Der letzte Satz entscheidet
Helga Schuberts Eröffnungsrede zum 50. Bachmannpreis-Wettlesen in Klagenfurt
Alle Plätze sind ausgelost, doch noch ist nichts vergeben. Wer zuerst liest, entscheidet in Klagenfurt seit jeher der Zufall – beaufsichtigt von einem Notar, als könne Borges’ babylonische Lotterie wenigstens für drei Tage einen juristisch wasserdichten Rahmen erhalten. Die Lesereihenfolge der diesjährigen »Tage der deutschsprachigen Literatur« steht seit Mittwoch abend fest, Urteile werden folgen. In diesem Jahr ist der Wettbewerb ein besonderer: Zum fünfzigsten Mal findet der Bachmannpreis statt, seine Namensgeberin wäre 2026 hundert Jahre alt geworden.
Mit Ausflüchten in die »Nebelregion der religiösen Welt«, wie Karl Marx das Reich der theologischen Mucken nannte, hat eine Eröffnungsrede in Klagenfurt selten begonnen. Helga Schubert, Bachmannpreisträgerin des Jahres 2020, leitete am Mittwoch den Jubiläumsjahrgang mit den Worten »Und führe uns nicht in Versuchung« ein, doch dieser Begriff sitzt auf säkularem Sockel. Schuld und Moral verschwinden zugunsten einer profanen Exegese, mitten im Ostberlin der Nachkriegszeit. Als Kind in der DDR lernte Schubert nicht die Erlösung »von dem Bösen«, sondern »von dem Übel«. Aus einer theologischen Kategorie wurde weltliche Erfahrung: Flucht, Hunger, schimmelnde Kastanien, Ohrfeigen und zerbrochene Kindheiten.
Versuchungen – das sind bei Schubert denn auch nicht die Visionen des heiligen Antonius; vielmehr ist es die Lust am Lesen selbst. Die Autorin gesteht, Bachmanns Briefwechsel mit Max Frisch und Paul Celan ebenso verschlungen zu haben wie Biographien und Anekdoten, ehe sie sich fragte, weshalb man das (imaginierte) Bild von Ingeborg Bachmann rauchend im Nylonnachthemd eher kennt als ihre Gedichte, Hörspiele oder den Roman »Malina«. Nicht das Werk werde erinnert, sondern ein tödliches Unglück.
Schuberts eigene Bachmann-Geschichte beginnt lange vor dem Gewinn des Hauptpreises. 1980 lud Günter Kunert sie nach Klagenfurt ein, doch die DDR verweigerte ihr die Ausreise. Erst die Einsicht in ihre Stasi-Akte machte deutlich, warum: Das Wettlesen galt einigen Funktionären als politisch gefährlich, Marcel Reich-Ranicki firmierte als »berüchtigter Antikommunist«, die Veranstaltung selbst als Instrument zur Manipulation von DDR-Autoren. Tatsächlich entwickelte sich Klagenfurt zu einem jener seltenen Orte, an welchen ostdeutsche Literaturen öffentlich sichtbar wurden. 1986 gewann Katja Lange-Müller den Bachmannpreis, in den drei Jahren darauf folgten Uwe Saeger, Angela Krauß und Wolfgang Hilbig – Autorinnen und Autoren, deren Biographien nicht an den Grenzen des Arbeiter-und-Bauern-Staats enden sollten.
Schubert kennt den Wettbewerb aus unterschiedlichen Perspektiven. Als Jurorin (1987–1990) lieferte sie konzise Analysen. Sie las die Texte stets vom Ende her und arbeitete sich dann zum Anfang vor: Exegese als Rückwärtsbewegung, mit dem Finale als Fundament. Der letzte Satz entscheidet über die Statik des Ganzen. Dass sie und Juror Peter Demetz trotz völlig unterschiedlicher Methoden häufig zum selben Urteil gelangten, erscheint fast wie ein Plädoyer gegen den Mythos der subjektiven Geschmacksurteile, der von Kritikern immer wieder vorgebracht wird. Bachmanns Satz, man müsse »wahre Sätze finden«, erhielt bei Schubert jedenfalls eine neue Wendung: Nicht Aktualität soll Literatur korrumpieren, sondern Literatur Aktualität. Auch in diesem Jahr haben sich vierzehn Autorinnen und Autoren ein Ticket nach Klagenfurt erschrieben. Irgendwo zwischen Losurne und Lesepult liegt der schmale Grat, auf dem ihre Karrieren beginnen – noch bleibt Zufall Zufall.
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