Weg von den USA
Kanada strebt Diversifizierung seiner Ölexporte an und will Ausfuhren insbesondere Richtung Asien erhöhen. Dafür ist eine neue Pipeline geplant
Kanada will seine Kapazitäten für Erdölexporte nach Asien erweitern. Am Donnerstag gaben Premierminister Mark Carney von der Liberalen Partei und die Regierungschefin der ölreichen Provinz Alberta, Danielle Smith von den Konservativen, ihre gemeinsame Absicht zum Bau einer neuen Pipeline an die Westküste bekannt. Sie soll im Süden von British Columbia in der Nähe von Vancouver einen Tiefwasserhafen an der Pazifikküste erreichen. Im Norden der Provinz dürfen Tanker, die mehr als 12.500 Tonnen Rohöl an Bord haben, gemäß einem 2019 erlassenen Gesetz weder andocken noch be- oder entladen werden, um Umweltkatastrophen auszuschließen.
Die Planung der neuen Pipeline folgt einem Vorschlag Albertas, zu dessen Unterstützung sich die kanadische Regierung entschlossen hat. Praktisch bedeutet das zunächst, dass sie bei der zuständigen Bundesbehörde Major Projects Office (MPO) die schnelle Einstufung des Vorhabens als »Projekt im nationalen Interesse« anstrebt. Das könnte ein erleichtertes Genehmigungsverfahren zur Folge haben. Günstigenfalls könnte der Bau der Leitung im nächsten Jahr beginnen und diese 2030 in Betrieb genommen werden.
Die Pipeline mit einer geplanten Kapazität von einer Million Barrel pro Tag soll eine Länge von rund 1.200 Kilometern haben und weitgehend der Trasse der schon vorhandenen Trans-Mountain-Leitung folgen, durch die nach einer im Mai 2024 fertiggestellten Erweiterung 890.000 Barrel pro Tag fließen können. Die Baukosten werden von der Regierung der Provinz Alberta auf 35,2 bis 43,7 Milliarden Kanadische Dollar, umgerechnet 21,6 bis 26,9 Milliarden Euro, geschätzt. Die Finanzierung soll überwiegend vom Staatsunternehmen Trans Mountain übernommen werden. Der private Pipelinebetreiber Pembina soll am Bau beteiligt werden und zunächst einen Anteil von zehn Prozent erhalten, mit der Option, ihn nach Inbetriebnahme auf 20 Prozent aufzustocken.
Kanada ist hinter den USA, Saudi-Arabien und Russland mit etwa fünf Millionen Barrel pro Tag der viertgrößte Rohölproduzent der Welt. Ungefähr 3,6 Millionen Barrel pro Tag kann es derzeit exportieren. Hauptabnehmer und jahrzehntelang fast der einzige Kunde sind traditionell die USA. Umweltschützerische Bedenken und die gesicherten Rechte der »First Nations« oder »Indigenous Peoples« verhinderten den Bau leistungsstarker Pipelines an die Westküste und verschafften den USA mit rund 95 Prozent Anteil am kanadischen Ölexport eine Monopolstellung. Noch 2024 kamen 60 Prozent des US-amerikanischen Ölimports aus Kanada, das waren rund 80 bis 85 Prozent des kanadischen Exports. Das hatte starke Abhängigkeiten und niedrigere Verkaufspreise zur Folge, die zeitweise 30 US-Dollar oder sogar mehr unter der Brent-Marke lagen.
Die kanadische Regierung hat die Blockade in den vergangenen Jahren durchbrechen können, indem sie starke ökologische Signale setzte und die Vertretungen der »Indigenous People« über zahlreiche Einzelverträge am Geschäft beteiligte. Gegenwärtig gehen zeitweise bis zu zehn Prozent der kanadischen Erdölexporte nach Asien, vor allem nach China. Drei bis fünf Prozent werden über die Ostküste nach Europa verschifft. Seit Juni 2025 ist Kanada auch im Flüssiggashandel aktiv, gehört zwar nicht zu den ganz Großen – das sind die USA, Katar und Australien –, aber baut seine Stellung im Mittelfeld aus. Hauptkunden sind Japan und Südkorea. Von der weitgehenden Sperrung der Hormus-Meeresstraße aufgrund des Iran-Krieges hat Kanada profitieren können. Das ermöglicht es dem Land, deutlich selbstbewusster gegenüber den Anmaßungen, Übergriffigkeiten und Erpressungsversuchen der Trump-Administration aufzutreten.
Der internationale Ölmarkt ist indessen durch stabil niedrige Preise gekennzeichnet, obwohl der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus bisher noch nicht signifikant zugenommen hat. Brent wurde am Montag vormittag mit 71,60 US-Dollar notiert, der für Nordamerika maßgebliche Wert WTI lag bei 68,30. Die OPEC-Staaten produzierten im Juni 19,43 Millionen Barrel pro Tag, 3,3 Millionen Barrel pro Tag mehr als im Mai. Besonders verbessern konnten sich Iran, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate, die der Arbeitsgemeinschaft seit Mai nicht mehr angehören.
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