Druckmittel Wasser
Überschwemmungen im Osten Syriens nach Schleusenöffnungen des türkischen Atatürk-Staudamms
Am 28. Mai ordnete das syrische »Ministerium für Not- und Katastrophenmanagement« in der Provinz Deir Al-Sor sofortige Evakuierungen an, nachdem der Wasserstand des Euphrats stark angestiegen war und es zu Überschwemmungen mit verheerenden Folgen gekommen war.
Berichten zufolge gibt es mehrere Tote, darunter auch Kinder. Bauern mussten aus den Fluten gerettet werden. Nach dem Einsturz einer Brücke wurden ganze Ortschaften von der Außenwelt abgeschnitten. Mindestens 2.400 Familien sind direkt betroffen, etwa 3.000 Familien wurden aus ihren Häusern vertrieben, viele suchten Zuflucht in Notunterkünften oder bei Verwandten. Infrastruktur und Grundversorgung sind teilweise zusammengebrochen. Von den 211 Wasserstationen in Deir Al-Sor fielen 62 vollständig aus. Insgesamt sind etwa 75 Wasserstationen in der gesamten Region entweder vollständig oder teilweise außer Betrieb, was zu einer gravierenden Verknappung der Trinkwasser- und Bewässerungsvorräte führt. Besonders betroffen sind die Regionen Deir Al-Sor und Rakka im Osten Syriens. Die Ernte in der Hauptsaison ist durch die Überflutung zerstört, was die Gefahr von Hungerkrisen deutlich verstärken wird.
In den Tagen zuvor hatte die Türkei die Schleusentore am Atatürk-Staudamm als Entlastungsmaßnahme geöffnet, nachdem es zu ungewöhnlich starken Regenfällen und steigenden Reservoirständen gekommen war. Die erhöhte Wassermenge floss flussabwärts nach Syrien und trug zu den Überschwemmungen bei. Der Energieminister der syrischen Übergangsregierung Mohammed Al-Baschir erklärte, dass die türkische Warnung vor steigenden Wasserständen zu spät gekommen sei, was das Ausmaß der Zerstörung und die Überschwemmungsgebiete vergrößert habe.
Die Türkei kontrolliert die Oberlaufstaudämme am Euphrat im Rahmen des GAP-Projekts, ein milliardenschweres Wasserbau- und Entwicklungsprojekt der Türkei, dessen Staudämme an Euphrat und Tigris die Wasserversorgung von Syrien deutlich verringern. Um Konflikte zu vermeiden, schlossen die Türkei und Syrien 1987 ein Abkommen, in dem eine garantierte Mindestdurchflussmenge von durchschnittlich 500 Kubikmetern Wasser pro Sekunde von der Türkei nach Syrien festlegt wird.
Mehrere Berichte und Monitoring-Gruppen wie die in Großbritannien ansässige »Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte« und die »Menschenrechtsorganisation der Region Euphrat« zeigen jedoch, dass dieser Wert über lange Zeit deutlich unterschritten wurde – teilweise flossen nur 200 Kubikmeter pro Sekunde oder weniger. Die Folgen sind Trinkwasserknappheit, Ernteausfälle, Stromausfälle durch eingeschränkte Wasserkraftproduktion, verschmutztes Wasser und Gesundheitsrisiken. Lokale Akteure in Syrien werfen der Türkei vor, Wasser als politisches Druckmittel zu nutzen und sprechen teilweise von einer »menschengemachten Dürre«.
Es gibt keine gesicherten Hinweise darauf, dass die Wasserfreisetzungen im aktuellen Fall gezielt als Waffe eingesetzt wurden. Die lange Geschichte der Wasserpolitik am Euphrat verweist jedoch auf ein strukturelles Machtgefälle, das politische Deutungen dieser Ereignisse nahelegt.
Besonders betroffen sind syrische Werktätige und ländliche Bevölkerung, die nun die direkten sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe tragen. In der Region Deir Al-Sor, die zu den wichtigsten Getreideregionen Syriens zählt, sind rund 24.000 Hektar Weizen- und Gerstenfelder zerstört worden. Landwirtschaft ist dort eine zentrale Einkommensquelle; viele Haushalte leben direkt von Erntearbeit und Viehhaltung, wobei insbesondere Gerste als Futtermittel essentiell ist.
Aber auch für ganz Syrien sind Gerste und Weizen zentral für die Versorgung. Infolge der Schäden ist mit Einkommensverlusten für Landarbeiter, steigenden Lebensmittelpreisen und zunehmender Gefahr von Hungersnot zu rechnen. Gleichzeitig erschweren zerstörte Straßen und Brücken sowie beschädigte Infrastruktur den Zugang zu Märkten und den Transport von Waren.
Die aktuelle politische Lage, besonders die stark fragmentierte staatliche Kontrolle innerhalb Syriens, bedingt durch imperiale Machtinteressen und Gewalt gegen religiöse Minderheiten, die von der Regierung Ahmed Al-Scharaas ausgeht, lässt keine einheitliche Wasser- und Infratrukturverwaltung zu. Die Kontrolle über die syrischen Ressourcen ist entweder extern oder stark zersplittert. Dadurch sind Regionen wie Deir Al-Sor strukturell extrem verwundbar.
Angesichts des Ausmaßes der Katastrophe in der Region wird davon ausgegangen, dass die tatsächlichen Verluste und Schäden weit über den bekanntgegebenen Zahlen liegen. Obwohl der Wasserstand des Euphrat weiterhin hoch ist, fordern die Bewohner die Bildung von Ausschüssen, um die Schäden zu begutachten, Entschädigung für die Betroffenen bereitzustellen und die beschädigte Infrastruktur umgehend zu reparieren.
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