Zum Inhalt der Seite
Austropop

Halali zur Hexenjagd

Hat Austropop ein Sexismusproblem? Auf jeden Fall eins mit auf moralische Reflexe setzender Eigen-PR. Ein Kommentar

Foto: IMAGO/United Archives
Kann sich nicht mehr selbst wehren: Ludwig Hirsch (1946–2011)

»Leute, wir müssen endlich aufhören, Austropop zu verklären.« Bis hierhin hört noch keiner zu – interessiert ka Sau, würde der Austropopper sagen. Aber jetzt: »Ein wahnsinnig widerwärtiges Beispiel ist zum Beispiel Ludwig Hirsch, der in seinem Song ›Spuck den Schnuller aus‹ Pädophilie zelebriert.« Bäm, mehr geht nicht, da macht jemand keine Gefangenen.

Das ist Ragebait, Attacke, Provokation für den Algorithmus, koste es, was es wolle. Negative Aufmerksamkeit ist besser als keine, man kennt das von schwierigen Hunden und Kindern. Und jetzt von der österreichischen Künstlerin RAHEL (Eigenschreibweise), die vorige Woche per Instagram auf die Austropoplegenden Ludwig Hirsch, Georg Danzer und Falco eindrosch – ein Diskussionsansatz zur Frage: »Hat Austropop ein Sexismusproblem?«

Da müsste ich nicht lang suchen. »Oben ohne« von Rainhard Fendrich zum Beispiel, ein schlimmer Mitgröler, der vom Neid alter Weiber mit Hängetitten auf die Knackbrüste der Objekte der Begierde von Raini & friends erzählt. Fendrich hat auch gute Texte geschrieben, da würde sich eine Diskussion durchaus anbieten.

Leider und zufällig sind die von Rahel Angegriffenen aber alle tot. Falco war zudem eine Kunstfigur, die ausgewählte Szene aus einer Talkshow mit Interviewpartnerin Alida Gundlach ist eine Inszenierung. »Sie sind misogyn.« – »Ah, geh!« – »Sie sagen immer Schatzi zu mir.« – »Soll i Mausi sogn?«

Ist auch nicht so »wahnsinnig ekelhaft« wie laut Rahel Georg Danzers »Vorstadtcasanova«: »I bin a Vorstadtcasanova und drum bin i wea / weu ned a jeder hat für so was des Talent / waun’s as ned glaubts, daun frogts di Helli von der Siebnerstiagn / obs aussa mia da im Bezirk an Bessern kennt / und a de Hertha und di Susi und de Monika / de san ma daunkboa, ehrlich woa, i kaunns beschwörn / i bin a Vorstadtcasanova und des bleib i a / der fesche Gustl mid da imma­hoatn Röhrn«.

Anzeige

An diesem bissigen, ironischen Song über armselige, selbstverliebte Hengste ist nichts misszuverstehen, und wer nicht zu den 1.850 Menschen gehört, die noch nie etwas von Georg Danzer gehört haben und unbesehen liken, was Rahel Kislinger von sich gibt, fragt sich spätestens jetzt, who the fuck ist das eigentlich?

Zunächst einmal ist Kislinger offenbar ein PR-Talent. Obwohl bereits 2023 bis 2025 für einen »FM4 Amadeus Austrian Music Award« nominiert, war sie bisher eher unbekannt, auch ich bin erst durch ihr Legenden-Bashing auf sie aufmerksam geworden. Sagen wir mal so, ich kann verstehen, dass sie sich underrated fühlt, und wäre durchaus versucht, ihre Musik positiv zu rezensieren, wäre da nicht dieses eiskalte Kalkül, das mich bei 36 Grad erfrieren lässt.

Noch einmal O-Ton Kislinger: »Ein wahnsinnig widerwärtiges Beispiel ist zum Beispiel Ludwig Hirsch, der in seinem Song ›Spuck den Schnuller aus‹ Pädophilie zelebriert.«

Der genannte Titel stammt aus dem Album »Dunkelgraue Lieder«, einer Sammlung von Stücken, die von großer Menschenliebe, von großer Traurigkeit, von großer Verzweiflung über das, was Menschen anderen antun, und von dem, was Menschen angetan wird, erzählen. Neben einem Lied über einen Kindermörder (»Herr Haslinger«) thematisierte Hirsch dort schon 1978 sexuelle Gewalt an Kindern innerhalb der Familie: »Spuck den Schnuller aus, die Mama is ned z’Haus / Geh zier di ned, kumm mit ins Gitterbett / Waßt, wie schen des is, moch ma an Windelstriptease / Und dann zeig i dir meins und du zeigst mir deins / Ja, es wird höchste Zeit, dass mir ’s endlich treiben / Oder willst mit zwarahoib noch a Jungfrau bleibn?«

Es gibt auf diesem Album noch ein Lied für die vielen gedemütigten, gequälten Kinder, die kaum jemand sieht, »Der blade Bua«: »Es gibt Kinder, die kumman ohne Schutz­engerl auf d’ Welt / Und der Sandmann haut eana Reißnägel in d’ Augen / Unterm Christbaum liegt jedes Johr a Packerl Tränen als Geschenk / Und a Märchenbuch, wo der Teufel immer gwinnt«.

Danzers bissigen Spott nicht zu verstehen könnte gerade noch gnadenlose Blödheit sein, aber Ludwig Hirsch, dem Autor und Sänger dieser zärtlichen Gedanken die Worte im Munde umzudrehen, ihn vom Beschützer zum Täter zu machen, nur um der eigenen Bedeutungslosigkeit zu entfliehen, ist schändlich. Oder um Rahel zu zitieren, »wahnsinnig ekelhaft, wahnsinnig widerwärtig«. Und schlimmer: So entstehen Hexenjagden.

Nachdem Rahel Kislinger sich nach allgemeinem Aufschrei möglicherweise erstmals die Texte überhaupt angehört hat, bleibt sie sich auch in ihrem jüngsten Statement erschreckend treu: »Note: Es handelt sich hier um eine unsaubere Recherche. Das Reel bleibt trotzdem online, da es zu einer spannenden Diskussion führen kann. VORBILDER BRAUCHT DIE WELT«.

Ok. Aber du bist es sicher nicht, Rahel.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 03.08.2026, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!