Rasologie
Gras
Nichts beherrscht der Deutsche besser als die Verleugnung der Realität. Der Deutsche ist – jenseits der Betriebe, der Fabriken, der Spelunken, der Straßen in zerfallenden, vermüllten Stadtvierteln – stark wahrnehmungsgestört. »Wir (…) besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten« (Heine), und deshalb schwärmen wir nach wie vor von der »Aura« des Waschweibs Manuel Neuer, die, unschwer erkennbar, die »einmalige Erscheinung einer Ferne« (Walter Benjamin) ist, einer Ferne vom Ball. In drei Partien bekam der reaktionssteife Heilige, der »absolute Weltspieler« und »absolute Leader« (Robin Gosens), der »Topsuperstarspieler« (Laura Wontorra), sieben Schüsse aufs Tor und kassierte vier Kisten. Spätestens nach dem ridikülen Treffer Ecuadors zum 2:1 gehört der Mann auf die Kabinenbank und ebenda festgetackert. Das äußert allerdings kein Journalist, nirgendwo. »Die sagen nicht, wie’s ist!« schimpfte Freund Lerd. »Der muss raus!« Sie kreiseln drum herum, durch Nichterwähnung.
Nichts beherrscht der heutige Deutsche schlechter als seine Sprache. Seit zwei Wochen und fortan bemühe ich mich, davon Zeugnis abzulegen. Heute widme ich mich daher Sir Robin the Not-Quite-So-Brave-As-Sir-Lancelot Gosens, einem gutmütigen Kameraden, der es seinem Gegenüber, dem der massenkulturbetrieblichen Popdirektive willfahrenden ARD-Animateur Malte Völz oder der Lea Wagner, partout recht machen möchte und unermüdlich Blech dengelt: »in der Linie, die die Tore schießt«, »nicht auf die lockere Schulter spielen«, »wenn das irgendwann aus dem Ruder geht«, »Riesenpush«, »Speed«, »dass man ’n Momentum von ’nem Spieler mitnimmt«, »in den Flow zu kommen«, »in diesem Flow drinzubleiben«, »einiges mitnehmen an Positivität«, »Restverteidigung« and so on.
»Am Ende des Tages« (Gosens et alii und aliae) ist der bemitleidenswerte Mann ein Symptom und das Opfer des kollektiven Unbewussten. Omnilateral bekakelt wird das perennierende »Mindset«, die language is generell fucked: »Der ist on fire weiterhin.« – »Bislang nicht ganz so safe und sicher.« (Christina »Hendiadyoin« Graf) »Mehr Joker geht nicht.« (Julius Hilfenhaus) »Pressschlag, aber nicht powervoll genug.« (Claudia Neumann – I’m sorry) Ad infinitum.
Robin Gosens nehme sich einen Song aus »Monty Python and the Holy Grail« (1975) zu Herzen: »Brave Sir Robin ran away, / Bravely ran away, away.« Und ich schnaufe durch bei der ZDF-Reportage »Foulspiel unter Freunden«. In der kommt ein Professor für Rasenwissenschaft, ein Grasologe, zu Wort.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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