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Aus: Ausgabe vom 25.11.2021, Seite 3 / Schwerpunkt
Krieg mit anderen Mitteln

Wasser als Waffe

Neben Klimawandel bedroht vor allem Türkei die Versorgung Syriens mit lebensnotwendiger Ressource. Zehn Jahre Krieg tun ein übriges
Von Karin Leukefeld
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Alles andere als nachhaltig und gesund: Wasserentnahme aus einer Pumpe im syrischen Ein Terma (26.2.2019)

Westliche Medien und internationale Organisationen wie die UNO schlagen Alarm. Eine »Rekorddürre« bedrohe »Millionen Menschen« im Nordosten Syriens, titelte Anfang November der britische Independent. Einen »Wasserkrieg in der Wiege der Zivilisation« machte die britische Times aus und warnte, dass die »nächste syrische Tragödie« bevorstehe. Die Türkei setze »Wasser als Waffe« ein, schrieb das Internetportal Al-Monitor Mitte November und lieferte unter dem herzergreifenden Titel »Kamele weinen über ihre Jungen, die in der mörderischen Dürre von Syrien sterben« einen weiteren dramatischen Bericht.

Richtig ist, dass in Syrien wie im gesamten östlichen Mittelmeerraum das Wasser knapp ist. Regen- und Schneefall sind in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Flüsse, Seen, unterirdische Wasserläufe und -reservoirs, die Aquifere, werden nicht mehr so aufgefüllt wie noch vor wenigen Jahren. Die Erwärmung des Weltklimas trägt im Land zwischen Euphrat, Tigris und dem Mittelmeer deutlich zum Wassermangel bei. Doch für die Verwüstung der Region ist nicht nur der Klimawandel verantwortlich.

Aktuell hat die Türkei wieder den Hahn am Euphrat zugedreht. Ankara will die mehrheitlich kurdische »Autonome Administration von Nord- und Ostsyrien« (Rojava) entlang der Grenze zur Türkei treffen. Mit militärischen Invasionen und Angriffen operiert Ankara seit Jahren im Norden Syriens, mit dem Ziel, die Kurden zurückzudrängen und dort eine Pufferzone durchzusetzen. Dafür unterstützt und finanziert sie dschihadistische Milizen, die in zehn Jahren Krieg an verschiedenen anderen Fronten gegen die syrische Regierung gescheitert sind. Der Krieg hat die Wasserversorgung und die dafür notwendige Infrastruktur entlang des Euphrats schwer beschädigt. Mit der aktuellen absichtlichen Drosselung der Wasserdurchlaufmenge schadet die Türkei der gesamten Region.

Der Euphrat versorgt in Syrien vor allem Aleppo und die Provinzen Rakka, Hasaka und Deir Al-Sor im Nordosten mit Wasser und Elektrizität. Die Weizen- und Baumwollfelder in Hasaka und im Euphrattal werden durch ein weitverzweigtes System – Kanäle und Reservoirs – bewässert. Seit Monaten aber sinkt der Wasserstand im Euphrat und im größten Wasserreservoir, dem Assad-Stausee. Damit verringert sich auch die Energieleistung des dortigen Tabka-Staudamms. Die Dschasira – die Insel –, wie das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris im Nordosten Syriens auch genannt wird, verliert immer mehr Wasser.

Hinzu kommt, dass die Türkei und die mit ihr verbündeten Dschihadisten seit 2019 im Norden der Provinzhauptstadt Hasaka die Wasserpumpstation Aluk kontrollieren. Angetrieben vom Wasser des Khabur, einem in der Türkei entspringenden Zufluss des Euphrats, konnte Aluk rund eine Million Menschen in Hasaka und Umland mit Frischwasser versorgen. Seit der türkischen Einnahme wird die Station nur noch selten in Betrieb genommen.

Die Wassernot führt zu einer Überlastung der unterirdischen Wasservorkommen und Brunnen, die in den vergangenen Jahren so häufig neu gebohrt und angepumpt wurden, dass das Wasser durch den Zulauf von Abwasser versalzt und unsauber ist. Zudem fehlt es an Diesel, um die Pumpen zu betreiben. Wer Geld hat, kauft teures Trinkwasser dazu. Wer kein Geld hat, nutzt weiterhin das verschmutzte Wasser, was Natur, Mensch und Tier gleichermaßen schädigt: Durchfallerkrankungen bei Kindern und Hautausschläge nehmen dramatisch zu.

Die Verschmutzung des Wassers hängt auch mit der Zerstörung und unsachgemäßen wilden Ausbeutung der syrischen Ölressourcen seit 2012 zusammen. Schweröl wird ungeschützt ins Erdreich abgeführt, es erreicht das Grundwasser und damit die Nahrungskette. Das führt zu einer großen Zahl von Krebserkrankungen und – bei Mensch und Tier – zu Fehl- und Totgeburten. Nomaden, die im syrisch-irakischen Wüstengebiet von Hasaka und Deir Al-Sor von der Zucht von Kamelen und Schafen leben, ziehen normalerweise mit ihren Tieren von Norden nach Süden und umgekehrt, um dort Futter für das Vieh zu finden, wo die Weiden – je nach Jahreszeit – grün sind. Nun sind die Tiere zu schwach oder zu krank für die langen Wanderungen.

Die Fehlgeburten der Tiere und vor allem die große Zahl an Krebserkrankungen der Menschen können auch einen anderen Grund haben: Ende 2015 setzte die US-Luftwaffe im Nordosten Syriens die sogenannte DU-Munition ein. Diese giftige Munition aus abgereichertem Uran (DU steht für Depleted Uranium) verursacht Krebserkrankungen, Fehlgeburten und schwere Fehlbildungen bei Neugeborenen. Die sichtbaren Folgen von DU-Munition treten meist erst fünf bis sieben Jahre nach deren Einsatz auf. Der DU-Einsatz im Nordosten Syriens war Ende 2015.

Der hohe Preis für Weizen hat neben dem Wassermangel auch mit der faktischen Teilung des Landes entlang des Euphrats zu tun. Der zentral organisierte Anbau, Ernte und Verarbeitung – die Syrern vor dem Krieg immer genügend Mehl und Brot garantierten – werden dadurch unterbunden. Die Hälfte der syrischen Weizensilos wurde im Krieg zerstört. Bedingt durch die Wirtschaftssanktionen von EU und USA, wird mit Weizen – wie mit Öl und Baumwolle – spekuliert, was den Preis in die Höhe treibt. Aus Hasaka, Rakka und Deir Al-Sor werden diese Rohstoffe in den Nordirak und in die Türkei verkauft.

Im Nordosten des Landes werden Dünger und Saatgut von internationalen Hilfsorganisationen verteilt. Das syrische Agrarministerium kann dort aktuell nicht agieren. Zudem kann Damaskus Dünger nicht auf dem Weltmarkt kaufen, weil er als Explosivstoff auf der Sanktionsliste von EU und USA steht.

Hintergrund: Internationales ­Regelwerk

1992 wurde die »Konvention zum Schutz und zur Nutzung von grenzüberschreitenden Wasserläufen und internationalen Seen« im Rahmen der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UNECE) verabschiedet und trat 1996 in Kraft. 2013 wurde die Konvention von der UNO für alle Mitgliedstaaten übernommen, allerdings gehören ihr lediglich 40 Vertragsstaaten an. Diese haben die Konvention ratifiziert und damit in ihre nationale Gesetzgebung übernommen.

Parallel wurde 1997 von der UN-Vollversammlung die UN-Gewässerkonvention verabschiedet. Dieses »Übereinkommen über das Recht der nichtschiffahrtlichen Nutzung internationaler Wasserläufe« war im Rahmen der UNO seit 1959 diskutiert worden. Nach seiner Verabschiedung dauerte es noch weitere 17 Jahre, bis es im August 2014 in Kraft trat. Lediglich 35 UN-Staaten haben bisher dieses Regelwerk ratifiziert.

Im Mittelpunkt beider Vertragswerke stehen Schutz und Erhalt von Wasserläufen oder -systemen wie Flüssen und Seen, ihren Zuflüssen und unterirdischen Wasserspeichern (Aquiferen). Als Frischwasserspeicher gelten demnach auch Wasserreservoirs, Kanäle und Gletscher. Ziel ist es, Konflikte zwischen Anrainerstaaten um Wasser zu verhindern. Das wichtige Anliegen verschwindet hinter einer Vielzahl von bürokratischen Regeln und Gremien. Ausdrücklich müssen Vereinbarungen über die Wassernutzung und im besten Fall auch gemeinsame Entwicklungspläne vertraglich durch die jeweiligen Anrainerstaaten getroffen werden.

Im Fall des umkämpften Euphrat-Tigris-Beckens kam es wiederholt zu Gesprächen zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak. Dabei hat Ankara immer seinen Vorteil ausgespielt, dass beide Flüsse auf türkischem Territorium entspringen. Die vereinbarten Durchlaufmengen wurden zumeist eingehalten. Wenn nicht, waren politische Gründe im Spiel, wie es die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags 2008 vermerkten. (kl)

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