Beim Durchkämmen der Wüste
Ein Leben für den Gag: Zum 100. Geburtstag des großen Nicht-nur-Klamauk-Künstlers Mel Brooks
Für ihn kommt der Lacher immer zuerst. Anders hätte er wohl auch nicht seine fundierte Kritik an Unterdrückung, Rassismus und Nazismus unter die Massen bringen können. Sein Name steht für ein Kino, das sich für keinen noch so unter die Gürtellinie gehenden Gag zu schade ist, und sich zugleich der großen Fragen der Conditio humana annimmt. An diesem Sonntag wird Mel Brooks 100 Jahre alt.
Als Sohn jüdischer Einwanderer – der Vater aus Danzig, die Mutter aus Kiew – wuchs Melvin James Kaminsky in einem Mietkomplex im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf. Ab seinem zweiten Lebensjahr ohne Vater. Ihn prägten die Lieder von Bing Crosby, bunte und laute Broadway-Shows sowie Filme von Buster Keaton, Charlie Chaplin, den Marx Brothers und den Ritz Brothers. Deren Präzision, anarchischer Humor, Gesang und Grimassen wurden für Mel Brooks ein leuchtendes Beispiel. Erste Bühnenerfahrung sammelte er in den Catskill Mountains, auch bekannt als »Jüdische Alpen«. Um nicht verwechselt zu werden, änderte er seinen Namen in Melvin Brooks. Als in einem Feriendomizil ein Schauspieler in ein Loch fiel und die Show aus, sprang der kleine Mel kurzerhand ein, da er das Stück auswendig konnte. Zumindest erzählte Brooks das später gerne. Geld dazu verdiente er sich damals mit Schlagzeugspielen.
Seiner Kindheit machte Hitler ein Ende. Mit 17 Jahren trat Mel Brooks der US-Armee bei, wurde für den Artilleriedienst ausgebildet und landete schließlich an der europäischen Westfront. Er nahm als Minensucher unter anderem an der Ardennenschlacht teil. Über seine Motivation, sich zum Kriegsdienst zu melden, sagte er später: »Es war der letzte gute Krieg. Ich werde alle Nazis töten.« Zunächst diente er im Special Service der US-Armee zur Unterhaltung der Truppe und nach Kriegsende als Gagschreiber für Sid Ceasar, Frontmann der populären Sketchsendung »Your Show of Shows« (1950–1954). Der Film »Ein Draufgänger in New York« von 1982 basiert lose auf diesen Jahren.
Damals begegnete Brooks auch Carl Reiner (1922–2020). Ihre Freundschaft hielt ein Leben lang. Gemeinsam erfanden sie die Comedynummer des »2.000 Jahre alten Mannes«. Was als privater Partygag begann, wurde zum Megahit auf Schallplatte und im Fernsehen. Reiner spielte den Reporter, Brooks musste sich als Figur, die seit Geburt Jesu auf Erden wandelt, immer neue Antworten ausdenken. Mit dem Ende von »Show of Shows« stand Brooks ohne Einkommen da. Gutes Geld verdiente er erst wieder, als er zusammen mit Buck Henry die Idee für »Get Smart« hatte, eine Parodie auf James Bond. »Noch nie zuvor hatte jemand eine Serie über einen Idioten gedreht«, zitierte ihn das Time Magazine 1965.
Brooks konnte Ceasar nicht davon überzeugen, ihren Humor auf die große Leinwand zu bringen. Also schrieb er allein an seinem ersten Drehbuch. Arbeitstitel: »Frühling für Hitler«. Darin kommen der schmierige Broadway-Produzent Max Bialystock (Zero Mostel) und dessen Buchhalter Leo Bloom (Gene Wilder) auf die Idee, einen Flop zu produzieren, um richtig reich zu werden. »Wenn man einen Pinselstrich Hitler hinzugibt, wird es ein Hit«, erklärte Brooks. An den Kinokassen floppte der Film 1967 zunächst. Erst als ihn der britische Komiker Peter Sellers sah und so begeistert war, dass er aus eigener Tasche eine fette Werbekampagne finanzierte, wurde »The Producers« zum Oscar-prämierten Hit. Anders »Die zwölf Stühle« (1970), eine Verfilmung des gleichnamigen Romans der sowjetischen Schriftsteller Ilja Ilf und Jewgeni Petrow über Leute, die nach einem Stuhl suchen, in dem sich ein Haufen Diamanten verstecken soll.
Es dauerte vier Jahre, bis »Blazing Saddles« (»Der wilde wilde Westen«) in die Kinos kam. Die Geschichte über einen schwarzen Sheriff (Cleavon Little) und einen weißen Revolverhelden (Gene Wilder), die sich mit allen anlegen, strotzt vor vulgärem Humor, Anachronismen und beißender Satire. Noch im selben Jahr erschien »Young Frankenstein«, mit dem sich Wilder und Brooks einen Klassiker des Monsterkinos vorknöpften. Das Drehbuch schrieben sie zusammen, Brooks übernahm die Regie und Wilder die Hauptrolle des Dr. Frederick Frankenstein, jüdischer Enkel des Originals. Penibel hält sich der Film an die Vorlage von James Whale, doch der zotige bis geniale Witz ist ganz Brooks und Wilder. Brooks erklärte auf die Frage, ob der Film auch gruselig sei: »Es ist nur dann furchterregend, wenn keiner lacht.«
Der Stummfilm »Silent Movie« (1967) kommentierte die Übernahme Hollywoods durch Industriekonzerne. »High Anxiety« (1977, »Höhenkoller«) persiflierte Hitchcocks Meisterwerke wie »Vertigo« von 1958. Legendär wurde die Szene in »History of the World, Part I« (»Mel Brooks’ verrückte Geschichte der Welt«, 1981) über die spanische Inquisition. Begleitet von einem Chor und einem Ensemble von Synchronschwimmerinnen singt und lacht Brooks über die Gewalt der Folterknechte. »Es gibt nichts, was nicht Gegenstand der Komödie sein könnte«, entgegnete er Kritikern.
Der Name Mel Brooks wurde zur Marke, im Deutschen sogar meist Teil der Filmtitel. Um trotzdem auch ernste Filme vermarkten zu können, gründete Brooks die Firma Brooksfilms. Mit ihr förderte er junge Talente wie David Lynch, dem er als Regiedebüt »Der Elefantenmensch« (1980) anvertraute, und ließ David Cronenberg »Die Fliege« (1986) drehen. »Life stinks« (»Das Leben stinkt«, 1991), eine Komödie über Obdachlosigkeit in den USA, floppte. Populär wurden dagegen Brooks’ »Star Wars«-Parodie »Space-balls« (1987) und die Robin-Hood-Verarsche »Men in Tights« (»Männer in Strumpfhosen«, 1993). »Dracula: Dead and Loving it« (»Dracula: Tod aber glücklich«) von 1995 ist zugleich Persiflage und Hommage an Francis Ford Coppolas Bram-Stoker-Verfilmung (1992). Seine alberne Version der Weltgeschichte erzählt Brooks mittlerweile beim Streamingdienst Hulu weiter, während er die Werbetrommel für den nächsten »Spaceballs«-Film rührt, der 2027 erscheinen soll.
»Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarettenfabrik«, sang Kristof Schreuf. Vielleicht nur das noch: Wie kaum einer hat Brooks den Jewish Joke groß gemacht. Und ist viel cooler als Woody Allen. Jetzt aber: Schluss.
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