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Goldenes Regelwerk
Schlaglichter auf die Geschichte der Fußball-WM (Teil 7)
→ Alles schon mal gehabt? Ein Weltfußballverband, der die eigenen Regeln nach Belieben biegt? Eine Sperre wegen eines Platzverweises, die plötzlich kassiert wird? Ein Rückblick.
Diesmal kam selbst aus Infantinos treuestem Lager ungewöhnlich scharfe Kritik. DFB-Präsident Bernd Neuendorf warnte etwa, die FIFA riskiere ihre Glaubwürdigkeit. Auslöser war die Aufhebung der Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun unmittelbar vor dem Achtelfinale gegen Belgien – vorausgegangen war ein Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Präsident Gianni Infantino. Eigentlich folgt auf eine direkte rote Karte automatisch eine Mindestsperre von einem Spiel – eine Sanktion, die im Zeitalter des Videoassistenten (VAR) als unantastbar gilt. Oder besser gesagt: galt.
Derlei Regelanpassung hat eine lange Geschichte. Bei der WM 1962 galt Brasilien in Chile als großer Favorit. Doch Pelé zog sich gleich am zweiten Spieltag eine Oberschenkelzerrung zu und fiel für den Rest des Turniers aus. Nun ruhte die Hoffnung auf Garrincha – und der quirlige Flügelstürmer enttäuschte nicht. Mit vier Treffern führte der »Engel mit den krummen Beinen« die Seleção ins Endspiel. Im Halbfinale gegen Gastgeber Chile ließ sich Garrincha allerdings zu einer Tätlichkeit hinreißen und wurde des Feldes verwiesen. Die Regel war eindeutig: Ein Platzverweis zog automatisch eine Sperre von mindestens einem Spiel nach sich.
Völlig überraschend sprach die FIFA Garrincha frei. Als Drahtzieher hinter der wundersamen Wendung gilt Brasiliens damaliger Verbandspräsident und späterer FIFA-Chef João Havelange. Er soll das Schiedsrichtergespann bestochen haben, damit es der Anhörung fernblieb – ein Umstand, der Garrinchas Verteidigung erheblich erleichterte. Brasilien gewann das Finale gegen die Tschechoslowakei mit 3:1. Garrincha erzielte zwar kein Tor, wurde aber zum besten Spieler der Partie gewählt.
Dass Regeln zugunsten von Favoriten bzw. Gastgebern plötzlich dehnbar wurden, gehörte selbst damals schon zum Repertoire des Weltfußballverbands: So hatte 1934 die FIFA in Mussolinis Italien fünf eingebürgerte Spieler südamerikanischer Herkunft im Kader der Hausherren erlaubt, obwohl nur einer von ihnen die damaligen Kriterien erfüllte. Den offensichtlichen Verstoß gegen das Reglement ignorierte die FIFA – und verschaffte der Squadra Azzurra so einen erheblichen Vorteil auf dem Weg zum Titel. Luis Monti, vier Jahre zuvor noch WM-Finalist mit Argentinien, stabilisierte das Mittelfeld, während Enrique Guaita und Raimundo Orsi mit Treffern im Halbfinale und im Endspiel entscheidenden Anteil am italienischen Triumph hatten.
Auch bei den WM 1962 und 1966 griff die FIFA den Gastgebern unter die Arme, indem sie die Halbfinals Chiles bzw. Englands kurzfristig in die jeweilige Hauptstadt verlegte. 1962 hätte das Duell zwischen Chile und Brasilien laut Spielplan in Viña del Mar stattfinden sollen. Auf Antrag des Gastgebers wurde die Partie jedoch nach Santiago verlegt, wo der Equipo de Todos auf die noch lautstärkere Unterstützung des heimischen Publikums zählen konnte. Neben der Bevorzugung des Gastgebers dürften auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle gespielt haben. Das größere Estadio Nacional versprach deutlich höhere Ticketeinnahmen. Brasilien ließ sich indes nicht beeindrucken und gewann die Partie mit 4:2.
Vier Jahre später sollte das Halbfinale zwischen England und Portugal eigentlich in Liverpool stattfinden, wo die Portugiesen ihr Quartier bezogen hatten. Kurzfristig verlegte die FIFA die Begegnung jedoch nach London, den Standort des englischen Teams. Portugal legte Protest ein, doch die FIFA verwies auf kommerzielle Gründe. England gewann im Wembley-Stadion mit 2:1 gegen das Team um Torschützenkönig Eusébio und holte wenige Tage später an gleicher Stelle mit einem 4:2 nach Verlängerung gegen die BRD den Titel.
Mit dem berühmten Wembley-Tor reihte sich England 1966 in eine weitere wenig ruhmreiche Liste der WM-Geschichte ein: jene der Gastgeber, deren sportlicher Erfolg auch auf umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen beruht. Als weitere Paradebeispiele gelten Italien (1934), Chile (1962), Spanien (1982) und Südkorea (2002).
Und die unmittelbare Einflussnahme ranghoher politischer Stellen auf das Turniergeschehen? Als Gastgeber Argentinien bei der WM ’78 einen hohen Sieg gegen Peru brauchte, tauchten Juntachef Videla und der US-Außenpolitiker Henry Kissinger in den Katakomben des Stadions auf. Die Begegnung wurde zum Skandalspiel, in dem Buch »Fuimos campiones« (Wir waren Weltmeister) von Ricardo Gotta berichten »peruanische Spieler von eben jenem Besuch Videlas und Kissinger in der Kabine und von ›Anrufen ihres Staatschefs‹. … ›Da wurde Druck ausgeübt, sagte Verteidiger José Velazquez später.« 6:0 endete das Spiel, augenscheinlich ließ sich die FIFA dabei umschiffen. Doch wer hatte das Hausrecht? Wer gewährte den Spitzenpolitikern Zugang zu den Kabinen? Eine Lex Kissinger? Eine Kleinigkeit für einen Mann, der Generälen wie Videla oder Pinochet mit in den Sattel verholfen hatte?
Die Lex Trump lässt grüßen. Der Unterschied: Wohl nie zuvor wurde die Einflussnahme auf das sportliche Geschehen derart offen zur Schau gestellt.
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