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Aus: literatur, Beilage der jW vom 14.02.2007

Putzige Problemkinder

Kopf hoch, Charlie Brown! Im Carlsen Verlag erscheint die Werkausgabe des Schöpfers der »Peanuts« Charles M. Schulz
Von Frank Schäfer
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Charles M. Schulz: Die Peanuts – Werkausgabe. Aus dem Amerikanischen von Fred Kipka. Bd. 1: 1950–52, 343 Seiten; Bd. 2: 1953–54, 325 Seiten; Carlsen Verlag, Hamburg 2006; je 29,90 Euro.
Das war nun wirklich der grauenvollste Titel, der je für einen Comic-Strip erdacht wurde. Er ist vollkommen albern, ohne Bedeutung und einfach nur verwirrend und würdelos«, schimpfte Charles M. Schulz noch in den späten Achtzigern über die Redakteure des United Feature Syndicate, die ihn 1950 eingekauft hatten, ihm aber auch den Titel »Peanuts« vorschrieben und festlegten, »daß es ein Platz sparender Strip« sein sollte. Diese beiden frühen »Fehlentscheidungen« hätten seine »ganze Karriere überschattet«. Daß sie vielleicht dadurch erst richtig ins Rollen gebracht wurde, wollte er nie wahrhaben.

»Damals wußte natürlich niemand, daß ich einen Strip erschaffe, der, wie ich finde, Würde besitzt, eine gewisse Klasse. Aber wenn man als junger Mensch von einem Syndikat engagiert wird, kaufen sie das künstlerische Potential. Sie kaufen nicht die mitgebrachten Beispiele, sondern gewissermaßen das Potential der nächsten zehn, zwanzig Jahre. Als ich damals ins Büro kam, wußten sie nicht, daß sie einen Fanatiker vor sich haben. Einen Knaben, der sich voller Leidenschaft auf seine Aufgabe stürzt. Und etwas, das zu einem Lebenswerk werden würde, mit dem Namen ›Peanuts‹ zu versehen, ist wirklich eine Beleidigung.«

Eine »gewisse Klasse«? Charlie Brown und Pattie gehen spazieren, irgendwohin. »Ich mache mir Sorgen um die Zukunft«, sagt Charlie. Sie bleiben stehen, Patty antwortet entgeistert: »Aber warum denn...? Du bist jung und voller Leben ...« Sie setzen sich auf den Bordstein. »Du hast wahrscheinlich noch sechzig Jahre vor dir!« Charlie legt die Hände in den Schoß. »Das ist es ja, was mir Angst macht!«

Das ist ein neuer Ton im amerikanischen Zeitungscomic der frühen Fünfziger, der von den unterschiedlichsten Abenteuergenres dominiert wurde. Hier unterhielten sich Kleinkinder mit Erwachsenenproblemen, noch dazu mit Problemen, die in diesen optimistischen, ewige Prosperität und unaufhaltsamen technischen Fortschritt verheißenden Nachkriegsjahren eigentlich überhaupt niemand haben sollte. Auf einmal hing da diese tiefschwarze Wolke des Defätismus am sonnigen Himmel des Zeitgeistes – und die unzufriedene Campusjugend erkannte sich wieder in dem von ­Charles M. Schulz entworfenen »Peanuts«-Suburbia, in dem es realistisch zuging, wütend, melancholisch und trist, in dem der soziale Anpassungsdruck, die juvenile Entfremdung, das Gefühl der Ausgrenzung thematisiert und dann doch mit einem Witz überschrieben, also in gewisser Weise bezwungen wurde.

Der von Schulz maßgeblich beeinflußte Comic-Künstler Garry Trudeau (»Doonesbury«) bezeichnete die »Peanuts« als »den ersten Beat-Strip«, sie »vibrierten geradezu, so stark war die Entfremdung der fünfziger Jahre zu spüren«. Ein bißchen was muß da dran sein, denn als sich diese Jugendbewegung Mitte der sechziger Jahre formierte, als Counter culture konsolidierte und an Einfluß – durchaus auch auf den gesellschaftlichen Mainstream – gewann, begann auch Schulz' große Zeit. Dutzende Zeitungen druckten den täglichen Strip parallel, Sammelbände erschienen, Zeichentrickfilme, ein Broadway-Musical, Schulzsche Wortschöpfungen (wie etwa Linus' »Security Blanket«) wurden im Wörterbuch verzeichnet, und schließlich ging via Merchandise-Lizenzen das »Peanuts«-Personal auf T-shirts, Kaffeetassen, Bettbezügen in den globalen Alltag ein. Charlie Brown, Snoopy, Lucy und ihre Gang avancierten zu popkulturellen Ikonen und machten ihren Schöpfer zu einem schwerreichen Mann.

Eine der Ursachen dieses Erfolgs ist die Anschlußfähigkeit des Strips. Schulz Figuren, so Umberto Eco in seiner »Peanuts«-Hymne, »sind die monströse infantile Reproduktion aller Neurosen eines Bürgers der modernen Industriegesellschaft!« Eco deutet es an: Schulz hat dem Comic neben der Pointe gleich noch eine gewissermaßen ästhetische »Security Blanket« mitgegeben, die das hier freigelegte zerschlissene Nervenkleid des Nachkriegsmenschen wieder warm einhüllte. Alles ist aufgehoben in der doch nie wirklich bezweifelten oder gar übertretenen hoffnungsvollen Geborgenheit der Kindheit. Die bleibt trotz Lucys sadistischer Gemeinheiten, Charlies Melancholieanfällen, trotz ständiger Zurückweisungen und eben auch gelegentlicher körperlicher Gewalt ein Paradies. Ein verlorenes, für immer verschlossenes Paradies zwar, deshalb sind ja auch nie Erwachsene zu sehen, aber via Erinnerung und Imagination bleibt dieses kindliche Arkadien ja weiterhin wirksam – als Glücksversprechen und hoffnungsvoller Gegenentwurf.

Berückend an der Kunst von Charles Monroe Schulz ist seine Leichtigkeit. »In ihrer Bestform«, schreibt Art Spiegelman in einem Comic-Essay kurz vor Schulz' Krebstod 2000, »waren die ›Peanuts‹ von der Reinheit und Tiefe eines Haiku ... nur leichter zu verstehen.« Ihm gelingt es, die existentiellen Fragen, die conditio humana im ganz Kleinen zu spiegeln, sie symbolisch zu verdichten, ohne daß diese Symbolik aufdringlich artifiziell wäre. Es bleibt immer ein unangestrengter, leicht konsumierbarer, witziger Comic-Strip. Diese parabolische, bisweilen geradezu Zen-mäßige Dimension, dieses Sprechen auf »zwei unterschiedlichen Bedeutungsebenen«, wie es Umberto Eco formuliert, zeichnet seine Vier-Panel-Kürzestgeschichten von Anfang an aus.

»Patty, wie schreibt man ›Gouverneur‹?«, fragt Charlie das lesende Mädchen. Sie sieht nicht mal auf. »Schau im Wörterbuch nach.« »Da konnte ich es nicht finden.« »Warum nicht?« »Ich weiß nicht, wie man es schreibt!« Dieser Wochentags-Strip vom 14. April 1951, da war Schulz gerade mal ein halbes Jahr bei der Sache, illustriert nicht mehr und nicht weniger als das grundlegende Paradox der Erkenntnisphilosophie: daß man nämlich schon immer etwas wissen muß, um etwas zu lernen.

Schulz hat die Tiefenschicht seiner Comics gern heruntergespielt – und aus dem Mund dieses uneitlen, zurückhaltenden Pragmatikers klang dieses Understatement nie nach Koketterie. »Ich weiß, ich bin kein Intellektueller. Ich halte mich nicht mal für besonders klug. Wirklich nicht. Ich denke, ich bin nicht auf den Kopf gefallen, und ich bin ganz gut darin, die Oberfläche eines Themas zu streifen, so daß es den Anschein hat, als wüßte ich eine ganze Menge darüber. Tatsächlich muß man nicht allzu viel wissen, um Comic-Zeichner zu sein. Wenn es also ein intellektueller Strip sein sollte, so habe ich jedenfalls nie darüber nachgedacht. Aber es freut mich, denn obwohl ich nie bewußt darüber nachgedacht habe, wollte ich natürlich etwas von Wert zeichnen.«

Diesem »Wert« kann man nun in den ersten beiden wundervollen Lieferungen der auf zwölf Jahre und 25 Bände angelegten »Peanuts-Werkausgabe« (Carlsen) nachspüren. In diesen frühen Jahren – dokumentiert wird hier die Zeit von Oktober 1950 bis Dezember 1954 – entwickelt sich zwar sein Stil noch, wird sein Strich routinierter, die Figurenzeichnung skrupulöser, detailreicher, charakteristischer, aber dieser spezifische, aphoristisch-doppelbödige Schulz-Witz ist gleich voll da.

Und schon früh zeigt sich Schulz zudem als Meister der Standardsituationen. Er macht das Gesetz der Serie fruchtbar und spielt mit dem Spaß des Lesers am Wiedererkennen von bekannten Motiven, die er ständig neu variiert: Violets Versuche, Sandkuchen zu backen, die Lästereien über Charlies Kopfform, sein Scheitern beim Steigenlassen eines Drachen, Snoopys Gefräßigkeit, die sich vor allem auf Charlies Bonbons konzentriert, Linus' Genialität, die sich früh zeigt in seinen unglaublichen Bauklötzchen-Konstruktionen, Schroeders Klavierspiel, Lucy, die Charlie den Football wegzieht und ihn damit zu Fall bringt – all das bekommt eigentlich erst seine volle komische Verve nach der dritten, vierten Variation.

Als Schulz am 14.Dezember 1999 – nach fast 50 Jahren und 17897 Strips – wegen seiner schweren Erkrankung den Ruhestand ankündigte, er sah nur noch verrschwommen und seine Hände zitterten schon eine ganze Weile, sorgte diese Meldung für eine Welle von Mitleids- und Trauerbekundungen. Schulz trauerte am meisten über den Verlust. »Ich hätte nie gedacht, daß mir das mal passieren würde ... Und auf einmal ist er fort. Er wurde mir weggenommen«, betonte er. »Das war nicht meine Entscheidung. Er wurde mir weggenommen.«

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