Schwarze Pädagogik
Die Jugend spricht: Jan Komasas Mysterythriller »Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes«
» Youth must go, ah yes (Jugend vergeht; ja, schon)« Anthony Burgess, »A Clockwork Orange« (1962)
Jan Komasas neuer Mysterythriller »Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes« – nicht zu verwechseln mit dem Hundehorrorfilm »Good Boy – Trust His Instincts« (2025) – ist eine von Anthony Burgess’ Roman »Uhrwerk Orange« bzw. von Stanley Kubricks gleichnamiger Filmadaption (1971) inspirierte Studie über Unterdrückung und Konditionierung. Statt Nadsat, der von Burgess ersonnenen, mit russischem Vokabular angereicherten Jugendsprache, hat sich Tommy (Anson Boon) einen heute gängigen Straßenslang zu eigen gemacht. Als 19jähriger Influencer propagiert er öffentlich hemmungslose Rücksichtslosigkeit. In den ersten Filmminuten schauen wir ihm dabei zu, wie er sich besäuft, Pillen schluckt, auf den Bürgersteig kotzt, Leute im Wortsinn anpisst, Passanten verdrischt und seine Freundin vor ihren Augen mit einer anderen betrügt. Den selbstverliebten Beelzebub wünscht man sehnlichst in die Hölle, in der er dann auch tatsächlich landet. Es ist nur eine andere als die vom Kinozuschauer erwartete. Tommy wird nämlich von einem Fremden außer Gefecht gesetzt, um mit einer eisernen Hundeleine um seinen Hals angekettet in einem Keller aufzuwachen.
Parallel dazu sucht Chris (Stephen Graham) ein Hausmädchen für sein abgeschiedenes Domizil, in dem er mit seiner apathischen Frau Kathryn (Andrea Riseborough) und dem ständig lächelnden Filius Jonathan (Kit Rakusen) lebt. Die Bewerberin Rina (Monika Frajczyk) soll eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und den Gefangenen ignorieren. Der Täter, der zum Opfer wird, muss sich wiederum an strenge Regeln halten und wird bei Zuwiderhandlung sofort bestraft. Wenn er sich aber als »guter Junge« benimmt, winken Belohnungen wie Fernsehabende, bei denen Ken Loachs Sozialdramaklassiker »Kes« (1969) läuft. Immer noch gefesselt darf er im Laufe der Zeit auch die oberen Räume betreten. Dort stellt er fest, dass früher ein ihm ähnlich sehender junger Mann hier gewohnt haben muss …
Der polnische Regisseur Jan Komasa, bekannt geworden mit dem oscarnominierten Religionsdrama »Corpus Christi« (2019) und »The Hater« (2020), wo er sich schon einmal mit den Konsequenzen von Fehlverhalten in den sozialen Medien für das wirkliche Leben beschäftigte, plaziert zusammen mit dem Drehbuchautorenduo Bartek Bartosik und Naqqash Khalid weitere popkulturelle Anspielungen. So wird Literaturmuffel Tommy erst dann zu einem reflektierten Lektüremenschen, als ihm Chris eine Ausgabe von Ray Bradburys Science-Fiction-Kurzgeschichtensammlung »Der illustrierte Mann« (1951) in die Hand drückt. Das Leuchten in Anson Boons Augen, der zuvor wie Malcolm McDowell als Alex in »Uhrwerk Orange« durch die Gegend wütet, erinnert das auch an Oskar Werner in der Rolle des Bücher verbrennenden, dann Bücher lesenden Feuerwehrmanns Montag in François Truffaut »Fahrenheit 451« (1966), basierend auf Bradburys Roman von 1953.
Neben Boons komplexer schauspielerischer Tour de Force ist eine weitere Stärke des Films seine Mehrdeutigkeit und Ambivalenz. So kann die Schlusseinstellung, wenn der geflüchtete Tommy mit seiner Freundin Gabby (Savannah Steyn) zu der seltsamen, einerseits strengen, andererseits liebevollen Familie zurückkehrt, auch als reaktionäre Erlöserphantasie interpretiert werden. Oder als heillos romantische Reflexion über den Burnout in unserer multimedialen Gegenwart.
→ »Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes«, Regie: Jan Komasa, UK/Polen 2025, 110 Min., Kinostart: heute
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