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Aus: Ausgabe vom 21.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Wörterbuch des Teufels

Der Superlativ von »unausgegoren«

Endgültig letzte Aphorismen aus Ambrose Bierce’ Nachlass?
Von Peter Köhler
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Auf die Literatur: Gregory Peck als Ambrose Bierce in »Old Gringo« (1989)

»Ambrose Bierce found dead« – so lautete die Meldung, die erstmals 2018 durch die Weltpresse oder doch die deutschen Zeitungen, also wenigstens den Eulenspiegel und dann die junge Welt, ging: Der deutsche Anglist Markus Bomert wollte den Leichnam des berühmten Amerikaners, der 1914 spurlos verschwunden war, im Grand Canyon entdeckt und in dessen Taschen weitere Aphorismen gefunden haben. Die übertrug er in den Folgejahren ins Deutsche, angepasst an die Welt von heute, und gab sie als Ergänzungen von Bierce’ berühmtem »Wörterbuch des Teufels« aus. Später verschwand Bomert spurlos.

Seine Tochter Emma, ebenfalls Anglistin, verwaltete sein Erbe. Doch dann kündigte sie ihre Stelle und begründete den Schritt mit einer Definition, die sie in Bomerts Nachlass von Bierce gefunden haben wollte: »Arbeitsplatz: ein Virus, das bei den Befallenen Angst vor Arbeitsplatzverlust hervorruft, ernste Meinungs- und Haltungsschäden erzeugt, die körperliche und geistige Gesundheit ruiniert und die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft bildet«.

Emma Bomert begab sich ostwärts auf die Suche nach ihrem Vater und ist mittlerweile von Hongkong (die junge Welt berichtete) in die USA übergesetzt. Um die Weiterreise Richtung Grand Canyon, wo sie ihren Vater vermutet, zu finanzieren, hat sie unserer Zeitung – der Brief ist in Los Angeles gestempelt und jetzt per Nachnahme von der Redaktion bezahlt worden – die Erlaubnis erteilt, weiteres aus ­Bierce’ Nachlass von Bomert zu veröffentlichen.

Wir mögen, bittet sie uns, diese neuen, also alten Aphorismen dem bis jetzt publizierten Werk hinzufügen oder »aufaddieren: das bekannte Gegenstück zum weniger gebräuchlichen abaddieren«. Gleich, ob nun spätere Forschung Bomerts Übertragungen Bierce’ Schaffen aufaddiert oder abaddiert – wir drucken nachstehend den vielleicht letzten Auszug aus ­Bierce’ Nachlass von Bomert.

*

aufwachen: Sich bereitmachen zu allerlei Fehlern und Dummheiten.

Bit: Weniger als ein Byte, siehe dieses.

Bitcoin: Geld, das nicht einmal Papierwert hat, wenn der Strom abgestellt wird.

Börsengang: Die legale Möglichkeit, sich fremdes Geld anzueignen.

Byte: Mehr als ein Bit, siehe dieses.

Datenautobahn: Eine hochmoderne Verkehrsverbindung; die Staus verursachen die anderen Idioten.

Desinformation: Name der Information, wenn sie den eigenen Zielen entgegenwirkt.

Dieb: Der Besitzer; so steht es im Gesetzbuch, dem Bürgerlichen.

erfolgreich: Gut, wahr und schön zugleich.

Evolution: Eine geheimnisvolle, historisch wirksame Kraft, die bewirkt, dass Menschen Schwimmhäute zwischen den Fingern haben, aus einer Zeit, als ihre frühen Vorfahren im Wasser lebten, und aus der Zeit, als sie Affen waren … das können Sie sich denken, oder?

Feigling: Jemand, der mutig den Erwartungen seiner Umgebung trotzt. Kühn verachtet er die Schande, zieht entschlossen Leine und bleibt tapfer zu Hause, wo er gemütlich an den Krieg denkt, während die anderen draußen vom Frieden träumen.

frei: Gezwungen, Fehlentscheidungen selber treffen zu müssen.

Gefängnis: Jener Ort, wo ein Mensch sich läutern und zum Guten kehren kann, indem er von der bürgerlichen Gesellschaft ferngehalten wird.

gütig: Gefällige Bezeichnung für einen, der gefällig ist.

Illusion: Kommt auch im Lexikon vor der »Investition«.

innovativ: Superlativ von »unausgegoren«.

Internet: Ein unentbehrliches Informationsmedium, das vorher niemand vermisst hat.

Jom Kippur: Der Tag, an dem alle innerhalb eines Jahres begangenen Sünden vergeben werden. Man braucht Platz für neue.

Kannibale: Person ohne Vorurteile in der Ernährung.

Kandidatur Der Versuch, das passive Wahlrecht zu missbrauchen.

konservativ: Bestrebt, riskanten Neuerungen zu wehren, um gewohnten Missständen die Treue zu halten.

Kosten: Der oberste Posten im Kosten-Nutzen-Denken.

Kurswechsel: In Anlehnung an Ambrose Bierce gesagt: eine der Gezeiten jedes Politikers, der der Anziehungskraft der Macht unterliegt.

Läuterung: Die Einsicht, seinen Charakter künftig besser zu verbergen.

Lobby: Ein Interessenverband, der die Interessen seines Verbandes vertritt, damit seine Interessen genügend Berücksichtigung außerhalb des Interessenverbandes finden, wo die Interessen des Verbandes nichts zu suchen haben, und das zu Recht – eben deshalb gibt es den Interessenverband.

Macht: Die Berechtigung, den Besseren, Klügeren und Tüchtigeren zu befehlen.

Magen: Das andere Organ, mit dem der Mensch denkt. Das eine liegt tiefer.

Maßlosigkeit: Lebensdevise der Asketen.

Mitarbeiter: Ein Sklave, der sich für etwas Besseres hält. Nicht wahr?

Mitläufer: Jene 65 Millionen Deutsche, die nach dem 9. Mai 1945 zu Demokraten wurden.

Moral: Das Gefängnis, in dem die Anständigen einsitzen.

Narzissmus: Liebe ohne Nebenbuhler.

Nostalgie: Der Wunsch, dass doch bald wieder früher wäre.

Obduktion: In der modernen Aufmerksamkeitsökonomie die Chance eines jeden, endlich einmal im Mittelpunkt zu stehen.

Parlament: Ein Inkubationsherd, in dem Gesetze ausgebrütet werden.

Philologie: Eine an deutschen Universitäten betriebene Geheimlehre, die ihre Jünger lehrt, Überflüssiges unverständlich auszudrücken.

Raub: Das einzige Geschäft, bei dem der Kunde besser abschneidet.

Schriftsteller: Lebewesen, das am Anfang der Nahrungskette von Verlag, Druckerei und Buchhandel steht. In seinen eigenen Augen ein Schöpfergott; aus Sicht des Verlags ein Dienstbote.

Shakespeare: Schriftsteller, der nicht schreiben konnte und trotzdem Meisterwerke schuf. Die anderen machen es umgekehrt.

Toleranz: Freundliche Haltung von Menschen, denen die unfreundlichen Machtmittel vorerst fehlen.

umändern: So viel wie abändern, anändern, aufändern, beändern, durchändern, einändern, herumändern, hochändern, rausändern, reinändern, wegändern, zerändern, zuändern, in einem Wort: ändern.

Umschulung: Der Wechsel von einem Beruf, der überflüssig geworden ist, zu einem anderen, der einen überflüssig machen wird.

Umverteilung: »Es gibt immer weniger zu verteilen«, klagen Politiker. Zu Recht, die unten haben ja kaum noch etwas.

Unkenntnis: Nützlicher Impfstoff, der bei Kontakt mit der Justiz vor einer Infektion mit Schuld schützt.

Verbrechen: Die Kunst der Tat: Die perfekte Ausführung ist alles.

vorsichtig: Sich bewusst, dass man im Geschäftsleben wie in der Politik von sich auf andere schließen muss.

Wert: Die Seele einer Ware, im Unterschied zum Menschen.

Wertpapier: Sammelbegriff für Aktien, Anleihen und Zertifikate. Insbesondere Aktien sind das Mittel der Wahl für Leute, denen ihr Sparkonto, auf dem sich das Geldvermögen wegen der Teuerung allmählich verringert, zu langsam ist.

Für die richtige Haltung fehlen den meisten Leuten allerdings die nötigen Grundkenntnisse. Hier das Wichtigste: Umgang mit Aktien: Aktien sind wertvoll, aber pflegeleicht; wöchentliches Abfeudeln und Bohnern genügt. Unterschiede: Es gibt Stammaktien, Belegschaftsaktien, Volksaktien, Vorzugsaktien u. a. m. Volksaktien darf man in die Hand nehmen. Vorzugsaktien isst man mit Messer und Gabel.

Wiedersehen: Die zweite Auflage eines Stumpfsinns.

Z: Name der letzten Generation – außer in Deutschland: Hier folgen noch die Generationen Ä, Ö, Ü und ß.

Zeugung: Die Verurteilung eines Delinquenten zum Leben.

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