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Kein gewöhnlicher imperialistischer Krieg

Dokumentiert. Auszug aus einem jW-Artikel von 2011 zum 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion

Von . Von Dietrich Eichholtz
Foto: Heinrich Hoffman Collection
Einer der Protagonisten des Vernichtungskriegs: Heinrich Himmler, Reichsführer SS, inspiziert ein Kriegsgefangenenlager in der Sowjetunion, 1941

Mehr als drei Millionen Mann und 4.000 Panzer wälzten sich am 22. Juni in drei todbringenden Heeressäulen in das auf Krieg, Tod und Verwüstung zu diesem Zeitpunkt unvorbereitete Land. 2.500 deutsche Flugzeuge zerstörten in wenigen Stunden Tausende sowjetische Maschinen, die noch regungslos, vielfach ungetarnt auf ihren Plätzen standen. Die folgenden fünf Monate waren eine Katastrophe für das Sowjetvolk. Die deutsche Wehrmacht gelangte bis vor Leningrad, vor Moskau, an die Dnepr- und an die Donmündung, nach Kiew und Charkow. Weiter kam sie nicht. Die sowjetische Gegenoffensive von Dezember 1941 bis März 1942 verschaffte dem faschistischen Gegner einen Vorgeschmack auf sein späteres Scheitern. (…)

Der Krieg im Osten war kein gewöhnlicher imperialistischer Krieg. »Wehrmacht zerschlagen. Staat auflösen« – diese Zielstellung Hitlers betraf das damals größte Land der Erde, den einzigen Staat sozialistischer Ordnung auf der Welt, mehr als dreißigfach so groß wie Deutschland, und die damals stärkste Militärmacht, entsprechend einer Bevölkerung von fast 200 Millionen Menschen. Die faschistische Clique und ihre militärische Führung gingen in ihrem Vernichtungsstreben weit über alles hinaus, was man seit der kolonialen und vorkolonialen Epoche und den Wunschvorstellungen aus dem Ersten Weltkrieg für möglich gehalten hatte; freilich waren bereits im eroberten Polen derartige menschenfeindliche Pläne ins Werk gesetzt worden.

In den Grundzügen existierten solche Pläne schon am 22. Juni 1941. Sie wurden 1942/43 in den eroberten Gebieten unter maßgeblicher Mitwirkung der Himmlerschen Ämter, des Reichs­ernährungsministeriums (geleitet von Herbert Backe), der Kontinentale Öl AG, der diversen anderen NS-»Ostgesellschaften« und zentraler industrieller Interessengruppen (IG Farben, Montankonzerne, Siemens, AEG, Zeiss und anderer) im Stile von »eigennützigen Hyänen des Schlachtfeldes« (Schwerin v. Krosigk) in Angriff genommen. Der Rassismus in seiner brutalsten und umfassendsten Form diente als »Begründung« für die Ermordung und Aushungerung von Millionen und für die Vertreibung (»Aussiedlung«) von Dutzenden Millionen Slawen und Juden, schließlich auch für die Ausbeutung von Millionen verschleppter Männer und Frauen als Arbeitssklaven in Deutschland und innerhalb der Wehrmacht.

Die hauptsächlichen Aktionsfelder dieser grausigen Politik waren (selten zusammenhängend untersucht):

– die ausnahmslose Ausrottung der jüdischen Bevölkerung,

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– die Vernichtung sämtlicher Führungskräfte des Sowjetstaates, darunter die Kommunistische Partei, der Komsomol, die Politischen Kommissare in der Armee, die sowjetische Intelligenz, die leitenden Kader in Wirtschaft und Verwaltung,

– auf besonderen Befehl Hitlers die Ermordung der gesamten männlichen Einwohnerschaft der größten Städte, besonders Stalingrads; die Aushungerung Leningrads,

– die auf Ausrottung zielende Hungerstrategie gegen »zig Millionen Menschen« (Backe) in den auf Nahrungsmittelzufuhr angewiesenen russischen und belarussischen Gebieten,

– die Ermordung vieler Hunderttausender sowjetischer Kriegsgefangener durch bewusst eingesetzten Hunger und durch Erschießen in den Gefangenenlagern, später auch in Konzentra­tionslagern,

– die Zwangsrekrutierung von mehr als zwei Millionen sowjetischen Menschen (Zivilarbeiter und Kriegsgefangene) für die deutsche Kriegswirtschaft,

– der »Generalplan Ost«. Der »Generalplan Ost« und seine späteren Fassungen als »Gesamtplan« und »Generalsiedlungsplan« waren weitreichende Planungen, entworfen für die spätere »Eindeutschung« der eroberten sowjetischen Gebiete. (…)

Bis zum 22. Juni 1941 hatte die Wehrmacht in halb Europa gesiegt. Was jetzt begann, betrachteten die Spitzen des Regimes, ihren »Führer« nicht ausgenommen, militärisch als Fortsetzung der bisher im Stil von »Blitzsiegen« gewonnenen Feldzüge. Im Vollgefühl ihrer in weniger als anderthalb Jahren erfochtenen Erfolge stellten sich die Verursacher des neuen Krieges seinen Verlauf als »schnellen Feldzug« von wenigen Monaten, ja Wochen vor. Vier – vielleicht sechs – Wochen nach dem Überfall schienen ihre Pläne militärisch noch aufzugehen. Schon im Juli/August 1941 lief ihnen ihre Planung aus dem Ruder. Damit brach die ganze riesenhafte Eroberungs-, Mord- und Vernichtungsplanung ihres Krieges um die künftige Weltvorherrschaft am sowjetischen Widerstand zusammen. Die folgenden Niederlagen vor Smolensk, Leningrad, Moskau, Stalingrad, Kursk usw. legten die entscheidenden Grundlagen für die Rettung der europäischen Friedensordnung und Kultur vor Völkermord und Nazigreueln. Niemals haben sich bis dahin Politiker und Generale derart katastrophal verkalkuliert wie Hitler und die deutsche Generalität bei ihrem Entschluss, die UdSSR »in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen« (Weisung 21 vom 18.12.1940). Diesen Entschluss allein der abstrusen Gedankenwelt eines megalomanen »Führers« zuzuschreiben zeugt von erstaunlicher Unkenntnis der historischen Voraussetzungen seit den Anfängen der imperialistischen Entwicklung des deutschen Kaiserreichs, seit dem Ersten Weltkrieg und dem Aufkommen des Faschismus.

→ Dietrich Eichholtz (1930–2016): Der Überfall auf die UdSSR. »Barbarossa«, 22. Juni 1941: Das unlösbare Problem der deutschen Weltherrschaftskrieger. In: jW vom 22. Juni 2011

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.06.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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