75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 28. November 2022, Nr. 277
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 10.11.2022, Seite 12 / Thema
Klimawandel und Ressourcen

Aus dem Gleichgewicht geraten

Mal viel zu viel, mal viel zu wenig. Über Wasserprobleme in Zentral- und Südasien
Von Eike Andreas Seidel
12-13.JPG
Viel zu trocken. Auch China hatte in diesem Jahr mit einer Dürre zu kämpfen (eigentlich auf einer Insel im Poyang-See in der Provinz Jiangxi errichtet, sind diese Pagoden nunmehr zu Fuß zu erreichen)

Pakistan unter Wasser – die diesjährigen Überschwemmungen und die damit verbundenen Verwüstungen waren eine Katastrophe mit Ansage. Das Szenario war schon seit Jahren in entsprechenden wissenschaftlichen Untersuchungen beschrieben worden. Die Anzahl der Toten und das Ausmaß der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und gesundheitlichen Folgen lassen sich kaum abschätzen. Der jährliche Sommermonsun brachte in der südlichen Provinz Belutschistan eine gegenüber dem Mittel der vergangenen Jahre um das Vierfache höhere Niederschlagsmenge. Ein Grund für die diesjährigen Regenmengen in Pakistan war ein lang­andauerndes Hoch über dem tibetischen Hochland, durch das der Sommermonsum bis weit nach Pakistan hinein gen Westen verlagert wurde. Dessen Regen konnte durch den zuvor schon nassen Boden in den Provinzen ­Belutschistan und Sindh nicht mehr aufgesogen werden und führte zu den verheerenden Überschwemmungen. Gleichzeitig hatte diese Verlagerung des Sommermonsuns nach Westen eine außergewöhnliche Trockenheit in China zur Konsequenz, wo der Jangtse infolge ausbleibenden Niederschlags einen extrem niedrigen Pegelstand aufwies.

Extreme Trockenheit

Die Überschwemmungen in diesem Jahr in Pakistan und die Dürre in China sind weniger ein periodisch auftretendes heftiges Extremereignis, sondern vielmehr ein Anzeichen für eine globale Verschiebung der für das Klima entscheidenden Kräfte und Mechanismen.

Die verheerenden Wassermengen in diesem Sommer sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Pakistan vor allem Probleme mit Dürren gab und gibt. Zwei Drittel des Landes liegen in der semiariden und ariden, d. h. extrem trockenen Zone. So war der Mai 2022 in Westindien und Pakistan der heißeste Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Provinzen Sindh und Belutschistan, die in diesem Jahr großflächig überschwemmt waren, litten Anfang des Jahrtausends über mehrere Jahre unter extremer Dürre. Etwa 50 Prozent der Bewohner der ländlichen Gebiete Sindhs waren damals zur Migration gezwungen. Die Dürren der Vergangenheit betrafen in Pakistan oft weit mehr als die Hälfte der Landesfläche und dauerten oft sehr lange an.

Einer der lange schon währenden Konflikte Pakistans mit Afghanistan dreht sich um die Nutzung des Wassers des Kabul-Flusses (den Afghanistan zur Bewässerung groß angelegter Felder nutzen will). Auch im Grenzstreit mit Indien im Punjab (»Fünfstromland«) geht es darum, dass Pakistan Indien des Wasserdiebstahls bezichtigt – ein Konflikt, den zu entschärfen immer wieder durch internationale Abkommen versucht wird. So hat Pakistan die mehrheitlichen Nutzungsrechte der zwei westlichen Indus-Quellflüsse sowie den Hauptstrom des Indus zugesprochen bekommen, Indien die der drei östlichen. Da diese aber wegen übermäßiger Nutzung des Wassers häufig trocken fallen, erhält Pakistan auf Grundlage des »Indus-Wasservertrags« von 1960 Entschädigungszahlungen aus Indien.

»Wohnsitz des Schnees« ist die Übersetzung des sans­k­ri­tischen Wortes Himalaja. Hindukusch, Karakorum, Pamir, Himalaja und der Ostabbruch der tibetischen Hochebene bilden für die wasserreichen Winde des Monsuns eine Barriere, an deren Abhängen gewaltige Niederschlagsmengen abregnen. Meteorologen nennen diese Gebirge oftmals auch »den dritten Pol« – vor allem wegen der in seinen Gletschern gebundenen Wassermassen – etwa 15 Prozent der weltweiten Menge an Eis und Schnee.

Doch die Bildung von Gletschereis geht auch in diesem höchsten Gebirge der Erde immer weiter zurück. Die Eistemperatur des Khumbu-Eisbruchs am Mount Everest, des höchsten Gletschers der Welt, beträgt meist nur noch wenige Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt. Eine Bindung der Monsunniederschläge in Form von Schnee und Eis findet kaum mehr statt. Die Gletscher von Hindukusch, Karakorum, Pamir und Himalaja gehen immer schneller zurück und verstärken das sommerliche Hochwasser vor allem am Indus durch immer größer werdende Mengen an Schmelzwasser. Jährlich, so wird angenommen, verlieren die Gletscher in diesen Gebirgen etwa einen Meter an Dicke. In den letzten 40 Jahren verloren sie in etwa ein Viertel ihrer Masse.

Sieben der größten Flüsse Süd- und Ostasiens beziehen ihr Wasser überwiegend aus den Monsunregen dieses »Wasserschlosses«: Indus, Ganges, Brahmaputra, Salween/Irawaddy, Mekong, Jangtse und Huang He. Diese Flüsse sind – so die Vorhersagen der Meteorologen – in den nächsten Jahren vor allem dann hochwassergefährdet, wenn starke Monsunregen wie in diesem Jahr mit einer größeren Menge von Gletscherwasser zusammenfallen. Beides ist eine Folge des Temperaturanstiegs. Vor allem Indus und Brahmaputra beziehen einen relevanten Teil ihres Wassers aus Gletschern. Diese Flüsse versorgen zwischen 1,5 und 2 Milliarden Menschen mit Wasser, ein Viertel der Weltbevölkerung.

Versunken im Monsun

Die höchsten Niederschlagsmengen an einem Ort wurden im Nordosten Indiens in Cherrapunji an der Grenze zu Myanmar gemessen: Am 15. und 16. Juni 1995 fielen innerhalb von 48 Stunden 2.493 Millimeter Regen, mehr als das dreifache der jährlichen Menge in Deutschland. Der jährliche Durchschnitt liegt hier bei etwa 11.000 Millimetern; das ist das 15fache der Menge in Deutschland und weltweites Maximum.

In der Volksrepublik China führten am Jang­tse heftige Monsunregen vor allem in den engen Tälern des Oberlaufs immer wieder zu großen Überflutungen. Bislang konnte das größte Wasserkraftwerk am »Dreischluchtendamm« bei der Industriemetropole Chongqing diesen Fluten standhalten. Die Gefährdung durch Hochwasser war auch immer wieder das zentrale Argument gegen den Bau. 2008 waren es am Damm 70.000 Kubikmeter pro Sekunde und damit um 140 Prozent mehr als bei der verheerenden Flut von 1998. Das größte Hochwasser ereignete sich im Jahr 1931; damals sollen bis zu drei Millionen Menschen in den Fluten des Jangtse ums Leben gekommen sein. Doch auch in den letzten Jahren sind verheerende Überschwemmungen registriert worden. Immer wieder können die beiden größten Süßwasserseen Chinas, der Poyang und der Dongting, die in »normalen« Jahren als riesige Rückhaltebecken fungieren, nicht genügend Wasser zurückhalten. Der Wasserspiegel des mehrere tausend Quadratkilometer großen Poyang schwankt dabei um bis zu zwanzig Metern.

Die verheerenden Überschwemmungen der Vergangenheit am Gelben Fluss (Huang He) sind durch eine Reihe von Stauseen am Oberlauf weitgehend eingedämmt. Allerdings transportiert der Gelbe Fluss die größte Sedimentmenge aller Flüsse weltweit mit sich, wodurch in relativ kurzer Zeit alle Stauseen gefüllt werden und immer weniger als Puffer gegen Überschwemmungen taugen. Teilweise ist diese Sedimentmenge so groß, dass der Fluss mehrere Meter über dem umgebenden Land entlang fließt (wie es teilweise auch am Niederrhein der Fall ist), so dass ein Dammbruch verheerende Folgen hat. Dies wurde in den letzten Jahrhunderten immer wieder auch in Kriegen genutzt, zuletzt von Chiang Kai-shek im Kampf gegen die japanische Invasion in den 1930er Jahren. Die Wassermenge des Huang He schwankt innerhalb eines Jahres erheblich – von minimal 1.900 bis maximal 33.000 Kubikmeter pro Sekunde (also das 16fache). Infolge von Wasserentnahmen für die Landwirtschaft fällt er im Unterlauf bis zur Mündung mehrere Monate im Jahr sogar trocken (ähnlich wie der Colorado River in den USA und Mexiko, der inzwischen fast nie Wasser bis in den Golf von Kalifornien in Nordmexiko transportiert).

Doch in diesem Jahr war alles anders: Die jährlichen Hochwasser des Monsuns blieben aus, Jangtse und Huang He hatten extrem niedrige Wasserstände, so dass teilweise die Stromversorgung rationiert wurde (beispielsweise in Chongqing, wo die Einkaufszentren nur wenige Stunden geöffnet waren). Es gibt Befürchtungen, dass China infolge der Verlagerung des Monsungeschehens nach Westen zunehmend vom Wassermangel bedroht ist. Einige Auguren befürchten sogar, dass die großen Ströme, die aus dem »Wasserschloss« Himalaja nach Südasien abfließen, von der VR China nach Norden und Osten umgeleitet werden sollen, um der Wasserknappheit langfristig entgegenzuwirken.

An vielen südasiatischen Flüssen fehlen Regulierungen nahezu völlig. Speziell die südpakistanische Provinz Sindh im Mündungsgebiet des Indus und Bangladesch (Ganges und Brahmaputra) – beides sehr flache Ebenen von Schwemmland – werden wahrscheinlich von solchen extremen Überflutungen immer stärker bedroht sein. In diesen Schwemmlanddeltas verknüpft sich das Hochwasser der Flüsse mit dem Ansteigen des Meeresspiegels in dramatischer Weise. Auch im Delta des Irawaddy in Myanmar kamen zum Beispiel 2015 mehrere Hundert Menschen in den Fluten ums Leben.

Lediglich beim Mekong wurden zwischen Vietnam und Kambodscha durch mit großen Ringdeichen angelegte Überflutungsflächen im Mittellauf die eng besiedelten Gebiete im Unterlauf und im Delta geschützt, so dass sich die Überschwemmungen von 2000 und 2011 nicht mehr so gravierend auswirken konnten.

Verschiebung nach Westen

Für Südasien besteht die Perspektive von Monsunmonaten (insbesondere im Sommermonsun) mit unkalkulierbar starken Regenmengen. In den nächsten Jahrzehnten wird die Wassermenge im Sommer durch das Schmelzen der Gletscher noch größer, bevor sie dann nach deren Abschmelzen allein durch den aktuellen Niederschlag bestimmt wird.

Ostasien dagegen – insbesondere China – wird, wenn die Verschiebung der Niederschlagsmengen nach Westen anhält, weniger von Überschwemmungen als von Dürrejahren betroffen sein, da seine großen Flüsse sich immer weniger aus den Monsunregen, sondern aus dem trockener werdenden tibetischen Hochland und den abschmelzenden Gletschern des Himalaja speisen.

Anders ist die Situation in Zentralasien. Hier werden zwar teilweise Starkregenereignisse prognostiziert, die aber den Gesamtniederschlag nur unwesentlich erhöhen werden (unter anderem in der Mongolei, wenn der Monsun den Himalaja und Tibet überwindet und Wasser in den Norden transportiert). Landwirtschaft kann in diesen Ländern nur dort betrieben werden, wo mehr als 300 Millimeter Niederschlag im Jahr fällt oder aber genügend Süßwasser als Fließ- oder Grundwasser zur Verfügung steht. Jeder Anbau in diesen Trockengebieten hat aber das Risiko der Versalzung der Böden sowie einer Zunahme der Erosion zur Folge. In weiten Teilen Zentralasiens ist Fließwasser kaum mehr vorhanden, so dass immer mehr auf Grundwasser zurückgegriffen werden muss. Dieses Grundwasser ist zum großen Teil aber versickertes Niederschlagswasser (unterirdische »Flüsse«), aber zu einem immer mehr zu beachtenden Teil auch Wasser aus vergangenen Erdperioden.

Auch wenn die heftigen Monsunregen in manchen Jahren ihren Weg über die Gebirgsbarriere schaffen und auch in der Mongolei zu Starkregenereignissen führen, wird sich nach allen Prognosen der jährliche Niederschlag in der Mongolei nur unwesentlich erhöhen. Die größten Flüsse Sibiriens entspringen in der Mongolei (Jenissej und Selenge/Angara), dem russisch-mongolischen Altai-Gebirge (Ob, Irtysch), dem nordostmongolischen Chentii-Gebirge und dem transbaikalisch-südsibirischen Bergland (Amur und teilweise Lena). Sie beziehen ihr Wasser aus den sehr geringen Niederschlägen sowie aus dem im auftauenden Permafrostboden gebundenen Wasser. Im Altai gibt es nur noch wenige Gletscher, die wahrscheinlich in fünfzig Jahren gänzlich verschwunden sein werden. Die Permafrostgrenze zieht sich in der Mongolei immer weiter in Richtung Sibirien zurück. Auftauender Permafrost ist dabei nicht nur eine Quelle für die Treibhausgase Methan und Kohlendioxid, sondern auch für zusätzliches Wasser: Ein Kubikmeter Permafrost enthält etwa 500 Liter Wasser. Ein Auftauen lässt also nicht nur Gebäude oder Industrieanlagen im Untergrund versinken, sondern führt auch zu dem Paradoxon immer größer werdender Sumpfgebiete in einem eher regenarmen Land.

Zwischen Russland und der Mongolei gibt es eine schwelende Auseinandersetzung um die Wassernutzung. So werden in der Mongolei immer wieder Pläne geäußert, das Wasser aus der Selenge, dem Orkhon und aus dem Chentii umzuleiten, um angeblich den Bewohnern der Hauptstadt Ulan Bator genug Wasser zur Verfügung stellen zu können (dort fällt der Grundwasserspiegel in dramatischer Weise ab). Die Selenge ist der größte Zufluss des Baikalsees. Starkregenereignisse in der Mongolei können einige Zeit später zu mehrere Zentimeter höheren Pegelständen in Listwjanka am Ausfluss des Baikalsees führen.

In Wahrheit geht es aber bei diesen Projekten der Umleitung von Flüssen kaum um das Trinkwasser für die Hauptstadt Ulan Bator oder die Wasserversorgung der Viehhalter in der Steppe, sondern darum, den Wasserbedarf der großen Minen in der Wüste Gobi zu decken, insbesondere der großen Gold- und Kupfermine Ojuu Tolgoi (Jadehügel) oder auch der im Bau befindlichen Lithiummine an der Grenze zur Volksrepublik China.

Würden diese Pläne umgesetzt, würde die Selenge, der größte Zufluss zum Baikalsee, weit weniger Wasser dorthin bringen und auch die Quellflüsse des Amur aus der Mongolei würden die Wassermenge dieses Flusses verringern. Russland hat daher mit Konsequenzen gedroht, insbesondere mit einer Reduzierung der Stromlieferungen aus den großen Kraftwerken bei Bratsk an der Angara (kurz vor dem Zusammenfluss mit dem Jenissej).

Streit um Staudämme

Die Wasserversorgung der fünf zentralasiatischen Staaten Tadschikistan, Kirgistan, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan hängt nahezu vollständig von den Gletschern der hohen Gebirge Asiens ab. Im Westen ist es der aus Tadschikistan kommende Amudarja, der als Grenzfluss zwischen Tadschikistan und Afghanistan in das Tiefland Turkmenistans und das südliche Usbekistan fließt. Weiter im Norden kommt der Syrdarja aus Kirgistan ins Ferganatal Usbekistans. Der Amudarja, dessen Wasser zur Zeit des Sozialismus zur Bewässerung der großen Baumwollfelder Usbekistans und Turkmenistans genutzt wurde, erreicht heute den mittlerweile nahezu völlig ausgetrockneten Aralsee nicht mehr. Lediglich der nördliche kleine Teil des Aralsees, der durch einen Damm vom ausgetrockneten südlichen Teil abgetrennt worden ist, kann noch mit dem Restwasser des Syrdarja zum Fischfang genutzt werden.

Dabei kommt es zwischen den derzeit noch wasserreichen »Oberliegern« Tadschikistan und Kirgistan und den »Unterliegern« Usbekistan und Turkmenistan immer wieder zu heftigen Konflikten um die Wassernutzung. Kasachstan ist derzeit noch etwas weniger von der Wasserknappheit betroffen, da das »Siebenstromland« noch von Wasser aus dem nördlichen Tian Shan in Kirgistan durchflossen wird, das aber den immer kleiner werdenden Balchaschsee kaum mehr füllt.

Die Konflikte entzünden sich vor allem an den Staudammprojekten der »Oberlieger«, die ihren Energiebedarf aus Wasserkraftwerken decken. Damit hängt die Abflussmenge zu den »Unterliegern« direkt am Rhythmus des Energiebedarfs der »Oberlieger«. Die damit verbundene saisonale Verteilung der Wassermenge harmoniert in keiner Weise mit dem Wasserbedarf vor allem der Landwirtschaft der »Unterlieger«. Dieser Konflikt wird immer wieder in komplizierten Verhandlungen über Energielieferungen der »Oberlieger« an die »Unterlieger« zu dämpfen versucht.

Die 2021 wieder aufflammende kriegerische Auseinandersetzung zwischen Tadschikistan und Kirgistan hat ihren Grund auch in der Kontrolle von Wasserstellen im fruchtbaren Ferganatal, das zwischen den drei Staaten Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan aufgeteilt ist.

Speziell Turkmenistan ist heute eine nahezu wasserlose Wüste. In zwei Dritteln des Landes gibt es keine Fließgewässer. Die noch vor wenigen tausend Jahren aus dem iranischen Hochland in das damals blühenden Königreichs Margiana der Bronzezeit (etwa vor 4.000 Jahren) fließenden Ströme sind mittlerweile mehrere Monate im Jahr ausgetrocknet. Das Projekt, im Nordwesten einen großen künstlichen See aus landwirtschaftlichen Abwässern in der Karaschor-Senke anzulegen, ist höchst umstritten.

Im Jahr 2015 hat die UNESCO eine Karte der grenzüberschreitenden Aquifere erstellt, auf deren Grundlage dann im Jahr 2020 eine umfangreiche Studie zu diesen unterirdischen Wasservorräten und unterirdischen Wasserläufen der fünf zen­tralasiatischen Staaten veröffentlicht wurde. Die Studie steht im Zusammenhang der One-Belt-One-Road-Inititative (Neue Seidenstraße) und wurde vor allem von chinesischen Wissenschaftlern erstellt. Sie soll dazu beitragen, den Wassermangel in diesem Teil der Welt besser zu managen. Dabei ist der Begriff »Aquifer« nicht ganz trennscharf. So wird er unter anderem gebraucht, um relativ oberflächennahe unterirdische Wasserläufe in wasserdichten Schichten zu bezeichnen, sozusagen die »Unter«-Arme bestehender Flüsse. Andererseits wird der Begriff auch für unterirdische Wasservorräte gebraucht, die teilweise vor Millionen von Jahren in unterirdischen »Blasen« eingeschlossen worden sind und nun ihrer Verwertung entgegengehen – eine Ressource durchaus vergleichbar mit den unterirdischen Öl- und Gasvorkommen. Die Nutzung von Wasser aus Aquiferen wurde beispielsweise von Muammar Gaddafi im Süden Libyens an der Grenze zum Sudan als das zentrale Projekt der »grünen Wüste« entwickelt, was zu erheblichen Konflikten mit dem Nachbarland führte, das Libyen als Wasserdieb bezeichnete, da das Aquifer mehrheitlich unter sudanesischem Staatsgebiet liegt.

Ein großer Teil der Aquifere Turkmenistans befinden sich an der Grenze zum Iran. Auch in Kasachstan, in Shendeldy bei Almaty, sollen solche Aquifere erschlossen werden. An der Grenze zwischen Kasachstan und Usbekistan liegt in einer Senke das »Pretashkent grenzüberschreitende Aquifer«, das nun erschlossen werden soll.

Das neue Öl?

Tatsächlich beziehen sich die derzeitigen Wasserkonflikte noch im wesentlichen auf die Nutzung der Oberflächengewässer. Doch je weniger Wasser hier genutzt werden kann, um so mehr rücken die unterirdischen Wasserläufe in den Blick – sowohl für die menschliche und tierische Nutzung als auch für die Industrie, insbesondere den Bergbau. Wenn Wasser aus solchen sehr alten »Wasserblasen« im Untergrund zur profitversprechenden Ware wird, gerät Wasserdiebstahl zum allgegenwärtigen Verbrechen wie früher das »schräge Anbohren« von Ölvorkommen auf dem Land des Konkurrenten (der Vorwurf des »Schrägbohrens« des Rumaila Ölfelds auf irakischem Staatsgebiet durch Kuwait war einer der Gründe für den Einmarsch des Irak nach Kuwait im Jahr 1990). In Zentralasien könnten Kriege bald also nicht nur um Oberflächenwasser, sondern auch um die unterirdischen Vorkommen ausgetragen werden.

Eike Andreas Seidel kommt aus dem Kommunistischen Bund und der Antifa-Bewegung der 1970er Jahre. Seit vielen Jahren betreibt er eine Webseite zur Mongolei (www.munx-tenger.de) und beschäftigt sich intensiv mit Zentralasien.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum ( 9. November 2022 um 23:01 Uhr)
    Ausgesprochen wichtiger und informativer Artikel! Da scheinen ein paar wesentliche Probleme der nahen Zukunft auf. Eines davon: Ist Lithium und Kupfer (= Elektrifizierung von allem) wirklich die grüne Zukunft? Möglicherweise gibt es eine vernünftigere Verwendung von Wasser als zur Lithiumcarbonatgewinnung. (…)

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Proteste außer Kontrolle. Das von Demonstranten in Brand gesetzt...
    08.01.2022

    Postsowjetische Pulverfässer

    Russlands zentralasiatische Südflanke ist ein Hinterland voller Risiken. Stabilisieren kann Moskau die Region nur an der Seite Chinas
  • Ohne bleibende Wirkung. Die vom Westen finanziell und materiell ...
    16.12.2016

    West- oder Ostanbindung?

    Die Militärintervention in Afghanistan führte die US-Armee und den IWF in die Staaten Zentralasiens. Damit konnte der Einfluss anderer Mächte zurückgedrängt werden. Doch Beijing und auch Moskau sind längst wieder präsent
  • 27.02.2009

    Neue Wege durch Usbekistan

    Washington und Taschkent treffen Vereinbarung über den Transport nichtmiliärischer Nachschubgüter für Afghanistan