Spiel über Bande
Der Krieg der USA und Israels gegen Iran zielt auf eine umfassendere regionale Transformation mit Kontrolle über die Energiequellen der Golfstaaten
Iran ist nicht das eigentliche Ziel dieses Krieges. Diese Feststellung mag angesichts der Bilder von brennenden Anlagen in Isfahan, zerstörten Flugabwehrstellungen und eines toten Revolutionsführers paradox erscheinen. Doch die seit dem 28. Februar 2026 anhaltende Eskalation zwischen den USA, Israel und der Islamischen Republik lässt sich kaum verstehen, wenn man Iran als Endpunkt der US-israelischen Kriegführung begreift. Plausibler ist eine andere Lesart: Iran fungiert als Schaltfeld einer weit umfassenderen regionalen Transformation.
Wird ein solches Schaltfeld aktiviert, öffnet sich ein Bündel von Anschlussräumen: der Irak, die Straße von Hormus, Saudi-Arabien, die Golfstaaten, Jordanien, Israel und mit ihnen die globale Energieversorgung. In dieser Lesart wird die naheliegende Frage – Wie lässt sich Iran militärisch besiegen? – zur falschen Frage. Entscheidend ist nicht der kaum erreichbare Sieg über Teheran, sondern welche politischen, territorialen und infrastrukturellen Verschiebungen sich durch die Aktivierung dieses Schaltfeldes in der Region vollziehen lassen.
Irans Unbezwingbarkeit
Die Vorstellung, der Iran-Krieg ließe sich militärisch durch die USA gewinnen, übersieht eine strukturelle Tatsache: Iran ist kein Land, das sich besetzen oder dauerhaft kontrollieren lässt. Die Fläche ist zu groß, das Gelände zu zerklüftet, die Bevölkerung mit über 90 Millionen Menschen zu groß für eine Besatzungsmacht, die im Irak damit scheiterte. Hinzu kommt, dass Iran über eine der modernsten Streitkräfte der Welt verfügt – modern nicht im Sinne teurer Plattformen wie Kampfjets oder Kriegsschiffe, sondern im Sinne dessen, was als Wirkmittelkriegführung beschrieben werden kann: billig zu produzierende Drohnen und Raketen, die, ohne auf teure Startplattformen angewiesen zu sein, in großer Zahl billig verschossen werden können.
Irans relative Unbezwingbarkeit spricht dafür, das Land als Schaltfeld statt als Eroberungsraum zu verstehen. Ein Schaltfeld muss nicht eingenommen werden, um Wirkung zu entfalten – es muss nur aktiviert werden. Diese Aktivierung öffnet mehrere Anschlussräume zugleich; einer ihrer Hauptzielpunkte ist der strategische Tausch, der die Stärkung Irans bewusst in Kauf nimmt, um im Gegenzug Zugriff auf Saudi-Arabien und die anderen arabischen Golfstaaten zu gewinnen. Iran war dem unmittelbaren US-Zugriff schon vor Kriegsbeginn weitgehend entzogen; ein Land, das ohnehin außerhalb der eigenen Einflusssphäre lag, lässt sich verhältnismäßig kostengünstig endgültig aufgeben. Der Irak, seit Jahren das politische Vorfeld Teherans, dürfte sich durch den Krieg weiter an Iran annähern.
Was auf den ersten Blick wie ein Kontrollverlust aussieht, gleicht also dem Tausch von Figuren auf dem Schachbrett: Iran und perspektivisch Irak werden geopfert, weil im Gegenzug eine wertvollere Position gewonnen wird – der Zugriff auf die Öl- und Gasquellen Saudi-Arabiens und der anderen arabischen Golfstaaten, ihre Terminals, Pipelines und Exportkorridore.
Die iranische Vergeltung folgt seit Kriegsbeginn einem erkennbaren Muster: Teheran beantwortet Angriffe auf eigenes Territorium nicht nur gegen die USA und Israel, sondern auch gegen jene Golfstaaten, in denen die amerikanische Militärpräsenz am Golf verankert ist. Damit trifft die Eskalation jene Staaten, deren Macht auf hochverwundbarer Infrastruktur beruht: Verflüssigungsanlagen, Entsalzungswerke, Hafenterminals, Pipelines. Billige Drohnen und Raketen stehen Anlagen gegenüber, deren Ausfall Volkswirtschaften erschüttern und deren Wiederaufbau Jahre dauern kann. So schwächt jeder weitere militärische Schlagabtausch vor allem die Machtzentren Saudi-Arabiens und der arabischen Golfstaaten selbst.
Die Golfstaaten erscheinen in diesem Krieg nicht als Akteure mit eigener Handlungsmacht, sondern als jener Anschlussraum, den die Aktivierung des Schaltfeldes Iran in Brand setzt – Wirkungsort eines amerikanischen Kalküls, dessen Mechanik sichtbar wird.
Eskalationsmechanik
Diese Mechanik ist bislang nur angedeutet. Der bisherige Schlagabtausch hat die Verwundbarkeit der Golfstaaten zwar sichtbar gemacht, sie aber noch nicht strukturell gebrochen. Dafür bräuchte es einen längeren, größeren Krieg – womöglich bis hin zum Einsatz amerikanischer Bodentruppen im Iran. Ein solcher Bodentruppeneinsatz wäre nicht auf Eroberung, sondern auf die bewusste Provokation einer iranischen Großoffensive angelegt, die ihrerseits die Golfstaaten als logistische Rückzugsräume der USA ins Visier nähme.
Damit stellt sich die entscheidende Frage: Wer hätte ein Interesse daran, eine solche Eskalationsmechanik politisch zu nutzen? Die Frage, wer in diesem Krieg die Strategie bestimmt, wird in der westlichen Debatte oft zugunsten Israels beantwortet. Ein Kommentar im Guardian etwa stellte fest, Trump habe keinen Plan, Netanjahu dagegen schon.
Plausibler ist das Gegenteil: Washington setzt die Agenda, Israel vollzieht sie. Das gilt auch für jenes Projekt, das in Israel selbst als »Groß-Israel« diskutiert wird – eine religiös-territoriale und geopolitische Vision, die weit über die besetzten Gebiete hinausreicht und Israel als zentralen Knotenpunkt einer neuen Kontroll- und Energiearchitektur der Region positioniert. Doch gerade diese Rolle kann Israel nicht aus eigener Kraft ausfüllen. Militärisch, wirtschaftlich und diplomatisch bleibt es von amerikanischer Unterstützung abhängig.
Darin liegt kein Widerspruch, sondern die Funktion Israels in dieser Ordnung: Der zionistische Staat soll nicht eigenständig herrschen, sondern als amerikanisches Außenwerk jene unmittelbare Konfrontation und Kontrolle übernehmen, die Washington selbst nur begrenzt offen ausüben kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die bisherigen Machtzentren am Golf geschwächt und an Israel angebunden werden. Erst wenn Saudi-Arabien und die Golfstaaten ihre eigenständige Stellung verlieren, kann Israel als regionaler Knotenpunkt einer neuen Kontroll- und Energiearchitektur auftreten.
Diese infrastrukturelle Frage führt zurück zur Straße von Hormus. Der strategische Tausch von Iran und Irak gegen die Energiezentren der arabischen Golfstaaten hat eine konkrete Gestalt: den Versuch, Öl- und Gasflüsse aus der Geiselhaft der Straße von Hormus zu lösen und über Land- oder Nebenrouten an das Rote Meer oder das östliche Mittelmeer umzuleiten.
Genau hier setzt die bereits bestehende US-dominierte Korridorlogik an. Formal multilaterale Projekte wie der India–Middle East–Europe Economic Corridor (IMEC) tragen diese Logik in sich, ohne sie offen zu benennen: Initiiert mit aktiver US-amerikanischer Beteiligung, übersetzen sie die amerikanische Sicherheitsarchitektur in Pipelines, Schienen und Hafenkapazitäten. Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien erscheinen darin nicht mehr nur als Staaten, sondern als mögliche Durchleitungsräume. Der Zugriff auf die »wertvollere Position« am Golf bedeutet dann konkret: Zugriff auf jene Landverbindung, die saudisches und jordanisches Territorium zur Durchleitungsstrecke einer von den USA kontrollierten Mittelmeeranbindung macht.
Zugriff auf Saudi-Arabien
Der Tausch von Iran und Irak gegen den Golf bedeutet damit zugleich die Notwendigkeit eines strategischen Zugriffs auf Saudi-Arabien selbst. Diese Notwendigkeit ist zunächst geographischer Natur: Gibt man den Irak als Einflusszone auf, fällt damit jene Landbrücke weg, die – etwa über die Türkei – eine Alternative zur saudisch-jordanischen Route bieten könnte. Was als Verlustposten im Tausch erscheint, schließt damit zugleich den einzigen Umweg, der einen Zugriff auf Saudi-Arabien selbst entbehrlich gemacht hätte. Der Korridor zum Mittelmeer kann dann nur noch über saudisches und jordanisches Territorium verlaufen – nicht im Sinne territorialer Vollkontrolle, sondern als Verfügungsgewalt über jene Knotenpunkte, an denen Energiequellen, Pipelines und Häfen liegen. Eine Form des Zugriffs, die sich, sollte die gegenwärtige Eskalationslogik anhalten, auch in einer punktuellen militärischen Präsenz an genau diesen Stellen ausdrücken könnte.
Wenn der Iran also als Schaltfeld statt als Ziel der US-Aggression gelesen wird, erscheint die Schwächung der Golfstaaten nicht länger als Nebenwirkung des Krieges, sondern als Teil seiner strategischen Logik. Eine weitere Kriegseskalation erledigt, was die USA selbst nicht offen betreiben könnten – Iran schwächt im Zuge seiner Vergeltung jene Energieanlagen, Häfen und Exportwege, auf denen die Macht der Golfstaaten beruht. In den so geschwächten Golfstaaten und in Saudi-Arabien kann Israel als US-dominierte Ordnungsmacht installiert werden – nach außen verkauft als Verwirklichung des fundamentalistisch-religiösen Projekts eines »Groß-Israels«, tatsächlich aber als US-amerikanisches Außenwerk, das die strategische Kontrolle Washingtons über den Golf vollzieht.
Die Golfstaaten sitzen damit in einer Falle, aus der es innerhalb der bestehenden Bündnislogik kaum ein Entkommen gibt. Der amerikanische »Schutz« bewahrt sie nicht vor der Eskalation, sondern bindet sie an jene Macht, die sie immer wieder in Eskalationen hineinzieht. Zugleich können sie auf diesen Schutz nicht verzichten, weil sie ohne ihn iranischer Vergeltung noch schutzloser ausgesetzt wären. Je verwundbarer sie werden, desto notwendiger erscheint also genau jenes Schutzversprechen, das ihre Verwundbarkeit mitproduziert. Der einzige Ausweg läge in einer regionalen Verständigung mit Teheran – also ausgerechnet mit jenem Akteur, vor dem Washington sie zu schützen verspricht. Dass dieser Schritt politisch kaum vorstellbar ist, zeigt die Geschlossenheit der Falle.
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