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»Halt, das ist unser Wald!«
Emmauswald in Berlin-Neukölln: Mehr als 100 Kinder protestieren gegen Abholzung und Bebauung
Das bisschen Regen konnte ihnen nichts anhaben: »Halt, das ist unser Wald!«, skandierten am frühen Montagmittag mehr als 100 Kinder auf einer Wiese im Emmauswald in Berlin-Neukölln. Mit ihrer Tanz- und Gesangseinlage bildeten die Schülerinnen und Schüler aus umliegenden Schulen einen Schutzwall vor dem von Rodung bedrohten Wald. Wenn es nach dem Willen des Berliner Senats unter dem konservativen Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und des Vonovia-Konzerns geht, soll der rund vier Hektar große Mischwald weitgehend abgeholzt, versiegelt und bebaut werden.
»Wir sind hier, um den Wald zu retten«, sagt der 11jährige Lasse im Gespräch mit junge Welt. Weil er »richtig gute Luft für Neukölln« mache, sei der Wald für den Kiez und die Nachbarschaft wichtig. Mehr noch: »Hier sind ja so viele Leute und viele Parks gibt es in Neukölln nicht.« Die Organisation des Protests hätten viele Lehrer unterstützt, sagte der 10jährige Viktor.
Mit über einer halben Million Einheiten in ihrem Besitz, einem Immobilienwert von mehr als 84 Milliarden Euro und einem Umsatz von 4,2 Milliarden Euro ist die börsennotierte Vonovia SE der größte Wohnungskonzern Europas und gehört weltweit zu den Top 5. Dass diese beachtlichen Zahlen des Geschäftsberichts 2025 zum Teil auf Rechtsbrüchen fußen, ist hinlänglich bekannt. Die Konzerntochter Buwog plant in und um den Emmauswald den Neubau von rund 600 Wohneinheiten, wobei sie den Berliner Sozialbauschlüssel von 30 Prozent einhalten muss.
Diese rund 200 bezahlbaren Einheiten sollen auf einer nahegelegenen Brache »direkt an der Straße« errichtet werden, erklärt Alina Bause, Sprecherin der Initiative »Emmauswald bleibt!«, im Gespräch. Für die »teuren Eigentumswohnungen mit Tiefgarage« hingegen plane Buwog mehr als zwei Hektar des Waldes zu roden. Die Luxusimmobilien selbst würden zu »Gentrifizierung und weiterer Vertreibung führen«. Die Initiative kämpft seit vier Jahren für den Erhalt des Waldes und hatte es im Frühjahr 2023 »tatsächlich geschafft, dass die Politik auf Bezirksebene parteiübergreifend gegen den Bebauungsplan gestimmt hat«, so Bause. Daraufhin stellte das Neuköllner Bezirksamt das Vorhaben ein. Kurz danach zog jedoch der Senat das Verfahren an sich und führt es seitdem in eigener Zuständigkeit weiter.
Neukölln sei bereits jetzt »eine der Gegenden, die am meisten verdichtet sind«, erklärt Susanne Koch, die an der Berliner Charité zu Luftqualität und Hitzestress forscht und als Expertin beim Kinderprotest vor Ort war, gegenüber jW. Der Effekt des Emmauswalds »hinsichtlich Hitzeschutz und Luftverschmutzung ist essentiell und dringend notwendig«. Koch verweist auf Studien des Umweltbundesamts, laut denen es in hochverdichteten Stadtteilen wie Neukölln »während einer Hitzewelle bis zu elf Grad wärmer sein kann«.
»In einem hochverdichteten Gebiet wie Nordneukölln eine Grünfläche zu roden, um Eigentumswohnungen zu bauen, die sich kein Normalverdiener leisten kann, ist umweltpolitisch und wohnungspolitisch wahnwitzig«, erklärt Rouzbeh Taheri, Mitinitiator des Volksentscheids »Deutsche Wohnen & Co. enteignen«, gegenüber jW. Bausenator Christian Gaebler (SPD) habe den Bezirk in dieser Frage entmachtet, »um die Profitinteressen von Vonovia durchzusetzen«, führte der Spitzenkandidat der Neuköllner Linken zur anstehenden Abgeordnetenhauswahl aus: »Neukölln braucht bezahlbare Wohnungen, die nur durch Genossenschaften und öffentliche Bauträger geschaffen werden.«
Auch die Lokalpolitikerin Christina Hilmer-Benedict (Grüne) und die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Derya Çağlar, sprachen sich am Rande des Protests gegen eine Rodung aus: Dem drängenden Mangel an Wohnungen für Normalverdiener begegne man so nicht. Durch Bebauung des Areals entstehe »kein bezahlbarer Wohnraum. Das sind Luxuswohnungen«, so Hilmer-Benedict. Der Berliner Senat habe »in dieser Legislatur für neuen bezahlbaren Wohnraum gesorgt«, verteidigte Çağlar ihre Partei. Von der CDU oder dem Senat hat sich niemand dem Protest der Kinder gestellt. »Ihr sollt den Wald retten«, so Lasses Appell an die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung. Der Senat dürfe nicht zulassen, »dass sie den Wald abholzen«. Gemeint ist Vonovia. Ein Einlenken des Konzerns ist nicht erkennbar.
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