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Aus: Ausgabe vom 20.11.2020, Seite 12 / Thema
Corona und Altersklassen

Gegeneinander ausgespielt

Nur eine Geschichte von Kämpfen zwischen den Altersklassen? Über die Coronakrise, Regression und die Generationenrhetorik für Sozialabbau
Von Michael Klundt
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Die Frau links hat seine Rente sicher nicht, doch Medien und Politiker hetzen lieber die Generationen gegeneinander auf, als die wahren Gründe für Sozialabbau zu benennen (Würzburg, 24.1.2020)

Schaut man auf viele große bürgerliche Print- und TV-Medien der letzten Monate, so ist ein »Krieg der Generationen« scheinbar eine ausgemachte Sache, jeglicher Zweifel daran erscheint zwecklos. Doch schon lange vor der Coronapandemie schwadronierten nicht nur Boulevardblätter etwa von der Ausbeutung und Unterdrückung der Jungen durch die Alten. Wirtschaftsliberale Ökonomen wie Thomas Straubhaar sahen in Deutschland eine »Diktatur der Rentner« aufscheinen, und manche Journalistinnen und Journalisten sprachen von der »Rentnerrepublik Deutschland« (Die Welt, 9.2.2017), während andere behaupteten, die große Koalition habe mit ihrem Konzept der sogenannten Grundrente »den Generationenkrieg angeheizt« (Spiegel, 14.11.2019). Mit der Coronakrise und dem Lockdown haben sich diese Diskurse zugespitzt.

Der in vielen Bereichen eingetretene gesellschaftliche Rückschritt ist kaum mehr zu übersehen. Nach den bisherigen internationalen und nationalen Berichten und Untersuchungen lässt sich feststellen, dass zum Beispiel Kinder im allgemeinen ganz besonders unter den Einschränkungen durch Kontaktsperren, Bildungsexklusionen sowie Spiel- und Sportplatzverbote zu leiden haben bzw. hatten (vgl. »Pandemie und Profit«, junge Welt, 12.11.2020). Dabei macht es einen Unterschied, ob die Kinder wohlhabender Eltern mit großen Häusern, Gärten und anderen Kompensationsmöglichkeiten gesegnet sind oder in einer zu kleinen Großstadtwohnung mit viel zuwenig Bewegungsraum, reduzierten Versorgungsmöglichkeiten, enormen existentiellen Sorgen und mangelhafter Hardwareausstattung zurechtkommen müssen. Kurz gesagt: Durch ­Corona und die Maßnahmen dagegen konnten die Privilegierten ihren Vorsprung an Partizipation und Bildungschancen weiter ausbauen. Sie blieben während der Coronakrise bevorteilt und werden noch privilegierter; die Benachteiligten dagegen bleiben aufgrund von Bildungsexklusion, »Homeschooling« und fehlenden finanziellen Mitteln weiterhin überwiegend unterprivilegiert und werden noch stärker diskriminiert.

Somit droht mit der Coronakrise die gesellschaftspolitische Restauration eines autoritär-patriarchalen Kapitalismus, und die Frage, ob sich Deutschland mit der Coronakrise regressiv entwickelt, kann leider nicht mehr evidenzbasiert verneint werden. Denn wenn viele Millionen Menschen in Kurzarbeit geschickt werden, wenn sich damit durch wegfallendes Erwerbseinkommen tendenziell Armutslagen, soziale Polarisierung und durch Coronamaßnahmen die Bildungsungleichheiten weiter zuspitzen¹, wenn die in der Regel etwa 20 Prozent höheren Einkommen der Männer wieder deutlicher an Bedeutung gewinnen und die Retraditionalisierung geschlechtlicher Arbeitsteilung sowie Reprivatisierung sozialer Risiken begünstigen², so sind dies eindeutige Hinweise auf einen gesellschaftlichen Rückschritt im neoliberalen Zeitalter (sogar im Vergleich zum wahrlich nicht idyllischen Zustand vor der Krise).

Gleichwohl waren und sind während der ­Coronakrise auch ein Potential zu gesellschaftlicher Solidarität und antineoliberale Tendenzen zu erkennen. Wenn es um verschiedenste Hilfsaktionen für bedürftige Menschen ging, waren stets auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene beteiligt. Auch haben einige zur Kenntnis genommen, wer in unserer Gesellschaft – unter meist äußerst schäbigen Bedingungen – wirklich wichtige Arbeit ausübt, welche Politikerinnen und Politiker noch kurz vor der Krise Krankenhäuser privatisierten und schließen sowie Sozialausgaben kürzen wollten. So sagte zum Beispiel der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor etwa drei Jahren als damaliger Staatssekretär im Finanzministerium, dass doch der Sozialetat ruhig zugunsten von Militär und Rüstung zurückstehen könnte. »Etwas weniger die Sozialleistungen erhöhen in dem einen oder anderen Jahr – und mal etwas mehr auf Verteidigungsausgaben schauen«, forderte der CDU-Spitzenpolitiker in einem Interview mit Bild (21.2.2017). Noch Ende Januar 2020 sprach Spahn, inzwischen Gesundheitsminister, von einem im Vergleich zur Grippe »milden Infektionsgeschehen«. Anfang Februar behauptete er dann, es seien ausreichend Intensivstationen mit guter Ausstattung vorhanden. Am 26. Februar wandte er sich öffentlich gegen die Absage von Großveranstaltungen. Noch am 14. März trat Spahn »Gerüchten« entgegen, die Bundesregierung plane Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Viele seiner Kolleginnen und Kollegen waren wie er damit beschäftigt, das Gesundheitssystem unter anderem über Fall­pauschalen kaputt zu kürzen und zu privatisieren, dann über Wochen die durch Fastnacht, Biergärten und Karneval insbesondere in Bayern und Nordrhein-Westfalen drohende Coronagefahr zu verschlafen, und schließlich die großen Krisenmanager zu spielen.

»Coronastreber« und »Coronapartys«

Zugleich hatte sich inzwischen der Frust über die Coronamaßnahmen auch politisch und medial immer stärker ausgebreitet. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 17. Mai prognostizierte die Autorin Livia Gerster unter dem Titel »Generation Y: Wir Corona-Streber«: »Über die Maßnahmen in der Krise bahnt sich ein neuer Generationenkonflikt an: zwischen braven, Abstand haltenden Jungen und ihren widerspenstigen, spaßsüchtigen Eltern.« Zugleich mehrten sich Berichte über Zusammenkünfte junger Leute (meist ohne Masken) im öffentlichen Raum.

Forderten die einen: »Sperrt die Alten weg!«, antworteten die anderen: »Lasst die Kinder zu Hause!« (da sie »die« Virenverbreiter seien). Auf empirisch sehr schwacher Basis hielt sich in den meisten Medien und in der Politik lange das Dogma, dass Kinder schlechterdings »die Virenverbreiter« seien und es nötig wäre, alle über dreizehn Millionen Kinder und Jugendlichen in Deutschland von jeglichen Bildungs-, Betreuungs- und Betätigungseinrichtungen fernzuhalten, was dann ja auch so durchgeführt wurde (und jede öffentlich zugängliche Schaukel in jedem Hinterhof Deutschlands wurde abgesperrt, die Grünflächen des Hinterhofs bzw. vieler Parks damit zugleich verkleinert, was besonders die städtische Bevölkerung ohne Privatgärten traf). Zugleich waren oder wurden Fließbandarbeit, Busse, Baumärkte, Biergärten und Bundesliga am Laufen gehalten bzw. schneller wieder geöffnet als beispielsweise alle Einrichtungen offener Jugendarbeit. Unterdessen schlichen sich in die Coronadiskurse immer wieder generationenpolitische Positionen, die in der Klage über die Situation junger Menschen alte Menschen als Verursacher darstellten oder bei der Kritik an den dramatischen Bedingungen für alte Menschen in Pflegeeinrichtungen die vergnügungssüchtigen jungen Leute als Verursacher der riskanten Lage ausmachten.

Zwar zeigte auch die aktuelle vom Sozialforschungsinstitut Sinus durchgeführte Jugendstudie vom 23. Juli, dass eine große Mehrheit der Jugendlichen während der gesamten Coronazeit ziemlich verantwortungsvoll, hilfsbereit und solidarisch mit (älteren) Risikogruppen umging und eingestellt war.³ Doch die Feindbilder von massenhaft Coronapartys feiernden Jugendlichen und jungen Erwachsenen einerseits und von Masken verweigernden, unbelehrbaren Alten andererseits treiben im Moment die mediale Quote hoch. In den gleichen Medien finden sich auch schon mal genauso undifferenziert »die Jungen« oder »die Alten« als angeblich jeweils alleinige Opfer der Krise. Doch diese Darstellungen verdecken die realen sozioökonomischen Widersprüche, Herrschaftsverhältnisse und Machtungleichheiten innerhalb der Generationen vor, während und nach der Coronakrise.

Polemischer Generationendiskurs

Wie selbstverständlich wird überall in Medien und Politik nach den großen Konjunkturpaketen des Sommers 2020 in Deutschland und in der Europäischen Union von »Schulden auf Kosten künftiger Generationen« geredet. Zugleich wird hingegen genauso bedenkenlos verschwiegen, welche leistungslosen Vermögen in der gleichen Zeit an einen Teil der jungen Generationen wohl zukünftig vererbt werden, so dass sich diese in hauptsächlich steuerzahlende Schuldnerinnen und Schuldner und überwiegend vermögende, Zinsen und Dividenden beziehende Gläubigerinnen und Gläubiger teilt.

Für die medialen Generationenkrieger war und ist auch mit der pandemiegetriebenen Kapitalismusentwicklung der »Generationenkonflikt in der Coronakrise« unübersehbar, wie etwa der Tagesspiegel am 26. April 2020 schrieb. Und im Südwestdeutschen Rundfunk (SWR) befürchtete man: »Die Coronakrise kann den Generationenkonflikt verstärken« (SWR 2, 23.4.2020). Schnell war in der Zeitung Die Welt vom 23. Mai klar, dass »die« Senioren zu den Krisenprofiteuren gehören, während alle anderen darunter nur zu leiden hätten. Dem widerspricht zumindest eine Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke, wonach über die Hälfte aller gesetzlichen Renten unterhalb von 1.000 Euro liegen. »Danach liegt mehr als jede zweite gesetzliche Rente (56,2 Prozent) unter 1.000 Euro. Fast ein Viertel (23,8 Prozent) der Rentner – das sind fast fünf Millionen Menschen – bekommt laut den Angaben der Regierung sogar weniger als 500 Euro aus der gesetzlichen Versicherung.«⁴ Eine homogene Klasse von »Krisenprofiteuren« sähe doch etwas anders aus.

Nichtsdestotrotz forderte auch der Experte für finanzmarktgetriebene Altersversorgung und Sozialstaatsprivatisierung, Bert Rürup, sofort, den Alten müsse genommen werden, damit es den Jungen bessergehen könne. Ganz nach dem neoliberalen Motto der zurückliegenden Jahrzehnte, wonach die Jungen arm seien, weil die Alten reich seien und man deshalb – selbstverständlich im Namen der jungen Generationen – die Renten kürzen, privatisieren und das Renteneintrittsalter anheben müsse, argumentierte der Lobbyist der Privatversicherungsindustrie gegen eine Lebensstandardsicherung, welche die Rentenentwicklung an die Lohnentwicklung koppelt: »Rentner müssen an den wirtschaftlichen Kosten der Coronakrise beteiligt werden.«⁵ Auch hier ist wieder selbstredend klar, dass alle Rentnerinnen und Rentner gleich sind, gleich reich, gleich privilegiert und gleich profitierend von der Krise. Wie immer im polemischen Generationendiskurs wird hier von einer klassenlosen Gesellschaft ausgegangen, sobald Menschen das Renteneintrittsalter erreicht haben. So spricht einer der medial prominentesten wissenschaftlichen Renten- und Sozialstaatsexperten.

Unterdessen befördern laut der Journalistin Dorothea Siems die Coronakrise und die damit verbundenen Maßnahmen den Kampf »Jung gegen Alt«. In der Welt vom 23. Mai stellt sie »die Alten« als »die« Profiteure der Krise dar: »Rentner sind die Gewinner – für den Rest bleibt nur große Ungerechtigkeit«. Mehrere Effekte seien verantwortlich dafür, dass sich die Coronakrise »tendenziell zugunsten der Rentner und zu Lasten der jüngeren Generationen« auswirke. Hätte Siems beim Thema Altersversorgung und Generationenverhältnis nicht nur an Rentner, sondern auch an Rentnerinnen gedacht, wäre ihr wahrscheinlich aufgefallen, dass diese Gruppe sozial wesentlich heterogener aussieht, als ihr homogenisiertes Bild vom privilegierten Pensionär suggeriert. Davon unbekümmert setzt sie fort: »Die Ruheständler sind zwar voll am Aufschwung, aber überhaupt nicht mehr am Abschwung beteiligt. Dafür müssen die Jüngeren in den kommenden Jahrzehnten neben den Lasten der Demographie nun auch noch die coronabedingten neuen Schulden schultern. Schon bald drohen in Deutschland heftige Verteilungskonflikte«. Somit wurden mal wieder Kämpfe zwischen den Generationen heraufbeschworen: »Während die Löhne sinken, bleiben die Renten per Gesetz stabil. Mehr noch: Wenn die Gehälter nach der Krise wieder anziehen, profitieren die Älteren um so mehr. Der Jugend blühen hohe Schulden – und im schlimmsten Szenario italienische Verhältnisse. Die größten Einbußen infolge der Krise werden auf lange Sicht aber die heutigen Kinder und Jugendlichen verkraften müssen. Die monatelangen Schulschließungen und das weiterhin stark eingeschränkte Bildungsangebot reduzieren nach neuen Berechnungen ihr künftiges Arbeitseinkommen deutlich – und zwar ein Leben lang.«⁶

Wer in den Zeiten des Lockdowns die Politik für »krisengerechte Kinder statt kindgerechten Krisenmanagements« bemängelt und fehlende Partizipation sowie unbeachtete Armutsfolgen kritisiert⁷, muss damit noch lange nicht die Gefahren der Pandemie leugnen oder den – teils auch nicht freiwillig weggesperrten – Seniorinnen und Senioren die Schuld an geschlossenen Bildungs-, Sport- und Betätigungseinrichtungen geben. In einer beeindruckenden, selbstironischen Einlage sagte der Kabarettist Florian Schröder am 18. Juli im NDR: »Am Ende werden wir sagen: Ein leichter Husten namens Corona hat den Dritten Weltkrieg ausgelöst, weil ein paar alte Leute und ihr Unwillen zum rechtzeitigen Ableben wichtiger waren als die Zukunft unserer Kinder, die das Geld für unsere Konjunkturpakete zurückzahlen müssen.« Er teilt diese Ansicht nicht unbedingt, sondern versuchte, sein Publikum mit dieser Position kritisch und selbstkritisch zu konfrontieren. Dessen ungeachtet drückt sich in dieser Aussage doch eine beeindruckende und offensichtlich gar nicht so unpopuläre Perspektive auf das Generationenverhältnis während der Coronakrise aus. Exemplarisch brachte diese Perspektive der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) im Sat.1-Frühstücksfernsehen zum Ausdruck: »Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.«⁸ Die in solchen Aussagen offenbar vorherrschenden sozialdarwinistischen Klischeebilder von »Kranken«, Alten« und »lebenswerten« bzw. »sterbenswerten« Menschen und die Frage, wer sie wie und mit welchem Recht als solche bezeichnen und behandeln kann, wären einer tiefgründigeren Analyse würdig und sollen hier nur angedeutet werden.

Rente und Sozialabbau

Im Namen einer gerechteren Verteilung der Folgen des demographischen Wandels zwischen Alten und Jungen forderte abermals Dorothea Siems in einem Beitrag in der Welt vom 14. August: »Die einzige Lösung für diesen Sozialstaat lautet – alle müssen länger arbeiten.« Die Autorin referiert darin zustimmend den Abschlussbericht einer Kommission der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) für den Umbau des Sozialstaates. Demnach sollen zur Deckelung der Sozialbeiträge (gemeint: der unternehmerischen Lohn(neben)kosten, denn die Lohnabhängigen sollen diese Kosten am besten privat tragen) verschiedene Leistungen des Sozialstaates eingeschränkt und privatisiert werden – alternativlos, versteht sich. So seien eine »Koppelung der Altersgrenze an die steigende Lebenserwartung, die Einführung einer Pflicht zur kapitalgedeckten Zusatzvorsorge oder ein strikteres Versorgungsmanagement im Gesundheitswesen« notwendig. Das bereits auf 67 Jahre angehobene Renteneintrittsalter solle nach den Forderungen der BDA-Experten noch mal ab 2040 auf 68 Jahre, 2050 dann auf 69 und bis 2060 schließlich auf 70 Jahre angehoben werden. Die »entsprechenden Abschläge [sollten] erhöht und die ›Rente mit 63‹ abgeschafft werden«. Außerdem solle der »von der GroKo mit der Rentenreform 2018 außer Kraft gesetzte Nachhaltigkeitsfaktor (…) wieder eingeführt und zudem verschärft« werden.⁹

Das beabsichtigte erhöhte Renteneintrittsalter, die Verpflichtung zur Privatversicherung für Rente, Gesundheit und Pflege sowie die mit Begriffen wie »strikteres Gesundheitsmanagement«, höhere Renten-»Abschläge«, Pflege-»Nachhaltigkeitsfaktor« sprachlich verschleierten Einschränkungen der Sozialversicherungsleistungen sind somit aus BDA-Sicht notwendige Maßnahmen zur vorgeblich generationengerechten Finanzierung des Sozialstaates. Wie jedoch die Jüngeren gerade in der Coronakrise mehr Arbeitsplätze finden sollen, wenn die Alten länger arbeiten, wird nicht erörtert. Überhaupt fragen sich weder die BDA-Kommission noch die Welt-Journalistin Siems, welche Konsequenzen »strikteres Versorgungsmanagement« im Gesundheitswesen, schärfere Rentenabschläge und geringere Pflegeleistungen bei gleichzeitiger Verpflichtung zu jeweiligen privaten Zusatzversicherungen für die alten und jungen Betroffenen haben. Denn in Wirklichkeit geht es hierbei um den Entzug der Lebensgrundlagen für Millionen von Menschen. Dass darüber hinaus staatliche Verpflichtungen zu sogenannter ergänzender Vorsorge eine milliardenschwere Subventionierung privater Versicherungskonzerne auf Kosten der abhängig Beschäftigten, Versicherten und Steuerzahlenden bedeuten, ist schwerlich zu übersehen. Da es sich bei diesen Forderungen angeblich um »die einzige«, also »alternativlose« Lösung für den Sozialstaat handelt, erübrigen sich scheinbar anderweitige Überlegungen. Der »Klassenkampf von oben« geht unvermindert und noch autoritärer weiter.

Generationensolidarische Antworten

Es ist bemerkenswert, dass zwar in dieser Gesellschaft inzwischen über Kinderarmut und Altersarmut gesprochen wird, aber die Armut von Jugendlichen und jungen Erwachsenen kaum Erwähnung findet. Dies ist um so erstaunlicher, als in der deutschen Gesellschaft die Altersgruppe der 18- bis 25jährigen das größte Armutsrisiko trägt. Deshalb jedoch zu mutmaßen, dass zuviel über Altersarmut und zuwenig über Jugendarmut gesprochen wird, scheint übertrieben – schließlich wird insgesamt zuwenig über die Armut von Kindern, von Jugendlichen und von Alten gesprochen. Lieber werden Erfolgsmeldungen verbreitet, dass es diesen Gruppen im Durchschnitt so gut gehe wie nie zuvor. Doch beim Durchschnitt vergisst man oft die enorme Ungleichheit innerhalb der jeweiligen Generation. Und obwohl in der Gesellschaft lauthals über Fachkräftemangel und fehlenden Nachwuchs gejammert wird, verharren viele junge Menschen im Niedriglohnsektor, in Leiharbeit, Befristung und ungewollter Teilzeit. Dieser Skandal straft viele, die einen Fachkräftemangel behaupten, der unlauteren Motive. Denn gäbe es tatsächlich einen dermaßen hohen Fachkräftemangel, hätten die betroffenen Betriebe schlecht ausgebildet. Und in der Konsequenz müssten eigentlich Löhne angehoben und Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen schleunigst verbessert werden. Angesichts von Befristungen, Niedriglohnsektor, Leiharbeit und ungewollter Teilzeit ist jedoch genau das Gegenteil feststellbar. Die prekären Arbeitsbedingungen für junge Beschäftigte sind seit den Reformen der »Agenda 2010« für praktisch alle Altersgruppen spürbar und keineswegs ein Merkmal von Generationenungerechtigkeit.

Auch der immer wieder zu hörende und zu lesende Vorschlag, Kinderlose doch stärker als Eltern bei den Rentenbeiträgen zu belasten, hilft den Familien nicht wirklich. Viel wichtiger wäre es, alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung zu integrieren – also auch Selbständige, Beamtinnen und Beamte, Politikerinnen und Politiker, usw. – und diese nach allen Einkommen paritätisch zu finanzieren. Die Vorstellung, es ginge Familien besser, wenn den Kinderlosen mehr genommen würde, ist hingegen genauso irrtümlich wie der Gedanke, den Kindern ginge es besser, wenn die Renten gekürzt und privatisiert würden oder das Renteneintrittsalter weiter erhöht werden würde. Die letzten zwanzig Jahre beweisen dies eindrücklich. Die Widersprüche liegen zwischen Arm und Reich und nicht zwischen Alt und Jung oder zwischen Eltern und Kinderlosen.

Deshalb wäre eine armutsfeste Lebensstandardsicherung im Alter, die solidarisch in der gesetzlichen Rentenversicherung finanziert wird und nicht die private Versicherungsindustrie subventioniert, ein vielversprechender Weg. Dies widerspräche auch nicht einer effektiven Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut sowie höheren Bildungsinvestitionen. Das genaue Gegenteil ist der Fall, wie die letzten zwei Jahrzehnte zeigen. Allerdings müsste dann auch über höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen für alle Altersgruppen gesprochen und gestritten werden. Hartz IV und die besonders scharfen Sanktionen gegen unter 25jährige haben zu einem riesigen Niedriglohnsektor, prekären Arbeitsverhältnissen und zu verbreiteter Jugendarmut beigetragen. Deshalb müssen sie überwunden werden. Alt und Jung sollten sich hingegen nicht gegeneinander ausspielen lassen. In einer der reichsten und produktivsten Gesellschaften der Erde ist am Ende Generationensolidarität für alle sinnvoller als Generationenkämpfe – vor, während und nach der Coronakrise.

Die Diskurse um angeblich fehlende Generationengerechtigkeit haben mit den Diskussionen über die Coronamaßnahmen und ihre Folgen neue Fahrt aufgenommen. Dabei geht es in Wirklichkeit gar nicht so sehr um die angeblichen Alternativen auskömmlicher Alterssicherung oder ausreichender Finanzierung des Bildungs- und Jugendbereichs. Schaut man etwas genauer hin, entpuppen sich die generationen-kontrastierenden Darstellungen häufig als Verschleierung partikularistisch-privatisierender Absichten in der Sozialversicherung wie im Kinder- und Jugendbereich. Genausowenig sind Schulden (als sinnvolle Investitionen) und Renten (als berechtigte Lebensstandardsicherung) schuld an fehlender sozialer Infrastruktur in der offenen Jugendarbeit. Doch das ist für den Durchschnitt der medialen Produktionen zu kompliziert, also verbleiben viele von ihnen in ihren homogenisierten Feindbildern. Statt jedoch eine gerechte Altersversorgung und die Umsetzung von Kinderrechten als grundsätzlichen Antagonismus darzustellen, kann bewiesen werden, dass Kinder- und Altenrechte im Zeichen von Generationensolidarität gemeinsam realisierbar sind.

Anmerkungen

1 Vgl. Tagesspiegel, 10.5.2020

2 Vgl. Frankfurter Rundschau, 21.7.2020

3 Vgl. Frankfurter Rundschau, 24.7.2020

4 Frankfurter Rundschau, 22./23.8.2020

5 Handelsblatt, 1.5.2020

6 Alle Zitate im Absatz aus Die Welt, 23.5.2020

7 Vgl. Michael Klundt: Krisengerechte Kinder statt kindergerechtem Krisenmanagement? Eine Studie zu Auswirkungen der Coronakrise auf die Lebensbedingungen junger Menschen. Berlin 2020, S. 5 ff. Abrufbar unter: https://www.linksfraktion.de/fileadmin/user_upload/200608_Studie_Corona_Kinderland.pdf

8 Zitiert nach Tagesspiegel, 28.4.2020

9 Alle Zitate im Absatz aus Die Welt, 14.8.2020

Michael Klundt lehrt als Professor für Kinderpolitik an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 12. November über Kinderrechte und Kinderarmut im Coronakapitalismus.

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