Zum Inhalt der Seite
Faschsimus

Welcher Ausnahmefall?

Dringend nötig: Kurt Pätzolds Buch »Faschismusdiagnosen« ist neu erschienen

Foto: Ronny Marzok/Eulenspiegel Verlagsgruppe
Faschismus verstehen: Kurt Pätzold (3. Mai 1930 bis 18. August 2016)

Am 18. August 2016 starb Kurt Pätzold im Alter von 86 Jahren. Der langjährige jW-Autor war einer der bedeutendsten deutschen Historiker und Faschismusforscher seiner Zeit. Aus Anlass des zehnten Todestages veröffentlichte der Deutsche Militärverlag eine Neuausgabe seines 2015 erschienenen Buches »Faschismusdiagnosen. 1922 bis 1964. 62 Texte von 26 Autoren«. Deren Liste reicht von Amadeo Bordiga (»Ursprünge und Anfänge der faschistischen Bewegung«, 1922), Georgi Sinowjew (»Die Ursachen des Sieges des Faschismus«, 1922) und Clara Zetkin (»Die Differenz zwischen weißem Terror und Faschismus«, 1923) über Max Horkheimer/Theodor W. Adorno (»Der Platz des Antisemitismus in der Politik des deutschen Faschismus«, 1944/1947), Hannah Arendt (»Der Antisemitismus in der Ideologie des der deutschen Faschisten«, 1951) bis zu Wolfgang Heise (»Demagogie, Vorurteil und die im Faschismus freigesetzte Bestialität«, 1964) und zum öfter herbeigezogenen Georg Lukács mit unter anderem »Der weltgeschichtliche Ort des (deutschen) faschistischen Regimes (1945)«. Der Österreicher Gerhard Oberkofler hat einen »Nachsatz« zur Neuausgabe beigesteuert. Ein Ziel der Publikation sei, schreibt Verleger Frank Schumann im Vorwort, »zum Lesen der vollständigen Aufsätze, Artikel, Beschlüsse und Aufrufe« anzuregen.

Das ist dringend nötig. Denn wie Pätzold in seiner Einleitung schreibt, sei der Begriff »Faschismus« offenkundig »aus Deutschland, genauer Deutschland-West, erfolgreich deportiert worden« (oder wird begriffslos, also lächerlich wahllos verwendet), und das »zu demagogischen Zwecken benutzte Etikett« »Nationalsozialismus« klebe wieder fest, wenn auch zu anderen Zwecken als vor 100 Jahren und davor. Max Horkheimer müsste heute seinen Satz von 1939 »Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen« umformulieren in: »Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Nationalsozialismus schweigen.«

Anzeige

Der Text Pätzolds konzentriert sich auf drei Punkte, die so etwas wie die Quintessenz seiner Forschung enthalten. Erstens der für die Zeitgenossen offensichtliche Zusammenhang von Faschismus und Kapitalismus, demgegenüber heute etwa vom »Ausnahmefall« die Rede sei. Zweitens analysiert er sorgfältig die sogenannte Dimitroff-Definition des »Faschismus an der Macht« und ihres »Lochs«, der Tatsache, dass die Faschisten sich »auf eine nach Millionen zählende Gefolgschaft stützen konnten«, also nicht nur mit Terror agierten. Und schließlich gegen die heute verbreitete »formelhafte Verkürzung des faschistischen Deutschen Reiches auf ein ›judenmörderisches System‹«: In keiner Phase der Eroberungen vom Atlantik bis zum Kaukasus »sind Judenverfolgung und Judenmorde vor den Plan der Schaffung des Großgermanischen Weltreiches gerückt«. Die Verkürzung diene vor allem dem oben genannten Etikettenschwindel. Daran hat sich nach elf Jahren wenig geändert.

→ Kurt Pätzold: Faschismusdiagnosen.1922 bis 1964. 62 Texte von 26 Autoren. Mit einem Nachsatz von Gerhard Oberkofler. Deutscher Militärverlag, Berlin 2026, 145 Seiten, 14 Euro

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 18.08.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Gerd-Rolf Rosenberger aus Bremen 19. Aug. 2026 um 14:29 Uhr
    Nach der sogenannten Wende 1990 haben es Schulbuchverlage und die Kultusbürokratie verboten, in den Geschichtsbüchern den historischen Begriff Faschismus zu verwenden. Bis zum heutigen Tag wird ausschließlich vom »Nationalsozialismus« schwadroniert. Ob in den Geschichtsbüchern der Oberschulen, oder auch an den Universitäten, die sich mit der verhängnisvollen Geschichte des Nazifaschismus beschäftigen; fast ausschließlich wird der Propagandabegriff der Nazis, »Nationalsozialismus« benutzt. Der Begriff Faschismus ist aus Deutschland-West äußerst erfolgreich »deportiert« worden. Der Philosoph Max Horkheimer müsste/würde heute seinen Satz von 1939 umformulieren in: »Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom ›Nationalsozialismus‹ schweigen.«
    Mit den Morden an Rosa und Karl, 5000 Arbeiterinnen, Arbeitern wurde die Novemberrevolution 1918 im Blut erstickt. Es war die Geburtsstunde des deutschen Faschismus aus der Gegenrevolution. Die sog. Deutsche Arbeiterpartei mit ihren 55 (!) Mitgliedern führte Ende Februar 1920 eine erste größere Versammlung durch, in der Hitler – unangekündigt – den Namenszusatz »Nationalsozialistisch« und das 25-Punkte-Programm verkündete. Karl Marx, Friedrich Engels allein erarbeiteten Mitte des 19. Jahrhunderts die wissenschaftliche Theorie des Sozialismus. Zeitzeugen wie Walter Ruge, Max Reimann, Kurt Bachmann, Emil Carlebach und Hermann Axen, mutige Antifaschisten, viele Jahre inhaftiert in den faschistischen Zuchthäusern und KZ, benutzten nie die verschleiernde Selbstbenennung »Nationalsozialismus«. Die politische Klasse dieses Landes und seine Historiker lieben diesen Begriff, weil er Sozialisten und Kommunisten begrifflich vereinnahmt. Wir dürfen niemals die Sprache und den Wortschatz der politischen Klasse des Werte-Westens übernehmen!
    • Herbert Leonhardt aus Friedrichroda 21. Aug. 2026 um 10:52 Uhr
      Sehr gut beschrieben, danke für diese Meinung.
  • Onlineabonnent*in Kurt W F. aus L. 17. Aug. 2026 um 21:51 Uhr
    Viele seiner Schriften sind digitalisiert zu finden auf: Philosophie digital 2.0. Übrigens auch die seines Freundes und Kollegen Manfred Weißbecker.
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!