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Rock

Die Sonne erklimmen

Das Debütalbum von Thin Lizzy in einer »Deluxe Edition«

Foto: IMAGO/Avalon.red
So sexy: Thin Lizzy (1974)

Die beiden Schulfreunde Phil Lynott und Brian Downey machen sich 1969 mit ihrer Band Orphanage einen Namen in den Dubliner Clubs. Als der ehemalige Them-Gitarrist Eric Bell dazustößt, gelten sie bereits als »Supergroup«. Ihr Manager stellt einen Kontakt zum Major Decca her, und als der Artists-and-Repertoire-Manager des Labels die Band, die nun Thin Lizzy heißt, einmal auf der Bühne gesehen hat, haben sie den Deal. Es geht alles ein bisschen zu schnell und zu glatt.

Decca schickt sie nach London, wo sie in einer von Weed umwölkten Woche ihr Debütalbum aufnehmen. Lynott hat eine Mission; er will die alte irische Liedtradition mit etwas Zeitgenössischem amalgamieren, und das ist in diesen Tagen vor allem elektrischer Folk, Blues und nicht zuletzt Psychedelic Rock. Bereits der Opener des Debütalbums, »The Friendly Ranger At Clontarf Castle«, ist eigentlich ein vertonter Drogenrausch. »The ­Friendly Ranger paused / And scooping the bowl of beans / Spreading them like stars / Falling like justice on different scenes«, deliriert Lynott da. Später erklimmt der freundliche Förster auch noch die Sonne und schnappt sich ihr Glühen, um seinen Song zu Ende zu bringen. Wenn die Kunst nur hell genug strahlt, ist der Tag dein Freund? Vermutlich versteht Lynott selbst nicht so genau, was ihm das heilige Kraut da eingeflüstert hat.

Doch wenn Leadgitarrist Eric Bell seine Strat aufdreht und seine Finger fliegen lässt wie bei »Look What the Wind Blew In«, ahnt man auch bereits, dass da neben Lynotts irischem Sentiment noch etwas Wilderes in ihnen schlummert. Bell schätzt die Alben von Cream und natürlich der Jimi Hendrix Experience, und so nimmt er sich viele improvisatorische Freiheiten.

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Aber trotz ihrer vielen Konzerte, in denen sie Eindruck hinterlassen, und trotz der Unterstützung diverser Radio-DJs wie Stuart Henry und selbstredend John Peel verkauft sich »Thin Lizzy« allenfalls moderat. Die bald darauf nachgeschobene EP »New Day« überhaupt nicht. So ganz kann man es dem Publikum nicht verdenken. Lynott ist ein begnadeter Elegiker, Bell ein veritabler Gitarrenheld im Werden, und Downey gehört sowieso zu den viel zu wenig beachteten Schlagzeugern im Rock-Genre – er besitzt nicht nur den nötigen Punch, sondern auch eine quirrlige Spielfreude und Spaß an den kleinen, flinken Verzierungen, die aus einer Komposition erst etwas Originäres machen. Und dennoch, es fehlt hier etwas Wesentliches; sie gießen ihre Qualitäten zu selten in memorable Songs. Das Studio kommt schlicht zu früh für die drei.

Die »Deluxe Edition«, die wirklich mal diesen Namen verdient, bündelt alle Aufnahmen der Jahre 1970/71, diverse Alternativversionen und ergänzt zudem einen zweiten Mix von Richard Whittaker, der Audiophile zum Schnurren bringen wird. Hinzu kommt ein reich bebildertes Begleitbuch. Es ist fast ein bisschen zuviel Aufwand für diese Talentprobe.

→ Thin Lizzy: »Thin Lizzy« – Deluxe Edition (Universal)

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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