Zum Inhalt der Seite
Lyrik

Kriege, Morde, Käsefüße

Ein Roadtrip in Versen: »hallo niemand« von Yevgeniy Breyger

Foto: Moebius/Avant Verlag

Der Mensch braucht einen sicheren Stand, einen Halt in seinem Leben, von dem aus er die Welt betrachten, erkunden und verstehen kann, und er braucht einen inneren Kompass, um in Verbindung mit anderen Leuten zu treten und nicht orientierungslos sich selbst zu verlieren. Das ist eigentlich banal – und dass es ebendies nicht ist, erfährt man dann, wenn die eigene Welt plötzlich aus den Fugen geraten ist und man sich in einer neuen, ganz anderen nicht zurechtfindet: ja, nicht mehr weiß, wer man selber ist – wenn das Draußen fremd geworden ist und im eigenen Selbst Unsicherheit, Zweifel, Chaos herrschen.

So ungefähr ergeht es dem Erzähler in dem jüngsten Werk des auf deutsch schreibenden Dichters Yevgeniy Breyger. 1989 im ukrainischen Charkiw geboren und im Alter von zehn Jahren nach Deutschland gekommen, pflegte er, nachdem er in Hildesheim und Leipzig literarisches Schreiben studiert hatte, in seinen ersten Werken eine »barocke Sprache / fern von Alltag«: so sein 2023 nach dem russischen Einmarsch in seine alte Heimat gefälltes Urteil über das eigene frühere Schaffen.

Und nun? In seinem »Roadtrip in Versen«, den sein neuer Roman »hallo niemand« im Untertitel verspricht?

Ein namenloser Held, genannt nur »niemand«, reist in einem roten Audi durch Österreich und Deutschland; er gelangt von Wien nach einem Zwischenhalt in »klein gübs«, wo er in der Dorfkirche mit dem Pfarrer spricht – »du denkst zu laut«, bescheidet ihn der, »in der kirche wird nicht gedacht« –, über Berlin nach Hamburg.

Er gerät vor dem Reichstag in eine Demonstration, bei der Rechte und ­Linke »in verschiedene mikros das gleiche brüllen«, worin sich die eigene Orientierungslosigkeit, die des Erzählers spiegelt; er trifft an der Elbe auf die »verfluchten schmidts«, die »zwillinge harald und helmut«, womit in den Figuren des Spaßmachers und des Ernstmachers sowohl Sachzwangpolitik wie Satire personifiziert und als untauglich markiert sind; und er spricht mit dem jüdischen G’tt und dem Gott der Christen, die ihm beide nicht helfen können, zumal vielleicht nur – das reimt sich schön – »die stimme eines bots vom himmel« dröhnt statt der eines Gotts.

Auch Religion ist keine Lösung – also wird zu guter Letzt die alles Bestehende aushebelnde, beiseite wischende, die anarchistische und den Anarchismus parodierende Losung proklamiert: »niemand soll bundeskanzler werden, wählt niemand.« Eine Lösung ist das freilich auch nicht. Das Ende der Geschichte bleibt somit offen, und Breyger spielt auf den ewigen Juden Ahasver an, wenn er schreibt: »wie ihr wisst, ist meine heimat der weg, wie ihr wisst, bin ich verpflichtet, ewig zu rollen« – die Reise geht für immer und wohin auch immer weiter.

So leicht und grob lässt sich der Inhalt zusammenfassen und dessen tieferer Gehalt andeuten, die tiefe Verzweiflung über »kriege, morde / massenmorde (…) / vergewaltigungsopfer, kinderschändungen, aktienkurse / (…) terrortote« und aber auch »käsefüße« – immerhin mischt der Autor dem ins Wahllose ausufernden Grauen etwas Humor bei. Manchmal blitzt sogar Zutrauen in die Zukunft auf: »die ukraine würde gewinnen / (…) die hamas würde aufgeben / die israelischen truppen würden abgezogen werden, die siedler würden / abhauen« – nur eben im Konjunktiv II, dem Irrealis.

Auch die sprachliche Gestalt ist zunächst leicht benennbar: Es handelt sich um ein Gedicht in Langzeilen, ein kurzes Epos in manchmal durch Assonanz und Reim verbundenen Versen: »die welt ist ein herrlicher ort, die welt ist kein entbehrlicher ort / die welt ist ein bärchenwort und lebt im netz aus härchen fort« – ein Beispiel, dass die Sprache nicht barock und die Sache nicht fern vom Alltag sein muss und doch weit weg sein kann.

Dem hohen, akademischen Kunstanspruch entspricht ein erzählerischer Kunstgriff des in Wien als Senior Lecturer am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst literarisches Schreiben lehrenden Autors: Denn »Erzähler« ist vielleicht das falsche, jedenfalls ein ungenaues Wort, weil es mindestens zwei, womöglich drei Stimmen gibt: ein Ich, ein mit ihm rege kommunizierendes Du und gelegentlich ein Er (das die von außen gesehene erste Person sein dürfte).

Das hat Sinn, es spiegelt sich darin eine durch die politischen Zeitläufte tief verunsicherte, fragile, gespaltene Persönlichkeit, deren chamäleonähnliche Wandelbarkeit sich nicht zuletzt in da und dort aufblitzenden Formen wie »sprecher*in«, »frau*« und »m*ich« zeigt: »ich jude aus ukraine« ist am Ende auch »der queere jesus der realpolitik«, alles ist fluid und nichts fest und sicher.

Und kompliziert, muss man, die einfachen Weisheiten der Einleitung auf dieses Werk übertragend, sagen. Das einzige für den einzelnen ist vielleicht, als ein ungreifbarer Niemand gleich Odysseus, der so dem Zyklopen Polyphem entrann, heil davonzukommen. Und dann?

Yevgeniy Breyger: hallo niemand. Roadtrip in ­Versen. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026, 117 Seiten, 20 Euro

junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Beilage vom 18.03.2026, Seite 9, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!