Zum Inhalt der Seite

Der Hauptfeind: Sowjetische Kommunisten

Dokumentiert. Wehrmacht und SS instruierten im Juni 1941 intern, welche Bevölkerungsgruppen der UdSSR zu vernichten seien

Foto: IMAGO/Gemini Collection
Grundpfeiler der Naziideologie: Antikommunismus und Antisemitismus. Plakat der Nazipropaganda von 1939

Am 3. März 1941 befahl der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, Alfred Jodl, es sei von »der Notwendigkeit« auszugehen, »alle Bolschewistenhäuptlinge und Kommissare sofort unschädlich zu machen«. Auf einer Besprechung mit der Heeresführung am 17. März 1941 verlangte Hitler: »Die von Stalin eingesetzte Intelligenz muss vernichtet werden. Im großrussischen Bereich ist die Anwendung brutalster Gewalt notwendig.« Am 30. März 1941 erläuterte Hitler vor der Generalität, wie der »Kampf zweier Weltanschauungen« zu führen sei. Nach dem Kriegstagebuch des Generalstabschefs des Heeres, Franz Halder, sagte er: »Bolschewismus ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus (bedeutet) ungeheure Gefahr für die Zukunft (…). Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.« Den deutschen Eroberern stünden die Sowjetmenschen als »kommunistische(r) Feind gegenüber«. Die Wehrmacht führe diesen Krieg nicht, »um den Feind zu konservieren«. Notwendig sei die »Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz«. Diese Auffassungen wurden an die zum Überfall bereitgestellten Verbände weitergegeben. (…)

Anfang Juni instruierte der General z. b. V. im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), Eugen Müller, der maßgeblich an der Erarbeitung von Vernichtungsbefehlen beteiligt war, die Abwehroffiziere und Heeresrichter der Großverbände. Vor diesem, für die Terrorpolitik in den eroberten Gebieten entscheidenden Personenkreis sagte er am 11. Juni 1941, es habe »Rechtsempfinden u. U. hinter Kriegsnotwendigkeit zu treten«. Den kommunistischen Feind, die »Träger der feindlichen Einstellung« dürfe man »nicht konservieren, sondern erledigen«. Es sollten auch »Hetzer, Flugblattverteiler, Saboteure« sowie all jene Sowjetbürger, die deutsche Anordnungen nicht befolgen, ermordet werden. (…)

Der Kreis der zu ermordenden Sowjetbürger wurde dadurch erheblich ausgeweitet, dass in den Weisungen der extreme Antikommunismus mit einem rabiaten biologischen Rassismus, insbesondere mit Antisemitismus verbunden war. In der »Aufmarsch- und Kampfanweisung Barbarossa« der Panzergruppe 4 werden die Vernichtungsmaßnahmen damit begründet, dass es sich bei der Aggression um einen »Kampf der Germanen gegen das Slawentum«, gegen »moskowitisch-asiatische Überschwemmung«, um »die Abwehr des jüdischen Bolschewismus« handele.

Anzeige

Bereits am 26. März 1941 hatte Hermann Göring, der zweite Mann nach Hitler, den Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, beauftragt, für die Wehrmacht, für »die Truppe«, eine »ganz kurze, 3–4seitige Unterrichtung« vorzubereiten, »damit sie wisse, wen sie praktisch an die Wand zu stellen« habe. Insbesondere müsse darin auf »die Gefährlichkeit« der sowjetischen Sicherheitsbehörden, der »Politkommissare, Juden usw.« hingewiesen werden. Außerdem legte Heydrich mit Blick auf den bevorstehenden Überfall einen Plan zur »Lösung der Judenfrage« vor, der von Göring grundsätzlich gebilligt wurde. (…)

Kernstück des SS-Vernichtungsapparates waren vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, jede in Stärke zwischen 650 und 950 Mann und voll motorisiert. (…) Wenige Tage vor dem Überfall erhielt das Führungspersonal der Einsatzgruppen von Heydrich den Auftrag, in den eroberten Gebieten der Sowjetunion möglichst schnell alle Kommunisten, Juden und »sonstige radikalen Elemente« zu töten. Bei den Massenmorden, so die Weisung Heydrichs, waren einheimische Antikommunisten und Antisemiten als Täter zu verwenden. Diese sollten von SS-Leuten in Zivilkleidung zu Pogromen angestachelt werden, ohne dass die initiierende und lenkende Hand der Deutschen sichtbar wird. Die Mordaktionen seien »spurenlos auszulösen, zu intensivieren, (…) in die richtigen Bahnen zu lenken«. Die Auslösung der Aktion habe so konspirativ zu erfolgen, dass sich selbst die Kollaborateure später nicht »auf Anordnungen (…) berufen können«. Als »Selbstreinigungsaktionen« der Einwohner gegen ihre »jüdisch-bolschewistischen Unterdrücker« wollte man die Morde propagandistisch verwerten. Die Massaker sollten gefilmt werden. Das Material war auch als Druckmittel gegen die Kollaborateure gedacht, um sie unlösbar an ihre deutschen Auftraggeber zu binden. (...)

Die übergreifende, verbindende Tötungsformel in den Befehlen für Wehrmacht, SS und Polizei bildete die Wortkombination »jüdisch-bolschewistisch«. In der Naziideologie war die Verbindung von Antikommunismus mit Rassismus und Sozialdarwinismus als vorherrschendem gesellschaftlichen Entwicklungsprinzip seit Gründung der faschistischen Partei zentral. (…) In seiner Schrift »Mein Kampf« behauptet Hitler 1924, »die Bolschewisierung Deutschlands« sei das Ziel des »Judentums«, und ein »bolschewisiertes« Deutschland bilde die Grundlage für die »Weiterverbreitung der jüdischen Welteroberungstendenz«. Insbesondere die sowjetische kommunistische Partei, so die Nazipropaganda, sei vom Judentum dominiert. (…) Die krude Naziideologie verschmolz mit den Plänen für den Raubkrieg. Sie diente der Fokussierung auf den »Hauptgegner« – die sowjetischen Kommunisten.

→ Martin Seckendorf (1938–2020): »Bolschewisten sofort unschädlich machen«. Vor 70 Jahren wurde die Grundsatzweisung für den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und ein kriminelles Okkupationsregime beschlossen. In: junge Welt, 12. März 2011

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 30.05.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!