Zukunft. Die Freundschaft ist der Ausweg und vielleicht ein neuer Weg, der uns wieder zusammenbringt.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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