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03.06.2026
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Was bedeutet die Schließung für Patienten?
Das Betriebsende der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik könnte Leben kosten, warnt Karen Landwehr
Die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik im niedersächsischen Ahlhorn gilt als eine der wenigen spezialisierten Einrichtungen für suchtkranke Kinder und Jugendliche in Deutschland. Zum 30. Juni wird die Klinik ihren Betrieb endgültig einstellen, wie der Trägerverein Leinerstift e. V. Mitte Mai mitgeteilt hatte. Wie kam es dazu?
Bereits Mitte März hatten wir angekündigt, dass dieser Schritt notwendig wird, sofern keine Finanzierungslösung gefunden wird. Danach gab es ein enormes mediales und öffentliches Interesse. Dadurch kamen zwar Gespräche mit Politik und Kostenträgern zustande, aber leider ohne das Ergebnis, das wir uns erhofft hatten. Wir mussten feststellen, dass insbesondere seitens der Deutschen Rentenversicherung wenig Bereitschaft bestand, uns entgegenzukommen. Anfang April hatten wir noch einen kurzfristigen Lösungsvorschlag für eine Übergangsfinanzierung eingebracht, doch auch dieser fand keine Beachtung. Eine nachhaltige und auskömmliche Finanzierung war am Ende nicht in Sicht.
Was bedeutet die Schließung für die Patienten?
Für die jungen Menschen, die derzeit bei uns sind, ist die Situation belastend. Viele haben den Medienrummel wahrgenommen, und nicht alle können ihre Rehabilitation vollständig bei uns abschließen. Dennoch halten wir bis zuletzt das gesamte Versorgungssystem aufrecht. Besonders dramatisch ist die Situation aber für diejenigen, die künftig auf Hilfe angewiesen wären. Es gibt in Deutschland kaum vergleichbare stationäre Angebote für schwer suchtkranke Kinder und Jugendliche.
Viele unserer Patientinnen und Patienten berichten, dass sie in ihrem Umfeld bereits Menschen durch Drogen verloren haben. Einige sagen ganz offen: Wenn sie nicht in der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik wären, wären sie vermutlich tot. Das zeigt, wie dramatisch die Situation tatsächlich ist und dass die Schließung Leben kosten könnte. Die Verfügbarkeit von Substanzen über soziale Medien und digitale Netzwerke ist heute deutlich größer. Jugendliche kommen schneller und einfacher an gefährliche und hochtoxische Stoffe. Dieser Trend wird sich in Zukunft eher verstärken. Deshalb reicht Prävention allein nicht mehr aus.
Die Zahl suchtkranker Jugendlicher steigt.
Wir erleben ein strukturelles Systemversagen. Auch im Austausch mit Experten sowie dem Drogen- und Suchtbeauftragten der Bundesregierung wurde deutlich, dass die Zahl schwer abhängigkeitserkrankter junger Menschen zunimmt. Dabei geht es längst nicht mehr nur um klassische Drogen.
Das heißt, es gibt bundesweit grundsätzlich zuwenig Hilfsangebote?
Ja, praktisch auf allen Ebenen. Das beginnt schon bei den Beratungsstellen, die häufig auf Erwachsene ausgerichtet sind. Danach fehlen Plätze für qualifizierte Entgiftungen, und auch stationäre Rehaangebote sind extrem begrenzt. Die Deutsche Rentenversicherung spricht von rund 450 Plätzen bundesweit. Experten und Einrichtungen wie unsere kennen allerdings nur etwa 85 stationäre Rehaplätze speziell für suchtkranke Kinder und Jugendliche. Wo die übrigen Plätze sein sollen, wurde uns bisher nicht erklärt. Und selbst nach einer erfolgreichen Therapie fehlen Anschlussangebote, etwa Wohngruppen oder ambulante Betreuung. Diese jungen Menschen brauchen oft über Jahre hinweg Unterstützung. Genau diese langfristigen Strukturen fehlen.
Haben die politisch Verantwortlichen versucht, der Klinik unter die Arme zu greifen?
Wir haben seit der Übernahme der Klinik Ende 2024 intensiv Gespräche mit Rentenversicherung, Krankenkassen und Jugendhilfe geführt. Unser Ziel war ein tragfähiges Finanzierungskonzept. Unter anderem beantragten wir die Aufnahme in den niedersächsischen Landesbettenplan, damit in Ahlhorn kinder- und jugendpsychiatrische Krankenhausbetten entstehen können. Der Antrag wurde weder abgelehnt noch bewilligt, das Thema wurde letztlich ausgesessen.
Das Kernproblem ist: Diese jungen Menschen benötigen Hilfen aus mehreren Bereichen gleichzeitig – aus dem Gesundheitswesen, der Rentenversicherung und der Jugendhilfe. Unsere Sozialgesetzbücher sehen solche übergreifenden Lösungen bislang kaum vor. Auch die Bereitschaft, ein Modellprojekt in Ahlhorn zu ermöglichen, war nicht vorhanden.
Hendrik Streeck hat sich als Bundessuchtbeauftragter zuletzt sehr für den Erhalt der Klinik engagiert und zugesagt, sich auch weiterhin für die Versorgung suchterkrankter Kinder und Jugendlicher einzusetzen.
Was erwartet die Beschäftigten?
Wir haben innerhalb der Leinerstift-Gruppe frühzeitig nach Lösungen gesucht. Niemand wurde gekündigt. Auch nach dem 30. Juni wird am Standort weitergearbeitet – allerdings nicht mehr als Rehaklinik. Geplant sind stationäre Wohngruppen der Jugendhilfe mit Schwerpunkt Suchterkrankungen. Uns war wichtig, die vorhandene Expertise in Ahlhorn zu erhalten. Dort arbeiten hochqualifizierte und erfahrene Fachkräfte, und dieses Wissen soll nicht verloren gehen.
Karen Landwehr ist Sprecherin des Leinerstift e. V., des Trägervereins der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn
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