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27.04.2026
- → Feuilleton
Trost des Wurms
Allerletzte Funde aus dem Nachlass von Ambrose Bierce
»Markus Bomert found alive!« Der den Lesern der jungen Welt wohlbekannte Weinheimer Anglist, der seit 2024 als vermisst galt, wurde jetzt von seiner Tochter Emma am Grand Canyon gefunden, wo er ein kleines Motel betreibt. 2018 hatte er für Aufsehen gesorgt, als er erstmals neue Aphorismen von Ambrose Bierce veröffentlichte.
Damals wollte ein Sportkletterer den Leichnam des 1914 verschwundenen Amerikaners in den Schluchten des Colorado River gefunden haben, in den Taschen des weltberühmten Autors von »Des Teufels Wörterbuch«: ein Manuskript mit noch unveröffentlichten Definitionen. Deren Übersetzung ins Deutsche sah Markus Bomert fortan als seine Lebensaufgabe (die junge Welt berichtete). Die Behauptung anderer Wissenschaftler, dass Bierce Bomert sei bzw. umgekehrt, wurde mit einem Bierce-Zitat von Bomert als falsch zurückgewiesen: »Unwahrheit: Merkmal gegnerischer Behauptungen.«
Nach seinem Verschwinden vor zwei Jahren hatte seine Tochter Emma sein Lebenswerk verwaltet und weitere von Bomert übertragene Bierce-Aphorismen an die Öffentlichkeit gebracht, bis sie sich im Herbst 2025 auf die Suche nach ihrem Vater begab. Zuletzt hatte sie sich Anfang 2026 gemeldet und galt inzwischen selber schon als vermisst bzw. verschwunden. Nun aber erhielt die junge Welt Post von ihnen, einen handschriftlich verfassten Brief, in dem sich zur Erklärung dieser Satz von angeblich Bierce in Bomerts zeitgemäß modulierter Fassung findet: »Internet: Ein unentbehrliches Informationsmedium, das vorher niemand vermisst hat.«
Beigefügt sind der vor über zwei Wochen gestempelten Epistel (eben keiner Mail!) neue, also eigentlich alte Definitionen Biercens von Bomert – und die Bemerkung, es seien nun wirklich die allerletzten. »Es sei denn«, so das PS, »wir finden hier noch einen zweiten Leichnam von Ambrose Bierce mit weiteren unpublizierten Aphorismen, die wir ins Deutsche übersetzen!«
Bis dahin drucken wir nachstehend das Allerletzte, beginnend mit dem allerersten Eintrag.
Anfangen: Das Ende aller Illusionen riskieren. Einen großen Traum aufs Spiel setzen. Bereit sein, sich vor allen Leuten zu blamieren. Drei Möglichkeiten, die nur der Anfang einer langen Liste des Scheiterns sind.
Autoimmunkrankheit: Die einzige Krankheit, die sich gegen ihren Erreger wendet.
Besitzstandswahrung: Die mag kein Dieb.
Börsenkurs: Der Kaffeesatz der Analysten.
Cybersex: Eine beinah saubere Form des Geschlechtsverkehrs – nur der Mensch schmutzt noch.
Duett: Als Gott die Welt so weit erschaffen hatte, stellte er fest, dass noch etwas fehlt: ein Wesen, in dem sich alles Gute, Schöne und Wahre vereint und an dem der Teufel keinen Anteil hat. So schuf er – den Menschen. Sobald der Teufel davon erfuhr, warf er Gott vor: »Du weißt, ich sollte an allem einen Anteil haben. Du hast unseren Pakt gebrochen. Deshalb darf ich jetzt etwas erschaffen, das nichts Göttliches besitzt, das vollkommen schlecht, gemein und destruktiv ist. Alles Teuflische soll sich in ihm konzentrieren.« Und er schuf – den Nachbarn.
Damit begann es. Nachdem einmal die alte Regel gebrochen war, wetteiferten Gott und Teufel miteinander: Gott schuf den Fußballer – der Teufel die FIFA; Gott das Auto – der Teufel die Autowerkstatt; Gott das Internet – der Teufel Tik Tok; Gott die Kunst – der Teufel die Kritik; und schließlich: Gott das Lachen – der Teufel den Ernst.
Erbe: Geld, Wertpapiere und Immobilien, die in der Leistungsgesellschaft ohne jedes eigene Zutun erworben werden.
Genuss: Notwendiges Vorspiel des Überdrusses.
Gutmensch: Eine Untergattung des Homo sapiens, die so selten ist, dass sie in der Realität kaum einmal in Reinform zu finden ist. Der Naziindustrielle Oskar Schindler beschäftigte in seiner Fabrik Juden und bewahrte sie damit vor der Deportation und Ermordung. KZ-Kommandant Amon Göth ärgerte sich deshalb immer wieder über Schindler. »Amon«, tröstete der ihn jedes Mal, »es gibt noch genug andere!« – »Blödsinn«, klagte Göth, »du nimmst mir alle weg.« Darauf Schindler: »Also, wenn du mir nicht glaubst, hier habe ich noch eine andere Liste!«
Islam: Religion, die es ablehnt, Jesus als Gott zu verehren, was im Monotheismus vernünftig ist, weil Gott keinen Vater haben könne – was Blödsinn ist. Denn Gott kann sogar eine Mutter, viele Onkel, zahllose Cousinen, kurzum, unendlich viele Verwandte aller Grade haben, denn er ist allmächtig, und bei Gott ist kein Ding unmöglich. Sonst wäre er nicht Gott. Wer’s als Moslem, Jude oder Christ nicht glaubt, begeht Gotteslästerung und sollte wissen, womit dieses Verbrechen von seiner lieben Religionsgemeinschaft bestraft wird. Amen.
Kriegstüchtig: Eigenschaft, die süchtig macht.
Not: Jener Zustand, in dem man sich an seine Freunde erinnert.
Opportunist: Ein prinzipientreuer Verfechter der Anpassung. In seiner eigenen Sprache ein Realist.
Parlamentswahl: Ungefähr alle vier Jahre hält die Zeit den Atem an, und der Erdball kommt zum Stehen. Das ist der Tag, an dem in Deutschland eine neue Volksvertretung zu wählen ist. Dann naht die Stunde der Wahrheit, bangen Politiker um ihre Existenz, und manche Partei beißt am Abend ins Gras. Den Siegern aber gehört das Land mit allen seinen Bewohnern, und die Stärksten und Schönsten des Universums gratulieren zu diesem schönen Erfolg. Danach geht alles weiter wie zuvor.
Irgendwann aber oder in vier Jahren – je nachdem, was zuerst kommt – hält die Zeit erneut den Atem an, und der Erdball …
Pflanze: Eine Art Gegenstand. In seinem Roman »Das fliegende Wirtshaus« schreibt Gilbert Keith Chesterton: »Fünf Fenster eröffneten einen Ausblick über die bronzenen und purpurnen Herbstfarben des Parks und des Waldes. Weder ein Haus noch ein Lebewesen waren zu sehen.« Ähnlich unmissverständlich sagte es schon Friedrich de la Motte Fouqué in seiner Erzählung »Furio«: »Rings mit Ohr und Auge spähend, schritt er zwischen blühenden Gebüschen und Lauben auf schön gewundenen Stiegen immer weiter hinab, ohne eines Lebewesens zu gewahren.« Beide haben recht: Pflanzen laufen nicht, springen nicht herum, bellen nicht und sagen kein vernünftiges Wort – sie sind leblos wie manch Autors Birne.
Pflicht: Der Trost des Wurms, dass er wie ein Wurm leben muss.
Psychoanalyse: Ein Handwerk, das auf der Verdinglichung der Seele beruht und ihrer Reparatur dient, damit sie ihren Eigentümer während der Arbeit nicht länger stört und bei der gewünschten Abwicklung seines Lebens nicht weiter hinderlich ist.
Revision: Das Bestreben, ein Fehlurteil durch ein anderes zu ersetzen.
Spießer: Jemand, der in einer Welt des Chaos der Bohemien und Bürgerschreck wäre und der breiten Masse eine Ahnung von einem anderen Dasein gäbe.
UFOs: Gibt es wirklich. Es existieren glaubhaft Leute, die welche gesehen haben.
Wahlkreis: Eine verhexte Gegend, in der ein Politiker umgeht.
Wendehals: Ein Realist, der schneller umgelernt hat als man selbst.
Zwrgl : Der Prmpf m Wrktfx, dr äumiqqq
→ Anm. der Red.: Ausgerechnet dieser letzte Eintrag war unleserlich. Wir zitieren deshalb als Schlusspunkt das PPS des Begleitbriefs: »Wir Bomerts kommen und gehen, Ambrose Bierce bleibt bestehen!«
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