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»Überkapazitäten«

Zalando? Zalandon’t!

Handelsriese macht Lager bei Erfurt dicht und setzt 2.100 Beschäftigte auf die Straße

Von Michael König
Foto: Bodo Schackow/dpa
Kundgebung der Zalando-Belegschaft in Erfurt (18.4.2026)

Der Versandhändler Zalando macht im September sein ältestes Lager in der BRD dicht und setzt in Erfurt über 2.000 Beschäftigte auf die Straße. Für den 2008 eröffneten Standort hat eine Einigungsstelle zwischen Unternehmen und Betriebsrat per Beschluss am Mittwoch einen Sozialplan festgelegt. Mit der Zahlung von 80 Millionen Euro an Abfindungen ist das Logistikzentrum in Thüringen bald Geschichte. Statt dessen soll ein Neubau im hessischen Gießen die Operationen übernehmen. Für die Erfurter Beschäftigten bedeutet das die Entlassung. Die Verträge für drei extern betriebene Standorte im Ausland laufen ebenfalls ersatzlos aus.

Der Vorstand des Dax-Konzerns hatte die Belegschaft Anfang Januar informiert, dass der Betrieb im Laufe des Jahres geschlossen werden würde. Es folgten Proteste der Belegschaft und zähe Verhandlungen mit dem Betriebsrat. Die endeten erst mit dem Schiedsspruch des neutralen Vorsitzenden der Einigungsstelle. Zalando hatte zeitlich auf die Tube gedrückt und das Gremium im April per Gerichtsbeschluss gegen den Betriebsrat durchgesetzt. Den Konfrontationskurs im betrieblichen Mitbestimmungsverfahren empfanden die Belegschaftsvertreter als »beschämend«.

Der Fraktionschef der Partei Die Linke im Thüringer Landtag, Christian Schaft, erklärte: »Bis zur letzten Minute hat das Unternehmen Zalando versucht, den Standort Erfurt und die Beschäftigten um jeden Cent auszupressen.« Der Sozialplan sei nur erzwungen worden, weil der Betriebsrat für die Beschäftigten bis zuletzt mutig gekämpft habe. »Es hat sich gelohnt, zu kämpfen«, folgerte auch Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke), der den Betriebsrat als Berater unterstützt hatte. Dennoch sei die Schließung ein »Schlag ins Gesicht der Menschen«.

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Der Onlinemodehändler hatte im vergangenen Jahr den Konkurrenten About You übernommen und sprach anschließend von »Überkapazitäten« in der Logistik. Tatsächlich tauscht das Management ein altes gegen ein neues Logistikzentrum und entlässt die 2.100 Angestellten in Erfurt in die Arbeitslosigkeit. So sind bei Zalando 1.300 Lagerarbeiter an- oder ungelernt. Sie konkurrieren bald zusätzlich um nur halb so viele offene Stellen in der Region, wie die Chefin der Arbeitsagentur Thüringen Mitte, Irena Michel, der Nachrichtenagentur dpa sagte. Michel stellt ab August eigens 14 Mitarbeiter für die Vermittlung direkt vor Ort ab. Eine Transfergesellschaft hatte Zalando nämlich verweigert, beklagte auch Thüringens SPD-Arbeitsministerin Katharina Schenk (SPD).

Zalando sponsert die erfolglose deutsche Fußballnationalmannschaft und hat nach eigenen Angaben über 60 Millionen Kunden. Im Jahr 2025 machte der Modehändler zwölf Milliarden Euro Umsatz. Der Profit belief sich auf rund 200 Millionen Euro. Inzwischen fungiert die Technologieplattform, so die Eigenbezeichnung, auch als Onlinemarktplatz für kleinere Versandhändler. Deren Bestellungen laufen nicht nur über die Shops von Zalando und About You, der Marktplatzbetreiber übernimmt auch die Logistik. Die wiederum kann teilweise an Dienstleister ausgelagert werden.

Mit der Schließung des Erfurter Standorts zeige sich die »hässliche Fratze des Kapitalismus«, hatte der zuständige Verdi-Sekretär Matthias Adorf bereits im Januar beklagt. Die Gewerkschaft entschied sich, nicht zum Arbeitskampf gegen die Pläne des Konzerns aufzurufen. Ende Januar beschränkte sich Verdi in einem Kommuniqué darauf, »den Verlust der Arbeitsplätze so sozial verträglich wie nur möglich zu gestalten«. An vorherigen Aktionen für einen regulären Tarifvertrag im Jahr 2025 hatten sich nur rund 200 der damals noch 2.700 Beschäftigten beteiligt.

Die juristischen Möglichkeiten des Betriebsrats sind begrenzt. Jede mitbestimmungspflichtige Entscheidung im Unternehmen kann vor dem Arbeitsgericht oder im Schiedsspruch der Einigungsstelle enden. Zalandos Kurs lief darauf hinaus, diese Möglichkeiten auszuschöpfen. Für die Region um Erfurt bedeutet das wirtschaftlich und sozial einen schweren Schlag.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.07.2026, Seite 5, Inland

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