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Komische Kunst

»Komik wird in Deutschland oft als etwas Minderwertiges angesehen«

Über die Arbeit hinter guten Gags, seinen peinlichsten Auftritt und melancholische Komiker. Ein Gespräch mit Arnd Schimkat

Foto: Christian Hartmann
»Hinter Komik stecken System und Handwerk« – Arnd Schimkat

Herr Schimkat, wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Sie für das Komische geeignet sind?

Als ich vier Jahre alt war, hatte ich eine Art Erweckungserlebnis. Wir waren mit der Kindergartengruppe im »Circus Krone«, und ich fand die Clowns einfach superkomisch. Zu Hause beim Nachspielen habe ich bemerkt, dass das Komische gar nicht so einfach ist, dass da System und Handwerk dahinterstecken. Damit war ich angefixt. Das wollte ich lernen. Und schon mit neun Jahren habe ich festgestellt, dass ich ein Talent hatte, die Leute zum Lachen zu bringen.

Wie genau entwickeln Sie Ihre Gags? Sprechen Sie mit sich selbst?

Ganz klar, ohne Selbstgespräche und In-Rollen-Schlüpfen geht da wenig. Für mich müssen die Figuren und die Situationen, in denen sie sich befinden, klar sein. Das reizt mich, denn das kommt dem Leben nah. So habe ich Antennen für skurrile Situationen entwickelt, in die meine Antihelden geraten. Und in einem zweiten Schritt werden dann diese Situationen nach allen Regeln der Kunst ausgestaltet. Ganz zum Schluss ergeben sich dann oft aus den Figuren und den Situationen fast schon von alleine sehr komische Wortgags.

Was war Ihr peinlichster Moment während eines Auftritts?

Die spektakulärste Bruchlandung hatte ich am Anfang meiner Karriere. Wir waren 18 und hatten uns für einen Zaubererkongress etwas ganz Großes vorgenommen: Wir wollten zuerst 16 Weinflaschen erscheinen lassen, dann sollte mich mein Partner in einen Tresor sperren, aus dem statt mir seine Cousine heraussteigt. So zumindest lautete der Plan. Doch die Bühne war abschüssig und der Tisch mit den 16 Weinflaschen instabil, so dass die Weinflaschen bereits im Vorfeld immer wieder umflogen. Als ich endlich im Tresor war, hörte ich den Auftakt der Katastrophe: Alle Flaschen fielen klirrend vom Tisch, teilweise ins Publikum hinein. Und als ich dann durch die Geheimtüre aus dem Tresor krabbelte, schaute ich direkt in die Gesichter der verwirrten Zuschauer, denn mein Partner hatte vor Schreck vergessen, den kaschierenden Paravent in Position zu bringen. Auch die Cousine musste für alle offensichtlich durch die Scherben in den Tresor einsteigen, obwohl sie ja von uns als Überraschungshöhepunkt eingeplant war. Als sie mit blutigen Knien aus dem Tresor stieg, hatte das Publikum eher Mitleid mit ihr und ich hoffe, auch mit uns.

Welches Einzelerlebnis – sei es ein Buch oder ein Film – hat bei Ihnen den größten Lerneffekt in bezug auf das Komische ausgelöst?

Bei mir war das »Ein Fisch namens Wanda« – ein Quantensprung der Komik. Begeistert hat mich vor allem Michael Palin als der tierliebende Ken mit der alten Dame, deren Hündchen er versehentlich eines nach dem anderen tötet, anstatt die alte Dame zu erledigen. Dieser Running Gag hat auch Einzug in mein Buch gefunden und wird dort analysiert. Und natürlich die Walzenszene am Ende.

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Was ist der schlimmste Fauxpas, den ein Novize des Komischen begehen kann?

Sich nicht mit den Regeln der Komik zu beschäftigen. Passiert leider ständig. Die meisten verlassen sich ausschließlich auf ihren Humor. Dann treffen sich beispielsweise acht Leute mit völlig verschiedener Humorlage, um eine Kinokomödie auszuarbeiten. Das kann zwar interessant sein, aber eher nicht lustig. Und das trifft sowohl auf den Entstehungsprozess als auch auf das Endergebnis zu.

Stimmt der Satz, dass hinter berufsmäßigen Komikern im Grunde verkappte Melancholiker stecken, so wie bei einem der Urtypen des Fachs, Mercutio aus Shakespeares »Romeo und Julia«?

Schwermütige Komiker gibt es einige. Mirco Nontschew war auch einer davon, oder Kurt Krömer. Natürlich ist es kein Muss, depressiv zu sein, wenn man Leute zum Lachen bringen will. Aber es kommt häufig vor. Woran liegt das? Eventuell daran, dass diese Menschen bereits als kleines Kind erfahren mussten, dass sie nur dann geliebt werden, wenn sie ihr Umfeld glücklich machen. Also bemüht man sich. Wie auch immer. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass zumindest eine gewisse Tiefgründigkeit der Sache dienlich ist.

Warum hat Deutschland es nie geschafft, einen Film vom Kaliber »Verrückt nach Mary« hervorzubringen?

Oh, die Antwort könnte in einer psycho-soziologischen Studie ausarten. Ich will es mal so ausdrücken: Eigentlich lachen die Deutschen sehr gerne, und ihr Humor ist auch wesentlich besser als sein Image. Dennoch haben wir die Kunst der Komödie etwas verlernt. Zum einen, weil nach dem Holocaust der jüdische Humor gefehlt hat, aber auch, weil, wie gesagt, das Handwerk nicht gepflegt wird. Komik wird in Deutschland in manchen Kreisen außerdem bis heute oft als etwas Minderwertiges angesehen: Man traut sich erst dann zu lachen, wenn alle darüber lachen.

Der Zenit der nachkriegsdeutschen Komik ist für mich Helmut Dietl mit seinen drei Serien »Münchner Geschichten«, »Monaco Franze« und »Kir Royal«. Es wird immer wieder behauptet, die humoristische Servicewüste Deutschlands rühre daher, dass der Genius solcher Stoffe nicht mehr geboten werde. Was sagen Sie dazu?

Ich glaube, am kreativen Angebot liegt es nicht. Doch die Fernsehlandschaft hat sich stark verändert seit damals. Dietl durfte 1973 als Endzwanziger von seinen autobiographisch angehauchten »Münchner Geschichten« gleich neun Folgen à 50 Minuten drehen. Und offenbar wurde ihm wenig reingeredet. Heute ist das schwer vorstellbar, dass man einem so jungen Menschen so viel Vertrauen entgegenbringt. Würde Dietl heute mit seinen Ideen bei einem Sender hausieren gehen, dann würde ihm von allen möglichen Seiten höchstwahrscheinlich dermaßen viel reingequatscht werden, dass am Ende ein eher weichgespültes und kaum wiedererkennbares Produkt herauskäme.

Was sind Ihrer Meinung nach die drei überschätztesten deutschen Komiker?

Helge Schneider, Loriot und Bully Herbig. Nein, Spaß! Ich werde mich hüten, hier irgendwelche Kollegen zu dissen. Schon alleine deshalb, weil man es als Komiker nie allen recht machen wird. Das bringt das Fach mit sich. Es gibt keinen Allgemeinhumor. Humor ist und bleibt Geschmackssache. Aber es gibt dramaturgische Komikregeln. Wie ist die Komik aufgebaut? Die Regeln sind Loriot oder Bully vertrauter, als sie es Helge sind. Der pflegt eher die anarchische Komik. Aber auch die unterliegt ganz klaren Regeln. Auch diese könnte man analysieren.

In den USA gibt es eine Schule der Komik, die mir selbst sehr gefällt, in deutschen Kritikerkreisen aber wenig populär ist: Filme wie »Superbad«, »American Pie«, »Alles erlaubt«, »The Girl Next Door«, mit Witzen über Sperma, Menstruationsblut, Geschlechtsverkehr. Was war das Lustigste, was Ihnen mal beim Sex passiert ist?

Eine große Liebe von mir hat mal gesagt: Bitte keine Comedy beim Sex. Ich glaube, das war ein guter Tip, und ich habe mich seither, wenn immer möglich, daran gehalten. Komik und Erotik sind halt irgendwie von verschiedenen Planeten. Wenn es aber mal einen Komikporno geben sollte, dann lassen Sie es mich wissen, den würde ich mir gerne ansehen.

Sie haben in Ihrem Leben circa 3.500 Bühnenauftritte absolviert. Was genau löst es bei Ihnen aus, die Leute von der Bühne aus zum Lachen zu bringen?

Ein Auftritt im Flow mit dem Publikum hat etwas Erhebendes für beide Seiten, also auch für mich, der das sozusagen anstößt. Man verschmilzt miteinander, und das gemeinsame Lachen hat etwas unglaublich Befreiendes und ja auch erwiesenermaßen Heilendes. Eigentlich müssten die Krankenkassen den Eintritt in alles Komische übernehmen.

→ Arnd Schimkat: Lachen machen – Die geheimen Regeln der Komik. Blond Verlag, München 2025, 352 Seiten, 26,75 Euro

Arnd Schimkat ist Komiker, Schauspieler und Autor. Neben seinen Film- und TV-Auftritten arbeitete er mit den ganz großen Clowns der Welt zusammen, feierte über Monate Showerfolge in New York und spielte seine eigenen Stücke in bisher elf Ländern. Auch als Autor ist Schimkat preisgekrönt. So entwickelt er Drehbücher fürs Kino und TV und hat seinen ersten Roman veröffentlicht, der ebenfalls verfilmt wurde (»Highway to Hellas«, mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle). Er hat ein Sachbuch über die Regeln der komischen Dramaturgie veröffentlicht: »Lachen machen«. Ab 2018 übernahm Schimkat zudem diverse Lehraufträge im Fach Komik. Zuletzt an der Hochschule für Film und Fernsehen München (HFF) oder der München Film Akademie (MFA).

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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