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03.06.2026
- → Feuilleton
Über die Zeit
Wim Wenders will die halbnackte 13jährige Nastassja Kinski nicht aus seinem alten Film »Falsche Bewegung« schneiden. Soll er?
Wim Wenders hat beim Deutschen Filmpreis in Berlin den Ehrenpreis für sein Lebenswerk erhalten und ist in seiner Dankesrede auf seinen frühen Film »Falsche Bewegung« (1975) zu sprechen gekommen, in dem die damals dreizehnjährige Nastassja Kinski an einer Stelle »mit blankem Oberkörper« (Wenders) zu sehen ist und vom erwachsenen Rüdiger Vogler, der sich absichtsvoll neben sie legt, geohrfeigt wird. Kinski, die sich wegen einer ähnlichen Halbnacktszene im legendären »Tatort«-Krimi »Reifezeugnis« (1977) mit dem NDR geeinigt haben soll, bittet Wenders wohl seit Jahren um Streichung. In Berlin sagte Wenders, er würde das heute nicht mehr so drehen, könne es aber dem jungen Mann, der damals einen Film »in seiner Zeit« gedreht habe, auch nicht übelnehmen; der Geehrte spricht zwar von nötiger Diskussion, aber zuvörderst von »Filmerbe«, einem möglichen »Präzedenzfall« und von Steven Spielberg, der sich eine verwandte, dabei geringere Änderung an »E. T.« nie verziehen haben soll.
Das kann man jetzt für »Infamie« (SZ) halten, dass hier zwar einer steht und sagt, er kann nicht anders, aber ostentativ die Frage offenlässt, ob er können müsste; doch ein Dilemma, aus dem es einen Ausweg gibt, ist keins. Wer seinen Kindern je aus der Originalversion von »Pippi Langstrumpf« vorgelesen hat, weiß, wie anstrengend das Simultanübersetzen der anstößigen Stellen ist, und sosehr man den paradigmatischen Eingriff, der aus dem N-König den »Südseekönig« gemacht hat, unterm Kunstvorbehalt beargwöhnt, zurücknehmen würde man ihn nicht. Andererseits weiß man von Lindgren, dass sie strikt gegen eine Änderung war, vermutlich weil sie es ihrem jüngeren Ich nicht übelnehmen konnte; oder wollte; oder weil sie sah, was auf der Hand lag: dass, wer diese Tür aufstößt, sie nicht mehr geschlossen kriegt. Lindgrens Nachkommen tilgen wohl mittlerweile ganze Absätze, die nicht mehr in die Zeit passen; wer immer das entscheidet. Und welche Möglichkeiten die KI in Zukunft bieten wird, Filme auf den Stand zeitgenössischer Überzeugungen zu bringen, mag man sich ausmalen.
Im späten Defa-Film »Verbotene Liebe« (1990) werden eine Dreizehnjährige (gespielt von der heute im TV-Krimiwesen tätigen Julia Brendler) und ein Achtzehnjähriger ein Liebespaar, was der Film an den Maßstäben der Liebe und des Gesetzes misst, und am Ende steht Brendler nackt und frei im Sommerregen. In Jim Jarmuschs »Broken Flowers« (2005) läuft eine Allegorie junger Mädchenblüte unbekleidet am perplexen, alternden Bill Murray vorbei; vielleicht ist es nicht aufgefallen, oder das Mädchen war volljährig. Die Verfilmung von »Mario und der Zauberer« aus dem Jahr 1994 kann kaum anders, als der Vorlage Rechnung zu tragen, in der die achtjährige Tochter der deutschen Urlauberfamilie im Tyrrhenischen Meer ihren Badeanzug säubert, und, nackt und »mager wie ein Spatz«, im faschistischen Italien einen Aufstand der Anständigen verursacht, und trügt meine Erinnerung nicht, wird in der TV-Fassung (1983) von Else Urys »Nesthäkchen« die kleine Annemarie, wie Gott sie schuf, nach dem Bade frottiert. Würde man heute so nicht mehr drehen, schon weil das allseits bedrohte Kind, das zur Logopädie geht wie früher zum Friseur, zur Zentralmetapher für die kaputte Zukunft geworden ist. (In unserer alten Kita dürfen die Erzieherinnen die Kinder nicht mal mehr verpflastern, Stichwort: Übergriff.)
Die Arglosigkeit, mit der Ronja und Birk, 10, in der Verfilmung von »Ronja Räubertochter« (1984) ihre Hintern in die Sonne halten, ist jedenfalls passé; dass Thomas Mann im »Doktor Faustus« seinen Enkel Frido in der Figur des kleinen Echo an Meningitis krepieren ließ, fand bloß die Familie degoutant. An der Wahrheit geht es jedenfalls vorbei, dass, wie die SZ-Kollegin sich empörte, Wenders schon damals hätte wissen müssen, was er tat. Dass er’s vielleicht doch nicht wusste, erhellt daraus, dass sich die Szene zwei Jahre später unter Wolfgang Petersen, der »Reifezeugnis« inszenierte, wiederholen konnte, ohne dass es, von Kinski freilich abgesehen, jemanden gestört hätte. Was damals Recht war, kann zwar heute Unrecht sein; dass dabei, was niemand bestreitet, Kunst herausgekommen ist, macht die Sache aber komplizierter, als die Wut auf den alten weißen Wenders wahrhaben will.
Wäre der ein Pragmatiker, er würde die Szene so pixeln, dass Erbe und Dezenz sich so gut als möglich vertrügen; so muss man jetzt Partei ergreifen, für die Integrität eines Werks oder die Integrität einer Heranwachsenden, die, sagt Kinski heute, nicht gefragt worden und »zum Heulen ins Bad« gegangen ist. Dass Wenders durch den Rückgriff aufs »Filmerbe« den Fall an die Branche zurückspielt hat, haben ihm Youtube-Kommentare übelgenommen, aber so ist das mit Erbschaften: Man kann sie nur annehmen oder ausschlagen, und zwar im ganzen, und was an Kunst »problematisch« geworden ist, kann nur bewahrt werden, wenn das Problem nicht getilgt wird. Zwar soll man nicht immer gleich mit Orwell kommen, aber dass Ozeanien immer schon Krieg gegen Eurasien geführt habe, ist eben die Unwahrheit; wie es, die wechselnden Vorschriften zum achtsamen Sprachgebrauch zeigen es, einer gewissen Willkür unterliegt, was wann warum als problematisch gilt. Eine Zeitlang wurde diskutiert, ob Gemälde, die nackte Kinder zeigen, denn ins Museum gehören; das kleine Mädchen unterm Hidschab, das, als Teil der Kinder der Welt, die wohlmeinende Schulbroschüre schmückt, ist derweil nicht Zeugnis archaischer Sexualisierung, sondern begrüßenswerter Buntheit.
»Die Sequenz ist aus heutiger Sicht schwer auszuhalten«, trommelt der Spiegel und mag es sich selbst glauben, muss aber nach der Frage, ob man die Szene entfernen soll, beidrehen: »Oder würde man dadurch auch etwas anderes löschen, würde der Film zu einer Lüge? Dazu muss und kann es (noch) keine abschließende Antwort geben.« Und wird es auch nie; und dass Wenders versucht, es über die Zeit zu kriegen – er ist 80, Kinski 65 –, ist dann entweder Zynismus oder weise.
Wieder so eine Frage.
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