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Aus: Ausgabe vom 03.08.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Konflikt um Ressourcen

Auf dem trockenen

Mittel der Kriegführung: Türkische Regierung begrenzt Wasserzufuhr nach Nordostsyrien. Auswirkungen auf Landwirtschaft und Energieversorgung
Von Annuschka Eckhardt, Tabka
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Umkämpftes Nass: Das Wasser des Euphrats wird von der Türkei strategisch als Waffe genutzt (Talsperre Tabka, 16.7.2018)

Dunkelblau glitzert das Wasser des Euphrat, es ist kaum möglich, das Ufer auf der anderen Seite zu sehen, so riesig erscheint das Becken. Doch der Schein trügt.

Der Wasserspiegel ist so niedrig wie seit Jahren nicht, um vier bis fünf Meter zu gering. Das hat zwei Hauptgründe: anhaltende Trockenheit durch die Veränderung des Klimas und vor allem den Wasserkrieg, den der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gegen die Autonome Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien führt.

Die Talsperre am Euphrat ist nicht nur der Hauptstromerzeuger der Region, sie ist auch elementar wichtig zur Trinkwasseraufbereitung und -bereitstellung. Des weiteren dient die Talsperre der Landwirtschaft entlang des Flusses abwärts bis zur irakischen Grenze. Die Arme des Euphrats bewässern die Felder, auf denen unter anderem Getreide und Melonen angebaut werden. Der Euphrat ist einer der beiden wichtigsten Flüsse Vorderasiens. Euphrat und Tigris fließen von der Türkei über Syrien und den Irak bis in den Persischen Golf.

Sowjetische Technik

Die Sowjetunion hatte 1968 begonnen, den Damm und das Wasserwerk an der Talsperre Tabka zu bauen, und stellte es 1978 fertig. Hinter dem Damm staut sich der Assad-See, Syriens größtes Binnengewässer, nur wenige Dutzend Kilometer stromabwärts liegt die ehemalige Hochburg des sogenannten Islamischen Staats (IS), die Stadt Rakka.

Von den acht Turbinen sind momentan nur zwei in Betrieb. Der technische Leiter des Werks, Ziyad Rustum, drückt den Knopf des Aufzugs in das elfte Untergeschoss. Die letzten drei Stockwerke unter dem Euphrat sind nur mit Treppen zu erreichen. Die sowjetischen Turbinen sehen aus wie eine Mischung aus Fliegenpilz und Ufo. »Leningrad Metal Works« steht auf den metallenen Zählscheiben. Jahrzehntelang funktionierte die sowjetische Technik.

Am 1. September 2014 besetzte der IS die Talsperre in Tabka. Vor der Befreiung durch die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) am 5. März 2017 versuchten die Islamisten soviel wie möglich von der Technik im Innern des Damms zu zerstören. Bis heute sieht man die Spuren: verbrannte Kabel, Einschusslöcher. »Eigentlich sind vier Turbinen repariert und einsatzbereit, aber dadurch, dass Erdogan das Wasser nicht durchlässt, können wir nur zwei Turbinen für die Stromversorgung nutzen«, erklärt der technische Leiter.

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Sehen aus wie eine Mischung aus Fliegenpilz und Ufo: Die sowjetischen Turbinen zur Stromgewinnung in Nordostsyrien (Talsperre Tabka, 21.7.2022)

In vielen Teilen Nordostsyriens gibt es nur wenige Stunden am Tag Strom. Laut brummende Dieselgeneratoren überbrücken die restliche Zeit. Es gibt keine Stromzähler in den Häusern und Wohnungen, die Bürger zahlen einen symbolischen Beitrag an die Selbstverwaltung, die Versorgung ist subventioniert.

Laut internationalem Abkommen von 1987, dem Türkisch-syrischen Protokoll, muss die Türkei 500 Kubikmeter Euphrat-Wasser pro Sekunde für die Unteranrainer Syrien und Irak durchfließen lassen. »Gestern hat die Türkei nur 245 Kubikmeter durchgelassen«, sagt Rustum resigniert. Das ist weniger als die Hälfte der vereinbarten Menge. »Leider war das noch ein guter Tag, letzte Woche waren es nur 200 Kubikmeter.«

Vor dem syrischen Bürgerkrieg gab es 36 Stationen zur Trinkwasseraufbereitung, heute sind es nur noch zehn. Der technische Leiter Rustum erklärt anschaulich, warum der niedrige Wasserspiegel auch für die Trinkwasseraufbereitung problematisch ist. Er hält einen Kugelschreiber in eine kleine Plastikwasserflasche und demonstriert, bis zu welcher Wassertiefe Wasser abgesaugt werden kann, um trinkbar gemacht zu werden: »Darunter befinden sich Algen und Schlick, das können die Trinkwasseraufbereitungsanlagen nicht reinigen.« Er stößt den Stift auf den Grund der Flasche: »Das Wasser hier unten ist definitiv nicht trinkbar.«

Trockene Felder

Ghassan Abed ist Stellvertreter in der lokalen Verwaltungs- und Umweltbehörde in der Region Al-Dschasira in Nordostsyrien: »Die Kappung des Wassers führt zu einem Rückgang der Trinkwassermenge und einer Abwanderung vieler Menschen, zu einer Verringerung der landwirtschaftlichen Produktion und des Stromertrags sowie zu Auswirkungen auf Klima, Umwelt und Biodiversität«, erklärt er. Ein Verlust von Grünflächen, die Einstellung von Dienstleistungen, die durch Elektrizität erbracht werden, sowie eine Abnahme des Pro-Kopf-Anteils an Trinkwasser seien zu beobachten.

Auch in der rund 300 Kilometer entfernten Stadt Kamischli sind die Auswirkungen des niedrigen Wasserstands des Euphrats spürbar. Der Meister der staatlichen Bäckerei, Derwisch Ali, reinigt seine staubigen Finger und geht in sein klimatisiertes Büro. Es ist heiß in der Backstube, auf einem Fließband fahren die runden Brote im Sekundentakt durch den Ofen und fallen danach in sich zusammen. Täglich werden hier 20 Tonnen Mehl verarbeitet, zu 207.000 Broten. »Die Zutaten und die Löhne kommen von der Selbstverwaltung«, erzählt er, »doch der Weizen ist knapp, wir müssen importieren.« Wegen des Euphrats und des Tigris gilt Nordostsyrien als Kornkammer Syriens. Früher habe das Getreide gereicht und sei sogar exportiert worden, doch seitdem die türkische Regierung immer mehr Wasser des Euphrats kappt, gebe es nicht mal genug für die eigene Versorgung. »Aus Mangel mischen wir unser Weizenmehl mit importiertem Maismehl.«

Immer neun flache Fladen befinden sich in einer Plastiktüte und kosten an bestimmten Verkaufsstellen der Selbstverwaltung zwischen 300 und 350 syrische Pfund, umgerechnet circa 0,08 Euro. In von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten kosten die Neunerpacks mehr als 2.000 syrische Pfund, ungefähr 0,50 Euro. »Die Selbstverwaltung hat gesehen, dass sich die Bevölkerung das Brot nicht mehr leisten kann. Damit niemand hungern muss, wird Brot jetzt subventioniert«, sagt Ali und reicht ein Stück davon zum süßen Chai.

Hintergrund: Wasserabkommen

Im Jahr 1927, als Syrien unter französischem Mandat stand, wurde der Bau eines Euphrat-Staudamms nahe der syrisch-türkischen Grenze vorgeschlagen. Nach der Unabhängigkeit Syriens im Jahr 1946 wurde die Durchführbarkeit dieses Vorschlags erneut geprüft, der Plan jedoch nicht umgesetzt. 1957 schloss die syrische Regierung ein Abkommen mit der Sowjetunion über technische und finanzielle Hilfe für den Bau des Staudamms. Als Teil der Vereinigten Arabischen Republik (UAR) unterzeichnete Syrien 1960 ein Abkommen mit der Bundesrepublik Deutschland über ein Darlehen zur Finanzierung des Dammbaus.

Nachdem Syrien 1961 aus der UAR ausgetreten war, wurde 1965 ein neues Abkommen mit der Sowjetunion über die Finanzierung des Staudamms geschlossen. Die Sowjetunion stellte auch technisches Fachwissen zur Verfügung. Während des Baus arbeiteten bis zu 12.000 Syrer und 900 russische Techniker an dem Damm. Syrien hat sich verpflichtet, 58 Prozent des Euphrat-Wassers, das über die syrisch-türkische Grenze kommt, in den Irak fließen zu lassen.

1987 unterzeichneten die Türkei, Syrien und der Irak das Türkisch-syrische Protokoll, in dem Ankara garantiert, einen durchschnittlichen Durchfluss des Euphrat von 500 Kubikmetern pro Sekunde nach Syrien aufrechtzuerhalten, was einer Wassermenge von 16 Kubikkilometern pro Jahr entspricht. Daran hält sich die türkische Regierung seit Jahren nicht. Trotz mehrfacher Anfrage von junge Welt äußerte sich die türkische Botschaft in Berlin nicht zu der Nichteinhaltung des Abkommens. (ae)

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