Versuch einer Abrechnung
Von Kai Köhler
Eine neunte Sinfonie zu schreiben, ist für viele Komponisten etwas Besonderes. Beethovens Monumentalwerk, das mit Einbeziehung von Gesangssolisten und Chor die Grenzen der Gattung erweiterte, gibt die Bedeutung dieser Nummer vor. Man kann – wie Dmitri Schostakowitsch mit seinem kaum halbstündigen, schlank instrumentierten Beitrag – einen Gegenentwurf wagen. Zahlreicher sind die Versuche, eine Sinfonie zu schreiben, die die vorangegangenen acht an innerem und äußerem Gewicht übertrifft.
Zu ihnen zählt Hans Werner Henzes Sinfonia No. 9. Sie ist der mit Abstand längste seiner zehn Gattungsbeiträge, und als einzige fordert sie einen Chor. Zugleich ist auch sie ein Gegenentwurf, mindestens zur Wirkungsgeschichte von Beethovens Neunter. Das »Alle Menschen werden Brüder« wurde und wird von Regimes ganz unterschiedlicher Couleur zur Selbstfeier benutzt; und wenn’s mal nicht um Politik geht, wird Beethovens Komposition gerne zum fröhlichen Neujahrsbegängnis reduziert.
Diese Gefahr besteht bei Henzes Neunter nicht. Sie ist »den Helden und Märtyrern des deutschen Antifaschismus gewidmet«. Textgrundlage ist der Roman »Das siebte Kreuz« von Anna Seghers. Seghers beschreibt die Flucht von sieben Häftlingen aus einem KZ. Der Lagerkommandant droht, dass sie alle wieder gefangen werden, und lässt sieben Querbretter an Bäumen befestigen, um die Opfer daran zu kreuzigen. Einem aber gelingt es, sich ins Ausland abzusetzen, und das frei gebliebene Kreuz wird zum Symbol einer faschistischen Niederlage.
Natürlich ist ein Romantext für eine Sinfonie nicht unmittelbar zu gebrauchen. Der erprobte Librettist Hans-Ulrich Treichel hat für die sieben Sätze des Werks sieben lyrisch verdichtete Stationen geschrieben. Sie weisen mehr oder minder verständliche Bezüge auf Szenen des Romans auf. Bei diesem Verfahren tritt Seghers’ Schilderung der Gesellschaft im Faschismus ebenso in den Hintergrund wie politische Konkretionen. Auch dass der entkommene Flüchtling Georg Heisler Kommunist ist, fällt weg. In den Vordergrund treten dagegen Szenen des Schreckens, der Angst, auch des Entsetzens; Henze schrieb von einer »Apotheose des Schrecklichen und Schmerzlichen«, dem »Versuch einer Abrechnung mit einer willkürlichen, unberechenbaren, uns überfallenden Welt«.
Gleich der erste Satz, »Die Flucht« ist »in großer Erregung« vorzutragen. Der Chor stößt anfangs nur Wortfetzen aus: »Nur weiter … Luft … keine Luft … ich habe Angst …« Entsprechend gehetzt klingt die Musik, in die sich später verschrägte Walzerklänge mischen, als feiere eine denunziationsbereite Volksgemeinschaft. Der dritte Satz dann ist ein brutaler Marsch. Henze will den Zusammenhang von Gewalt und Bürokratie hörbar machen: Das Schlagzeug, verlangt er, soll »so stark wie möglich an die (von einem Laien getippte) Geräusche einer (Polizei-) Büroschreibmaschine erinnern.«
Das 1997 uraufgeführte Werk ist selten zu hören. Das liegt sicherlich an der unbequemen Thematik und auch daran, dass es mit beinahe einer Stunde Länge das Hauptwerk eines Konzerts ist und wenig Raum für Kompositionen lässt, die Publikum ziehen. Auch am 24. Februar in der Berliner Philharmonie überlagerte die Sinfonie die beiden kurzen Stücke, die vor der Pause gespielt wurde, nämlich die 1. Leonoren-Ouvertüre von Beethoven und das »Schicksalslied«, eine Hölderlin-Vertonung von Brahms. Problematisch ist in einigen Passagen der Sinfonie zudem, wie Henze das sehr große Orchester und den Chor einsetzt. Da geschieht vieles gleichzeitig, und alles mit maximalem Ausdruck. Das führt dazu, dass der musikalische Verlauf nicht einfach zu erfassen ist, zumal die einzelnen Schichten klangfarblich nicht immer deutlich voneinander abgesetzt sind.
Die Berliner Aufführung mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor Berlin unter Vladimir Jurowski stellte dennoch eindrucksvoll heraus, was die Sinfonie an Plastizität bietet. Die klangliche Härte besonders der vom Schlagzeug geprägten Abschnitte wurde ebenso hörbar wie die melodischen Bestandteile, die trotz des ruppigen ersten Eindrucks in dem Werk reichlich vorkommen. Henze verschmäht den Gebrauch traditioneller Ausdruckscharaktere nicht, und selten war er einer musikalischen Neoromantik so nahe wie in dieser sehr deutschen Sinfonie. Jurowski und seine Ensembles beweisen, dass sich Deutlichkeit und Emphase keineswegs ausschließen. Das gilt für die aggressiven, katastrophischen Abschnitte ebenso wie für den insgesamt ruhigeren Schlusssatz, »Die Rettung«, in dem freilich das Vorangegangene unruhig nachwirkt. Das Konzert ließ das stellenweise Problematische des Werks vergessen. Es kam einer idealen Interpretation erstaunlich nahe.
Nächste Aufführung: 31. Mai beim Musikfest, Elbphilharmonie Hamburg
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